Im Auftrag des Fahrrads
Radfahren ist gesund. Radfahren schont das Klima. Und seit Neuestem ist Radfahren auch sexy (siehe das aktuelle „Inwien“-Cover). Wie das aber so ist mit den gesunden, sexy Dingen des Lebens, hält sich die Begeisterung der Massen in Grenzen. In Wien soll sich das jetzt ändern; bis 2015 will die Stadtregierung den Radanteil am Verkehrsaufkommen auf acht Prozent erhöhen. Und was wäre ein politisches Projekt ohne einen eigens dafür geschaffenen Posten? Ende Juni hat Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou daher die Installierung einer beziehungsweise eines „Radbeauftragten“ angekündigt. Die Ausschreibung läuft noch bis 8. August. Interessierte sollten PR-Erfahrung mitbringen, außerdem sollte ihnen der Radverkehr „ein echtes Anliegen“ sein.
Umstrittene Werbung
Die Stadtregierung sucht offensichtlich keinen Autoschreck, sondern jemanden mit den nötigen Soft Skills. Die Aufgaben: Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Events, Sammeln von Ideen und so weiter. Klingt nett, aber etwas zahnlos. So sieht das Hans Doppel vom Radfahrverein ARGUS. Statt des „B-Postens in der MA 28“ wäre ihm eine Stelle in der Magistratsdirektion lieber gewesen. Das würde neben einem Weisungsrecht auch mehr Entscheidungsmacht bringen. „Kein vernünftiger Mensch wird etwas gegen die Öffentlichkeitsarbeit haben,“ stellt Doppel klar. Nur: „Wenn wir die Detailprobleme nicht lösen, wird Werbung auch nicht viel nützen.“ Das grundsätzliche Problem des Wiener Radverkehrs sieht der ARGUS-Mitarbeiter in falsch verstandener Bezirksautonomie. Die Bezirke würden sich beim Bau von Radwegen nicht genug absprechen und so ein „anständiges Radwegnetz“ verhindern. Die Gründe: Sturköpfe an der Bezirksspitze und politisches Hick-Hack.
Der grüne Gemeinderat und Fahrrad-Mastermind Christoph Chorherr sieht das Ganze naturgemäß anders. Er steht hinter der Idee des Fahrradbeauftragten und beruft sich dabei auf Erfahrungswerte aus anderen europäischen Städten. Dort habe sich gezeigt, dass es besonders darauf ankomme, „das Thema Radkultur in der Öffentlichkeit zu verankern“. Die Fahrradinfrastruktur werde „natürlich weiterhin ausgebaut“. „Das Defizit haben wir aber eher im Kommunikationsbereich“, meint Chorherr.
Fahrradhauptstadt Europas
Die Einführung einer Fahrradbeauftragten ist keine Eigenkreation der Wiener Grünen. Ähnliche Posten gibt es bereits in anderen europäischen Städten. Das ist jedoch nur ein Teil der ambitionierten grünen Pläne: „Wir wollen Wien zur Fahrradhauptstadt machen“, verkündet die Partei auf ihrer Website. Damit kann sie nur „Fahrradhauptstadt Österreichs“ meinen, denn im Vergleich mit Rest-Europa ist das Wiener Radaufkommen geradezu mickrig. Laut dem Google-Sucherergebnis für „Fahrradhauptstadt Europas“ streiten sich um diesen Titel Kopenhagen, London und Amsterdam.
Verantwortlich für solche Spitzenplatzierungen sind oft die günstigen Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zu Wien gibt es etwa in Amsterdam traditionell eine sehr positive Einstellung zum Radverkehr. Wegen der schmalen Gassen und hohem Verkehrsaufkommen musste die Bevölkerung schon früh in die Pedale treten. München eignet sich deshalb besser als Vorbild für Wien. Sowohl Chorherr als auch Doppel verweisen auf die erfolgreiche Münchner Radpolitik. Der Radverkehrsanteil war dort ursprünglich so hoch wie in Wien heute. Dann sei es gelungen, „den Anteil von sechs Prozent auf sechzehn Prozent zu erhöhen“.
Dominanz des Autos
Einig sind sich der Gemeinderat und der ARGUS-Mitarbeiter auch in folgendem Punkt: Die Rad-Community gehört mehr in die Verkehrsplanung eingebunden. Christoph Chorherr bringt es so auf den Punkt: „Die wahren Experten des Radverkehrs sind die Radfahrer und Radfahrerinnen selber.“ Eine solche Expertin ist die 21-jährige Karoline. Die Studentin legt seit Jahren jeden Weg in Wien mit dem Rad zurück. Nur bei strömendem Regen, oder wenn es im Schneematsch nicht mehr weitergeht, steigt sie auf Öffis um. Für Karoline ist ein grundlegendes Problem die Dominanz des Autoverkehrs. „Das System ist so ausgelegt, dass das Auto das natürliche Fortbewegungsmittel ist“, resümiert sie. Karoline erzählt von einer Straße in ihrer Wohngegend. Dort bestünden die Hausfassaden nur aus Garageneinfahrten; städtisches Leben habe dort keinen Platz. Insofern mache ein Radbeauftragter „schon Sinn“. Er oder sie müsse vermitteln, dass Radfahren vor allem eines sein kann: Spaß.








