07. Juni 2011 | Politik

„Der Druck muss von uns kommen“

Greenpeace/Georg Mayer
Helga Kromp-Kolb fordert die Senkung des Energiebedarfes
Die Forscherin Helga Kromp-Kolb über Klima-schutz von unten, und zwar ohne Atomkraft

 

Ohne eine Katastrophe werden die politisch Verantwortlichen weitermachen wie bisher. So lautet die ernüchternde Einschätzung der Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb in puncto Erderwärmung. Auch der österreichischen Politik stellt sie kein gutes Zeugnis aus: Klimamusterschüler? „Keineswegs“, meint Kromp-Kolb mit Blick auf den rasanten Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland. Helga Kromp-Kolb ist die bekannteste Klima-Mahnerin Österreichs. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit den „negativen Auswirkungen von dem, was die Menschen tun“. Allem Pessimismus zum Trotz, habe „ein guter Teil der Bevölkerung schon umgedacht“. Das sei der „bereitete Boden“ für die bevorstehende Nachhaltigkeitswende.

 

flickr.com/Alf Altendorf (CC)

mokant.at: Atomkraft ist seit der Katastrophe von Fukushima ein viel diskutiertes Thema, auch im Zusammenhang mit dem Klimaschutz. Brauchen wir Atomkraft, um den Klimawandel aufzuhalten?

Helga Kromp-Kolb: Nein, wir brauchen sie sicher nicht. Es geht sogar noch weiter: Sie kann es nicht. Selbst wenn wir keine Bedenken gegen Atomkraft hätten, wenn das eine wünschenswerte Energieform wäre: Sie ist nicht dazu in der Lage, in der Geschwindigkeit die fossilen Brennstoffe zu ersetzen, die notwendig ist.

 

mokant.at: Welche Geschwindigkeit wäre denn notwendig?

Helga Kromp-Kolb: Im Grund müssen wir innerhalb der nächsten fünf Jahre von einer Welt, die jedes Jahr mehr Treibhausgasse emittiert, zu einer Welt werden, die jedes Jahr weniger Treibhausgase emittiert. Das heißt, dass man den Zuwachs an Energieverbrauch dramatisch senken muss und gleichzeitig aus den fossilen Energieformen aussteigen muss. Wenn wir die konventionellen Öl- und Gasreserven weiter fördern und aufbrauchen, dann haben wir ausgeschöpft, was die Atmosphäre noch verträgt, bevor wir die Folgen des Klimawandels nicht mehr bremsen können. Gleichzeitig müssten wir aber aus Kohle aussteigen, das ist nämlich der wichtige Punkt dabei.

 

mokant.at: Könnten alternative Energiequellen diesen Sprung schnell genug vollziehen?

Helga Kromp-Kolb: Wenn unser Verbrauch weiter so stark zunimmt wie bisher, dann können das auch die alternativen Energiequellen nicht. Das Ganze muss daher parallel gehen mit einer enormen Bedarfssenkung. Die muss einerseits kommen aus Effizienzsteigerungen, aber andererseits auch aus einer echten Senkung des Verbrauchs. Man kann durchaus auch mit Muskelkraft die Zähne putzen.

 

flickr.com/Peter Blanchard (CC)

mokant.at: Die deutsche Regierung hat direkt nach Fukushima sieben Atommeiler vom Netz genommen und plant jetzt den Atomausstieg. Was halten Sie von diesem Vorgehen?

Helga Kromp-Kolb: Solche überhasteten Entscheidungen, die aus der momentanen politischen Situation entstehen, sind immer problematisch. Gegen die Abschaltung von älteren Kernkraftwerken, die wahrscheinlich zu den riskanteren in Deutschland gehören, ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Man kann aber nicht spontan sagen: „Wir verzichten jetzt auf alle Kernkraftwerke der Welt.“ Energetisch kämen wir da sicher in große Probleme. Ich halte einen geordneten Ausstieg für etwas Vernünftiges. Das muss aber einhergehen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energiequellen.

 

mokant.at: Was sind die handfesten wirtschaftlichen Argumente gegen die Atomkraft?

Helga Kromp-Kolb: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Atomenergie nie einen Aufschwung oder eine Ausbauphase erlebt hat, in der sie nicht staatliche gefördert wurde. Wirtschaftlich rechnet sie sich per se nicht. Eines der wesentlichen Probleme dabei ist, dass man bei der Atomenergie am Anfang unheimlich viel investierten muss. Wenn es dann an der Anlage ein Problem gibt, wie jetzt in Fukushima, oder die Anlage aus politischen Gründen stillgelegt werden muss, ist die Investition verloren. Die Wirtschaft und vor allem die Finanzwirtschaft hat daher kein Interesse an dieser Energieform.

 

mokant.at: Durch die starke Nutzung der Wasserkraft haben wir in Österreich einen hohen Anteil an erneuerbaren Energieträgern. Macht uns das zum Umweltmusterschüler?

Helga Kromp-Kolb: Wir sind von der Natur bevorzugt bezüglich der Wasserkraft. Wir haben auch eine Bevölkerung, die sehr früh angefangen hat, sich mit Solarenergie, Biomasse oder mit Windkraft zu beschäftigen. Wenn man sich aber anschaut, wie die Entwicklung der Erneuerbaren in Österreich ausschaut, dann sind wir keineswegs Musterschüler. Wir haben einen Startvorteil gehabt, haben aber fast nichts draufgesetzt. Deutschland zum Beispiel hat mit seinem Ökostromgesetz eine unheimliche Zunahme an erneuerbaren Energien erlebt. In Österreich gab es auch eine Zunahme, aber sie ist damit überhaupt nicht vergleichbar.

 

flickr.com/Matt Rudge

mokant.at: Wir ruhen uns also auf unseren Lorbeeren aus?

Helga Kromp-Kolb: Ja, aber zu unrecht. Weil wir die notwendigen Strukturmaßnahmen und Investitionen jetzt nicht tätigen, werden wir es umso schwerer haben, den späteren Herausforderungen zu begegnen. Ich bin vor einiger Zeit mit dem Zug durch Deutschland gefahren: In jedem kleinen Dorf dort ist mindestens ein Fünftel der Dächer, oft die Hälfte der Dächer, mit Solarenergieanlagen in irgendeiner Form ausgestattet. Man fährt über die Grenze und das hört schlagartig auf. Da gibt es dann vereinzelt Häuser von Pionieren, aber eine großflächige Nutzung dieser Energie ist in Österreich nicht gegeben.

 

mokant.at: Warum wird das hierzulande nicht mehr gefördert?

Helga Kromp-Kolb: Das hat politische Gründe, und dass die Politik so agiert, hat vermutlich strukturelle Gründe. Ich habe einmal Hermann Scheer (SPD-Politiker und Pionier auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien, Anmerkung der Redaktion) gefragt, was das Besondere am Ökostromgesetz in Deutschland ist. Er hat gemeint, das Wesentliche am Ökostromgesetz war, dass es an den großen Stromkonzernen vorbeigegangen ist. Man hat deren Zustimmung nicht gebraucht; man hat deren Mitwirkung nicht gebraucht. In Österreich hat man diesen Schritt nicht getan, deswegen verharren wir in diesen großen Strukturen und träumen von Dingen wie der Nabucco-Pipeline.

 

mokant.at: Welchen Anteil nimmt der individuelle Konsum am Klimaproblem ein?

Helga Kromp-Kolb: Wenn wir nur von Energie und Strom sprechen, greifen wir zu kurz. Im Grunde genommen verbrauchen wir zu viele Ressourcen. Wenn überflüssige Produkte nicht mehr gekauft werden, hat das automatisch Auswirkungen auf den Energiebedarf der Industrie. Es gibt durchaus Modelle, wie eine Wirtschaft ausschauen kann, die erstens nicht wächst und zweitens viel weniger produziert. Das hängt dann damit zusammen, dass die Leute auch viel weniger arbeiten. Für diese wenigere Arbeit kriegen die Leute das, was sie brauchen, um sich das zu kaufen, was notwendig ist. Die übrige Zeit können sie verwenden für das, was sie eigentlich befriedigt und auch glücklich macht.

 

flickr.com/Paul Graham Morris (CC)

mokant.at: Hätten die Konsumentinnen und Konsumenten eine größere Verantwortung für das Klima, als sie sich derzeit eingestehen?

Helga Kromp-Kolb: Unbedingt. Nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Bürger von demokratischen Staaten. Nach der großen Klimakonferenz von Kopenhagen habe ich das Vertrauen verloren, dass von der politischen Ebene eine wirkliche Vorgabe kommt. Es müsste schon irgendeine Katastrophe passieren, damit sich die Staatsmänner und Staatsfrauen dann doch entscheiden, etwas zu tun. Der Druck muss von unten kommen, das heißt: von uns. Indem man seinen Konsum überprüft und reduziert auf das, was notwendig ist. Indem man politisch bewusst agiert, Leserbriefe schreibt, an Demonstrationen teilnimmt, oder was auch immer. Es ist Zeit, dass die Bevölkerung das Unbehagen, das meines Erachtens ja durchaus da ist, zum Ausdruck bringt.

 

mokant.at: Glauben Sie, es ist leichter, die Bevölkerung zum Umdenken zu bringen als die Politik?

Helga Kromp-Kolb: Ich glaube, dass ein guter Teil der Bevölkerung schon umdenkt oder umgedacht hat. Vom Denken aufs Umsetzen ist es schon noch ein Schritt, das gebe ich zu. Aber das Umdenken ist der Anfang. Die Soziologen sagen, dass es genügt, wenn fünfzehn Prozent der Bevölkerung wissen, wo sie hinwollen und wie die Zukunft ausschauen soll. Die ziehen die anderen dann mit. Es ist keine demokratische Abstimmung in diesem Sinn, sondern es ist ein Vorbild, ein Vorleben, ein Vordenken.

 

mokant.at: Sind junge Menschen für dieses Umdenken eher zugänglich als Ältere?

Helga Kromp-Kolb: Das geht quer durch alle Bevölkerungsschichten. Bei der Jugend habe ich den Eindruck, dass eine ziemliche Polarisierung aufgetreten ist. Da gibt es die, denen das alles vollkommen bewusst ist. Zum Teil sind die auch verzweifelt, dass die Welt so ausschaut, wie sie ausschaut, und wollen dringend etwas ändern. Dann gibt es die, die sich überhaupt nicht darum kümmern oder sagen: „Wer weiß, wie es in Zukunft ist, nützen wir die Zeit jetzt, wo es uns noch gut geht.“ Aber Jugend kann relativ rasch lernen und auch erkennen, dass Handeln notwendig ist. Das ist für die Jugend viel leichter als für diejenigen, die jetzt in Entscheidungsfunktionen sind. Die sind mit so vielen Fäden geknüpft an alle möglichen Zusagen und Verpflichtungen, dass sie sich sehr schwer wieder lösen können.

 

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