12. Mai 2011 | Politik

„Wir leben in einer Diktatur“

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Sissi Luif ist die Demokratie lieber als eine kommunistische Diktatur

Lang kann einer kommunistischen Diktatur etwas abgewinnen, Luif zieht Demokratie vor

 

mokant.at: Wenn man sich die Webseite des KSV-Lili anschaut, werden Antisexismus und Feminismus oft thematisiert. Welche Rolle spielt Feminismus bei euch?

Julia Kraus: Wir leben noch immer in keiner gleichberechtigten Gesellschaft, Frauen sind noch immer benachteiligt. Deswegen ist es sehr wichtig, Frauen aktiv zu unterstützen und da reicht auch keine Frauenquote.

David Lang: Richtig.

Sissi Luif: Linke Politik ist feministisch oder sie ist nicht links.

David Lang: Ja, dem stimme ich zu.

 

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Auch David Langs Feuerzeug ist vom Klassenkampf überzeugt

mokant.at: Also da hätten wir zum Beispiel ein Thema, wo ihr euch einig seid. Wäre eine Wiedervereinigung gar keine Option?

David Lang: Ausschließen würde ich nichts, aber kurzfristig ist das schwer möglich, weil man auf sehr verhärtete Fronten stößt.

Julia Kraus: Wir verstehen uns als undogmatische Organisation, die pluralistisch ist. Diesen Ansatz sehe ich beim KSV leider nicht, deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass wir wieder zusammenfinden.

David Lang: Die Auseinandersetzungen sind noch nicht ausgestanden. Es ist zum Beispiel die Sache mit dem Namen: Der KSV als Verein existiert seit 1972, seit 1974 wird zur ÖH-Wahl angetreten. Wenn eine Gruppe austritt und dann unter unserem Namen auftritt, ist es für uns problematisch. Studierende aus anderen Bundesländern kennen dort unsere Arbeit und assoziieren das mit dem Namen „KSV“.

Sissi Luif: Um dem etwas entgegenzuhalten: Die Gruppe in Wien hat auch eine Kontinuität, die bis 1972 zurückgeht. Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass wir KSV-LiLi sind und die anderen KSV-KJÖ, wobei der Beiname „linke Liste“ für uns auch bedeutet, dass wir uns gegenüber anderen linken Leuten geöffnet haben.

 

mokant.at: Habt ihr vor, weiter um den Namen zu kämpfen?

David Lang: Natürlich. Es gab ja auch ein zivilgerichtliches Urteil, weswegen sich der neue Verein, den die damals Ausgetretenen gegründet haben, auflösen musste.

Sissi Luif: Der Verein wurde damals aufgelöst, aber die Wahlkommission der Uni Wien hat unseren Namen bestätigt.

 

mokant.at: Die Positionen sind grundsätzlich verständlich, aber viele scheinen die Diskussion nicht nachvollziehen zu können. Im Standard-Forum gab es zum Artikel zu diesem Thema den User-Kommentar: „Nehmt doch als Kürzel, das auch für die Ideologie steht: GULAG!“ Was sagt ihr dazu?

Sissi Luif: Es steht auf jeden Fall nicht für unsere Positionen. Realsozialistische Versuche in der Vergangenheit entsprechen nicht dem, was wir uns unter Kommunismus vorstellen. Es ist wichtig, das, was es in der Vergangenheit gab und sich als Kommunismus bezeichnet hat, zu kritisieren und aufzuarbeiten.

 

mokant.at: Und was stellt ihr euch unter Kommunismus vor?

Sissi Luif: Die Überwindung aller unterdrückerischen Verhältnisse. Uns geht es darum, die Gesellschaft dahingehend zu verändern. Das machen wir in Zusammenarbeit mit verschiedenen linken Gruppen.

David Lang: Dass die Versuche des Realsozialismus nicht das Gelbe vom Ei waren, bestreitet bei uns auch keiner. Nur denken wir, dass es sehr wohl positive wie negative Seiten gegeben hat. Es gilt, genau zu analysieren, woran es wo konkret gehapert hat. Es gibt auch jetzt noch realsozialistische Länder, wie Kuba, wo man es schafft, grundlegende soziale Rechte zu sichern, die wir in Österreich so nicht einmal kennen. Das allein sollte uns genug Ansporn sein, um neue Wege zu gehen. Man muss schauen, was man aus der Vergangenheit holt und wie man versucht weiterzuarbeiten.

 

mokant.at: Du siehst Kuba als positives Beispiel?

David Lang: Ja.

 

mokant.at: Was ist mit Meinungsfreiheit oder politischer Vielfalt, richtigen Wahlen?

David Lang: Es stellt sich die Frage, was die Alternative dazu ist. Wenn man sich die Gegend dort ansieht, wäre die Alternative ein System wie in Jamaika, wo es keinerlei soziale Absicherung gibt, wo es ein elitäres Bildungswesen gibt, wo die Leute auf der Straße krepieren.

 

mokant.at: Deine Position ist also: Diktaturen sind legitim, wenn sie soziale Leistungen erbringen?

David Lang: Wir leben auch jetzt in einer Diktatur, also so demokratisch geht es bei uns ja auch nicht zu. Bei uns ist es so: Wer das Geld hat, hat das Sagen. Wir haben eine Minderheit, die eine Mehrheit kontrolliert.

 

mokant.at: Teilt ihr diese Meinung?

Julia Kraus: Nein. Wir würden das gegenwärtige System in Österreich sicher nicht als Diktatur bezeichnen.

Sissi Luif: Ich bin der Meinung, dass eine Demokratie einer Diktatur auf jeden Fall vorzuziehen ist. Du hast schon Recht, David, wenn du sagst, dass Geld eine entscheidende Rolle spielt. Es werden etwa Parteien von Unternehmen unterstützt und diese haben dann viel zu sagen. Aber trotzdem gibt es eine gewisse Einflussmöglichkeit seitens der Bevölkerung und das ist auch wichtig so.

 

mokant.at: Immer wenn kommunistische Bewegungen an die Macht kommen, hat es mit Gewalt zu tun. Könnte das auch anders funktionieren?

David Lang: Das ist eine Frage der Kräfteverhältnisse. Wenn man ein System überwindet, werden sich die vormaligen Machthaber mit Händen und Füßen dagegen wehren. Es kann durchaus möglich sein, wenn die Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft dementsprechend aufgestellt sind, dass man einen Handschlag macht und dann ist man im Realsozialismus und kann mit der Aufbauarbeit hin zum Kommunismus beginnen.

 

mokant.at: Nirgendwo, wo Kommunisten regiert haben, wurde richtiger Kommunismus etabliert. Kann richtiger Kommunismus überhaupt existieren?

David Lang: Es ist von den Ländern, die bei uns als kommunistisch bezeichnet werden, nie selbst behauptet worden, dass sie kommunistisch seien. Aber ja, ich denke, dass Kommunismus existieren kann. Es ist notwendig, das kapitalistische System zu überwinden. Dieses System zerstört sich jeden Tag, es lässt jeden Tag Leute elendig krepieren. Eine permanente Befreiung von Ausbeutung, Verwertungszwang, Krieg wird im Kapitalismus nicht möglich sein.

 

mokant.at: Sissi und Julia, ist Kommunismus überhaupt möglich? Und wie könnte man ihn erreichen?

Sissi Luif: Natürlich glaube ich an die Möglichkeit. Aber ich glaube nicht, dass man Kommunismus von oben etablieren kann. Das muss von allen ausgehen, von einer breiten Masse der Bevölkerung. Das Ziel ist, dass die Leute selber über ihr Leben bestimmen können.

 

mokant.at: Damit eine große Bewegung mit dem Ziel, Geld anders zu verteilen, entstehen kann, müssten viele Menschen wahrscheinlich freiwillig auf etwas verzichten. Wäre das realistisch?

Sissi Luif: In den 1970er-Jahren gab es schon stärkere Maßnahmen zur Umverteilung in Österreich. Wobei das mit dem freiwillig …

 

mokant.at: Da sind wir dann wieder bei der Gewalt.

Sissi Luif: Es geht auf jeden Fall nicht darum, Leute, die viel Geld haben, umzubringen und ihnen ihr Geld wegzunehmen. Man braucht eine ganz andere Organisierung der Gesellschaft, die so funktioniert, dass es einfach nicht möglich ist für einzelne Menschen, so viel Reichtum anzuhäufen.

Julia Kraus: Nur zu sagen „Man muss das Geld denen wegnehmen, die zu viel haben“, ist eine sehr verkürzte Kapitalismus-Kritik. Das würde zu nichts führen. Und wenn eine Revolution stattfindet, etabliert sich wieder eine neue Minderheit, die eine Mehrheit kontrolliert und das führt dann ebenso genau zu gar nichts. Das muss ein Prozess sein, der sich in der Gesellschaft etabliert.

 

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