„Das Schicksal der Studierenden ist egal“
Die ÖH-Wahl naht: Bernhard Krall (AG) und Janine Wulz (GRAS) im Streitgespräch
In der derzeitigen ÖH-Exekutive stellen die „Grünen und Alternativen StudentInnen“ (GRAS) die Bundesvorsitzende. Obwohl stimmenstärkste Fraktion, spielt die„Aktionsgemeinschaft“ (AG) nur die zweite Geige: Sie führt die Opposition an. Im Interview machen der AG-Spitzenkandidat Bernhard Krall und die GRAS-Spitzenkandidatin Janine Wulz keinen Hehl daraus, dass ihre Fraktionen so gut wie nie einer Meinung sind. Beide sprechen sich für die Ausfinanzierung der Hochschulen aus, beide studieren Politikwissenschaft- doch da enden schon die Gemeinsamkeiten. Während Wulz sich„mit aller Vehemenz gegen jede Form von Zugangsbeschränkungen“ und gegen die Ökonomisierung der Bildung stellt, ist Krallnaturgemäß anderer Ansicht: Er fordert „ein faires Zugangsmanagement“ und mehr private Investitionen an den Unis. Im verbalen Schlagabtausch werden keine Gefangenen gemacht. So hält Wulz der AG vor, von der ÖVP abhängig zu sein und „keine eigenen Inhalte“ zu setzen. Bernhard Krall bescheinigt ihr im Gegenzug„blanken Populismus“.
mokant.at: Janine, die AG ist die stimmenstärkste Fraktion im Studierendenparlament. Was macht die AG richtig?
Janine Wulz: Die Aktionsgemeinschaft, die ja eine sehr ÖVP-nahe Organisation ist, tut vor allem eines, und das ist Wählerinnentäuschung. Sie gaukelt den Wählerinnen vor, sie wäre eine unabhängige Fraktion, was schlicht und ergreifend nicht stimmt. Ganz im Gegenteil: Wir haben mehr als genügend Belege dafür, dass die Aktionsgemeinschaft von der ÖVP unterstützt wird. Würden das die Studentinnen und Studenten wissen, bin ich mir sicher, dass sie die Aktionsgemeinschaft auch nicht wählen würden.
mokant.at: Du glaubst, die Studierenden wählen lieber unabhängige Fraktionen?
Janine Wulz: Nicht unbedingt, aber ich glaube, dass eine Fraktion, die so unpolitisch rüberkommt und keine eigenen Inhalte setzt, vielleicht als sehr beliebig und als das kleinere Übel wahrgenommen wird.
mokant.at: Das waren jetzt große Vorwürfe. Was sagt die AG dazu?
Bernhard Krall: Ich empfinde das als relativ blanken Populismus. Wir stehen für sehr unabhängige eigene Inhalte und wir beweisen das regelmäßig in sämtlichen Positionierungen, auch gegenüber den Ministerien, gegenüber der Volkspartei, gegenüber der Bundesregierung. Hier kann man nicht sagen, dass die Aktionsgemeinschaft eine irgendwo abhängige Fraktion wäre. Zweiter Punkt: Die Aktionsgemeinschaft macht sehr viel richtig, indem sie studierendenbezogene Inhalte setzt und dort Verbesserungsvorschläge bietet, wo die Universitäten etwas falsch machen. Sie ist sehr nah an den Studierenden, indem sie berät, indem sie Öffnungszeiten hat, die jeder wahrnehmen kann.
mokant.at: Zugangsbeschränkungen sind ein großes Streitthema zwischen GRAS und AG. Bei der letzten ÖH-Wahl war die AG noch dagegen, jetzt fordert sie ein „Zugangsmanagement“. Habt ihr eure Meinung geändert?
Bernhard Krall: Ja, die AG hat in Teilen ihre Meinung geändert und dazu stehen wir auch, weil wir gesehen haben: Wir kommen damit nicht weiter und die Situation der Studierenden in einigen Studienrichtungen verbessert sich nicht mit der einzigen Forderung „Wir wollen mehr Geld!“ – was wir derzeit auch nicht in Sicht haben. Die Forderung nach mehr finanziellen Mitteln, nach einem Ausbau der Ressourcen bleibt ganz klar aufrecht. Mir liegt Bildung und die Investition in die Generation der Studierenden enorm am Herzen. Allerdings liegen mir die Studierenden genauso am Herzen, die in überlaufenen Studienrichtungen studieren möchten und das auch mit einem gewissen qualitativen Anspruch tun wollen. Daher hat die Aktionsgemeinschaft gesagt: Für diese Studienrichtungen – und nur für diese – fordern wir ein faires Zugangsmanagement.
Janine Wulz: Aber du hast mir noch nie schlüssig erklären können, was euer Zugangsmanagement von Zugangsbeschränkungen unterscheidet und was dort genau passieren soll.
Bernhard Krall: Wenn du an der Frage interessiert bist, kann ich es dir gleich sagen und vielleicht werde ich nicht sofort unterbrochen. Wir haben ein Beispiel, das wir uns vorstellen können: Das kann eine ein- bis zweiwöchige Phase vor Beginn des Semesters sein, in der ich zu Lehrveranstaltungen als Studienwerber hingehe, dort mitmache und am Schluss dann auch Tests und Prüfungen ablege. In die sollen auch lehrveranstaltungsimmanente Bewertungen einfließen, die die Motivation des Studienwerbers abfragen und Persönlichkeitsmerkmale in die Entscheidung einbeziehen.
mokant.at: Und das geht sich alles in zwei Wochen aus?
Bernhard Krall: In zwei Wochen kann man doch sehr gut sehen, wie groß die Aufnahmefähigkeit für ein Studium ist. Es ist auf alle Fälle fairer als eine Entscheidung durch einen fünfstündigen Test an einem einzelnen Tag. Und es ist ganz bestimmt auch fairer als zwei, drei, vier Semester am Boden zu sitzen, nichts mitzubekommen, Beihilfen zu verlieren und durch Knock-Out-Prüfungen gekickt zu werden. Das ist das ganze Konzept und das ist nur ein Beispiel.
Janine Wulz: Das ist kein Beispiel, das ist im Prinzip ein Abschauen von Assessment-Centern irgendwelcher Elite-Unis. Das ist genau das, wo die Aktionsgemeinschaft hin will, und richtet sich gegen jede Form eines freien Hochschulzugangs. Du kannst es so schönreden, wie du willst: Wenn du solche Aufnahmeprüfungen hast, dann sind das Zugangsbeschränkungen. Das ist ein EMS-Test (Eignungstest für das Medizinstudium, Anmerkung der Redaktion), den ich halt auf eine Woche ausdehne, und da werden Leute rausfliegen. Was machst du mit diesen Leuten? Die sollen ein Semester warten und in die Luft schauen, bis sie den nächsten Test machen können? Super!
mokant.at: Die Frage ist ganz interessant: Was soll mit den Leuten passieren, die es nicht schaffen?
Bernhard Krall: Es ist ein Unterschied zwischen Zugangsmanagement und Zugangsbeschränkungen. Wir sprechen uns ganz klar nur für eine zahlenmäßige Beschränkung in den einzelnen Studienrichtungen aus.
Janine Wulz: Ja, aber das ist doch gerade der Sinn von Zugangsbeschränkungen.
Bernhard Krall: Nein, denn wir sprechen uns nicht dafür aus, dass wir in Summe weniger Studierende haben. Wir sprechen uns dafür aus, dass die Kapazitäten ausgebaut werden. Ich weiß nicht, warum nicht einsickert, dass das nicht das Gleiche ist wie Zugangsbeschränkungen.
Janine Wulz: Das heißt, ihr wollt jetzt mal für zwei, drei Jahre Zugangsbeschränkungen. Und dann wird die Regierung wie von ganz alleine die Studienkapazitäten bis ins Unendliche ausbauen? Wieso kann man sich als Studierendenfraktion nicht hinsetzen und sagen: „Wir fordern, dass die Kapazitäten an den Universitäten ausgebaut werden. Wir fordern eine Ausfinanzierung der Unis“? Stattdessen legt ihr völlig undurchdachte Konzepte auf den Tisch, die in Wahrheit Zugangsbeschränkungen sind. Das ist absolut gegen die Interessen der Studierenden.
Bernhard Krall: Darf ich aussprechen? Wir fordern die Finanzierung der Universitäten, sodass das funktioniert. Nur: Wir sehen seit einigen Jahren, dass das nicht geschieht. Jetzt befinden sich die Studierenden in den überlaufenen Studienrichtungen in einer ideologischen Geiselhaft, die dazu dient, politischen Druck aufzubauen. Das konkrete Schicksal dieser Studierenden ist ganz egal, hauptsache ...
Janine Wulz (belustigt) Das konkrete Schicksal dieser Studierenden ist also egal.
Bernhard Krall: Das ist, was ihr sagt, was ihr draus macht. Ihr sagt: „Wir wollen euch als politisches Druckmittel verwenden.“
Janine Wulz: Das politische Druckmittel, das wir haben, heißt „verhandeln“, heißt „Konzepte erarbeiten“, heißt „Bücher schreiben darüber, wie sich die Bildung in Österreich weiterentwickeln soll“.
Bernhard Krall: Mit Büchern wird sich nichts ändern an der politischen Realität.
Janine Wulz: Na das nenn ich mal einen Politikwissenschaftler. Unser Druckmittel heißt auch „auf die Straße gehen“, wenn es notwendig ist.
Bernhard Krall: Um auf die Frage zurückzukommen, was mit den Studierenden passieren soll, die nicht durchkommen: Das Zugangsmanagement soll vorgelagert sein, sodass ich auch umsteigen kann, beziehungsweise eine alternative Studienwahl treffen kann. Eventuell gefällt dann dieses andere Studium recht gut. Die GRAS sagt immer, durch vorgelagerte Beratung wird sich das alles ändern. Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann wird die Kapazität auch ausreichen.
mokant: Janine, möchtest du noch etwas dazu sagen?
Janine Wulz: Wir müssen uns mit aller Vehemenz gegen jede Form von Zugangsbeschränkungen stellen – vor allem gegen die, die es jetzt schon gibt, wie den EMS-Test oder die Studieneingangsphase auf der Informatik. Und zwar aus dem Grund, weil Zugangsbeschränkungen immer und in jedem Fall sozial selektiv sind.
Bernhard Krall: Das ist beim freien Hochschulzugang in Österreich genauso der Fall.
Janine Wulz: Ja, deswegen brauchen wir auch eine soziale Absicherung für alle Studierenden. Trotzdem wissen wir aus zahlreichen Studien, dass Zugangsbeschränkungen vor allem Leute aus sozial schwächeren Familien davon abhalten, jemals zu studieren. Diese Studien empfehle ich dir mal zu lesen. Die andere Sache ist, dass durch Zugangsbeschränkungen auch Frauen ganz klar ausgeschlossen werden. Wir sehen das gerade an der Informatik, wo es seit einem Semester Studieneingangsgespräche gibt. Von einem Semester aufs nächste ist die Zahl der Frauen, die das Studium beginnen, um ein Drittel zurückgegangen. Das ist total erschreckend, weil man eigentlich alles dafür tut, dass man endlich Frauen in den technischen Berufen stärkt.








