09. Februar 2011 | Politik

Von Burschen und Burschis

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Wie gefährlich ist das Weltbild von Burschenschaften denn wirklich?

Burschenschaften: zwischen Paraderechten und Verbindungen mit Pärchenbildung

 

Am Abend des Korporationsballes sind Burschenschaften zumindest einmal im Jahr das ganz große Thema. Zahlreiche links-gerichtete Verbände mobilisierten im Vorfeld der Ballnacht am 28. Jänner gegen die alljährliche Veranstaltung des Wiener Korporationsrings. Doch während in der Hofburg die – laut ÖH – „Crème de la Crème der österreichischen wie auch europäischen Rechten“ feierte, fiel die geplante antinationale Demo ins Wasser. Der Demonstrationszug sei in der Vergangenheit „immer wieder dazu genützt wurde, strafbare Handlungen zu setzen“, begründet Roman Hahslinger, Sprecher der Wiener Polizei, das Verbot. Nach einer spontanen, nicht angekündigten Demonstration am Vortag des Balles haben die Behörden auch die Durchführung einer bloßen Standdemo untersagt.

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„Burschis zerstückeln“
So paradox die Situation anmutet: Die „sogenannten Eliten“ in der Hofburg hätten die öffentliche Meinung auf ihrer Seite, meint der Rechtsextremismus-Forscher Heribert Schiedel. Die Wahl zwischen korporierten Anwälten und Ärzten auf der einen und den „lauten, Krawall machenden Demonstrierenden“ auf der anderen Seiten, fällt offenbar nicht schwer. Abgesehen davon ist die Argumentation der Polizei nicht ganz von der Hand zu weisen. Demo-Aufnahmen der letzten Jahre zeigen immer wieder vermummte Gestalten mit Anarcho-Flaggen und teils bedenklichen Transparenten: „Burschis zerstückeln“, heißt es da etwa. In seiner Brisanz illustriert der Korporationsball die widersprüchliche Meinung der österreichischen Bevölkerung zu Burschenschaften und Studentenverbindungen. Die schwanke laut Schiedel zwischen „Verharmlosung und Alarmismus“.

Verbrüderung unerwünscht
Allein die Zahl der heimischen Schüler- und Studentenverbindungen ist fast unüberschaubar. Farbtragend oder nicht farbtragend, pflichtschlagend, fakultativ schlagend oder nicht schlagend, Burschenschaft oder sonstige Verbindung: Eine genaue Differenzierung ist angebracht, denn das Spektrum ist alles andere als schwarz-weiß. Für das österreichische Verbindungswesen charakteristisch ist eine tiefe Spaltung in konfessionelle (vorrangig römisch-katholische) Verbindungen und deutschnationale Burschenschaften. Beide haben ihre Wurzeln in studentischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, weltanschaulich gibt es aber nur punktuelle Gemeinsamkeiten.

Verbrüderungen zwischen den Lagern werden zumindest auf Seite der katholischen Verbindungen nicht gerne gesehen. „Es ist dezidiert sehr, sehr unerwünscht, mit deutschnationalen Burschenschaften Kontakt zu halten“, meint der 22-jährige Georg, Mitglied der katholischen Mittelschülerverbindung Herulia Stockerau. „Deswegen könnte ich aus meiner Verbindung rein theoretisch hinausfliegen.“ Traditionell hätten Studentenverbindungen in Österreich „ein schlechtes Standing“. Katholische Verbindungen stehen daher unter Druck, sich gegen rechtsnationale Burschenschaften abzugrenzen. In Deutschland sieht Georg die Lage entspannter: „Die deutschnationalen Burschenschaften in Deutschland haben ja schon, was sie wollen.“ Nämlich die Angehörigkeit zur deutschen Nation. Deutschnationalismus sei ein „völkisches Denken“, das das Volk vor den Staat stelle, erklärt Heribert Schiedler. Zwar anerkennen sowohl katholische als auch deutschnationale Verbindungen „Vaterlandstreue“ als eines ihrer Grundprinzipien, interpretieren sie aber unterschiedlich.

 

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Olympia als Paradebeispiel
Die latente Ablehnung des österreichischen Staates ist nur eine bedenkliche Eigenart deutschnationaler Burschenschaften, die Verfassungsschützern Bauchschmerzen bereitet. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Umgang mit der eigenen Vergangenheit. So würden Burschenschaften unbequeme Fakten unter den Teppich kehren und „mit der Wahrheit lügen“. „Die Olympia hatte bereits 1933 das Führerprinzip angenommen und damit gewissermaßen den Anschluss vorweggenommen“, gibt Schiedel etwa zu bedenken. Die angesprochene „Wiener akademische Burschenschaft Olympia“ dient regelmäßig als Paradebeispiel für die Verbindung zwischen Burschenschaften und Rechtsextremismus. Sie wurde 1859 gegründet, ihr prominentestes Mitglied ist der dritte Nationalratspräsident Martin Graf. Für Aufregung sorgten in jüngerer Zeit die Einladungen der schlagenden Verbindung an den Holocaust-Leugner David Irving. Bis Redaktionsschluss war bei der Olympia niemand zu einer Stellungnahme bereit.

„Männerbünde kritisieren“
Unabhängig von einer etwaigen rechtextremen Ausrichtung haben Menschen wie Heribert Schiedel „vieles an Männerbünden grundsätzlich zu kritisieren“. Das betrifft etwa das sogenannte Lebensbundprinzip und damit zusammenhängend die Ausbildung von Seilschaften. Vom Fuchs zum Bursch, vom Bursch zum Altherren: Studentenverbindungen sind auf lebenslange Mitgliedschaft ausgerichtet. Die Austrittsmöglichkeit muss zwar garantiert sein (Korporationen sind aus juristischer Sicht Vereine), besonders oft wird davon aber nicht Gebrauch gemacht. Mitglieder werden bisweilen ausgeschlossen, etwa um bloße Mitläufer loszuwerden. Nach Georgs Erfahrung ist aber auch das „sehr, sehr selten“. „In meinen sechs Jahren Verbindungszeit waren das drei Fälle.“

Daneben entspricht auch die Einstellung vieler Studentenverbindungen gegenüber Frauen nicht unbedingt der Höhe der Zeit. Wie die überwiegende Mehrheit der Kooperationen nimmt auch die Herulia Stockerau Frauen nicht als Vollmitglieder auf. So manche gemischtgeschlechtliche Verbindung sei schon an Beziehungskisten zerbrochen, begründet Verbindungsstudent Georg. Die Unvereinbarkeit der Geschlechter hänge mit dem Lebensbundprinzip und den häufigen Treffen zusammen: „Ich sehe die Leute von meinen Verbindungen drei-, vier-, fünfmal die Woche. Das wäre bei Pärchenbildung wie in einer gemischtgeschlechtlichen Verbindung kaum möglich nach Trennungen.“

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