„Monatlicher Besuch beim Schrottplatz “
Georg Edlinger erzählt wieso er als Musiker Stammgast auf dem Schrottplatz ist
Georg Edlinger ist ein österreichischer Perkussionist. Nachdem er sein Schagzeug-Studium am Konservatorium Wien absolvierte, beschäftigte er sich mit afrikanischer und afroakaribischer Musik. Zusätzlich studierte er IGP-Drums und Perkussion. Dieses Studium brachte ihn unter anderem nach Kuba, wo er sich eingehend mit traditioneller Musik befasste und sich musikalisch davon prägen ließ. Seit 2006 arbeitet er als freier Workshopdozent in Österreich, Deutschland und Italien und hat sich als Musiker mit Projekten wie „Universal Rhythm Blasters at Work“, „African Club 3“ und „Drumball Connection“ etabliert.
mokant.at: Wie würdest du deine Musik beschreiben?
Georg: Es gibt unterschiedliche Projekte. Das Projekt „Universal Rhythm Blasters At Work, Windfire“, zum Beispiel. Generell stammt die Musik, die ich mache, stark von der Improvisationsmusik ab. Zuerst habe ich mich mit Jazz auseinandergesetzt, dann ist es übergegangen in Rock Musik, dann Punk und jetzt, mit „Universal Rhythm Blasters At Work“ ist es schon eine Zeit lang eine Mischung zwischen Karibischer Musik, Afrikanischer Musik und Elektronik. Die Texte sind von mir und die Kompositionen auch. Die Produzenten haben dem Ganzen noch einen eigenen Touch gegeben.
mokant.at: Du hast praktisch eine musikalische Reise hinter dir.
Georg: Genau. Eine musikalische Reise, ja (lacht). Im Album geht es sozusagen um einen Segler, einen Sailor. Im ganzen Album, von den Titeln her, geht es um Bewegung. Es ist eigentlich eine Reise in der realen Welt. Von den Texten und von der Musik her hat es einen multikulturellen Hintergrund. Warum bewusst „multikulturell“? Weil der Begriff „interkulturell“ für mich schon ein bisschen ein behafteter Ausdruck ist und auch von politischen Parteien her eher schon mit Assimilation zu tun hat. Vom Musikalischen her betrachtet, kann man das so sehen: Es sind afrikanische Elemente drinnen, es sind östliche Elemente, also asiatische Elemente drinnen. Die Grundstruktur hab zwar ich vorgegeben und eingespielt, aber wir haben hier und da Gastmusiker hinzugeholt. Die „Universal Rhythm Blasters“-Formation an sich gibt es als solche erst zwei Jahre. Es wird gerade an einem Live Konzept gearbeitet. Grundsätzlich stammt die Formation noch vom Projekt „African Club 3“. Damals war das noch mit Didi Bruckmayr. Dadurch, dass sich die Musikrichtung ein bisschen geändert hat, habe ich dann eine eigene Formation gegründet.
mokant.at: Woher stammt deine Inspiration? Hast du Reisen unternommen um dir das Karibische und Östliche zusammenzusammeln und anzueignen?
Georg: Ja, vorher habe ich sehr viel Rockmusik gemacht, in der pubertierenden Zeit viel Punk gespielt, dann sehr viel experimentiert und habe dann schließlich Musik studiert. Nach dem Studium bin ich in die einzelnen Länder gefahren – nach Kuba zum Beispiel, in die Karibik oder in westafrikanische Länder. Dort habe ich vor Ort als Perkussionist die Trommeln erlernt. Es war nicht nur der Zugang zu der traditionellen Musik, der interessant war. Mir war auch immer dieses Experimentelle sehr wichtig: Die Improvisationsmusik. Ich habe mich sehr stark mit freier Improvisationsmusik beschäftigt. Ich glaube, dass man diese Vielseitigkeit auch am Album hört. Wir haben nicht nur außer(ost)europäische Musik mit europäischer Improvisationsmusik verbunden, sondern haben auch Alltagsgegenstände einbezogen. Unter anderem kommen in diesem Album auch sehr viele Küchengeräte vor. Oder Zündholzschachteln. Oder Schrottperkussions. Mein monatlicher Besuch beim Schrottplatz, wo wir immer nach Teilen und Tools suchen, ist natürlich ergiebig.
mokant.at: Wie kann man sich das vorstellen? Fahrt ihr dann alle zusammen im Kollektiv zum Schrottplatz und sucht euch etwas, das eventuell verwendbar ist?
Georg: Naja, teilweise machen wir das zusammen, teilweise mach ich das alleine als Perkussionist und teilweise mach ich das mit einem Arbeiter aus der Metallindustrie, der das zusätzlich weiterverarbeitet zu einem Metallset. Wir gehen dorthin und stöbern und suchen in diesen Perkussions, in diesen Metallhaufen. Teilweise kennen uns die Arbeiter dort schon und denken sich: „Aha, schon wieder die“. Wir haben einen guten Bezug zu ihnen, denn es gibt dort auch Leute, die sagen: „Okay, da hab ich sicher was Interessantes für dich. Das hab ich für dich schon weggestellt.“ Irgendein Eisenrohr oder so. Man muss sich natürlich auch immer handwerklich weiterbilden. Nicht nur künstlerisch, sondern auch handwerklich. Man bleibt sozusagen spielerisch frisch.
mokant.at: Du arbeitest neben deinen Projekten auch als Workshopdozent. Was machst du da genau?
Georg: Unterschiedlichste Sachen. Angefangen davon, dass ich Volksschul- und Hauptschullehrer unterrichte, die mit Kindern Rhythmusklassen machen, über Schlagzeuglehrer, die im Bereich Ethnoperkussion und Improvisation noch nicht viel Ahnung haben. Bis hin zum Anfängertrommeln. Auch in Musikgeschäften stelle ich verschiedene Produkte vor.
mokant.at: Und was davon liegt dir momentan am meisten? Was machst du am liebsten? Lehren oder an deiner Musik arbeiten?
Georg: Am liebsten arbeite ich an neuer Musik. Das Konzept der „Rhythm Blasters“ ist nicht nur experimentelle Musik oder Improvisation oder, von mir aus auch Avantgarde. Das Ganze steckt auch in einem konventionellen Deckmantel. Wenn man sich die CD anhört ist schon sehr viel Pop drauf. Es ist keine Sache, die jetzt total schräg wäre. Man hört gewisse Backgrounds heraus – man hört sehr viel Portishead, sehr viel Aphex Twins, sehr viel Tom Waits. Diese Einflüsse sind da natürlich drinnen. Mich interessiert es daher vor allem an neuer Musik zu arbeiten und diese in einem Kontext darzustellen, den man dann doch irgendwie kennt.
mokant.at: Du kommst nicht aus einer Musikerfamilie und hast dennoch ein Schlagzeug Studium absolviert und dich danach weitgehend mit Musik beschäftigt. War es ein harter Weg bis du dich als Musiker etabliert hast?
Georg: Ja, das muss man schon sagen. Es ist viel Arbeit und es gibt nicht nur Positives zu berichten sondern auch Bitteres und Enttäuschendes, das ist ganz klar. Aber die Freude am Musizieren und die Freude an der Energie, die man da spürt, gibt und zurückbekommt ist so groß – vor allem auch, dass man sich immer weiterentwickeln kann. Das ist das Tolle: Man steht nie an. Was mich auch besonders weiterbringt ist die Zusammenarbeit mit anderen Leuten.
mokant.at: Mit wem hast du da bisher besonders gerne zusammengearbeitet?
Georg: Jetzt muss ich meinen Mitmusiker Volker Kagerer nennen, weil ich mit dem schon sehr lange zusammenarbeite, was natürlich auch einen Grund hat. Aber es gibt auch andere Leute, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe. Vor allem in dem neuen Projekt mit einem kreativen, jungen Produzenten, Harry Jen. Auch Errol Dix, der kommt eher aus der Techno Szene, Jen eher aus der Funk Szene. Dann gibt es auch einen Perkussionisten, mit dem ich sehr gerne zusammenarbeite, Louis Sanou. Es gibt einen hervorragenden Saxophonisten, den ich unbedingt erwähnen möchte, Mario Rechtern. Da gibt es noch viele andere.
mokant.at: Da könnten wir wohl noch zwei Stunden so weitermachen.
Georg: Ja, da könnten wir zwei Stunden weitermachen. Da gibt es einige.
mokant.at: Du hast dich ja zu allererst dem Jazz gewidmet. Gibt es da Jazzclubs in Wien, die du uns empfehlen würdest?
Georg: Empfehlen würde ich mal das „Porgy & Bess“. Das „Blue Tomato“ gibts zum Beispiel auch. Punkto Jazzclubs hat sich in Wien aber in letzter Zeit nicht viel getan. Es haben sehr viele zugesperrt.
mokant.at: Wie kann man sich das erklären? Geht deiner Meinung nach die moderne Musikszene in eine andere Richtung?
Georg: Das glaube ich schon. Jazz ist eine Musik, die, unter anderem, alt ist. Es gibt aber viele Jazzmusiker, die sich in ihrer Tradition entwickelt haben. Ich persönlich sehe mich nicht als Jazzmusiker, muss ich dazu sagen, obwohl ich früher vielleicht Jazz gespielt habe. Das war ein Werdegang. Durch Jazz bekommt man sehr viel Handwerk. Man muss es ja nicht in der Form praktizieren, man kann es anders auslegen. Es steckt schließlich überall ein bisschen Blues und ein bisschen Jazz drinnen. Blues ist sowieso eine Definition, nicht nur von Formen und von Akkorden, wie es oft dargestellt wird. Blues ist ein Gefühl. Wenn man sich Robert Johnson oder andere solche Musiker anhört, die die Geschichte geprägt haben: Die spielen weit aus der Form. Die spielten weit aus dem Rhythmus und haben aber so eine immense Intensität gehabt, dass sie eine ganze Generation beeinflusst haben – was heißt „Generation“ – die ganze Geschichte. Und es gibt oft, und das ist, was mich manchmal stört, diesen puristische Gedanken, wie Musik sein muss. Auf den Akademien ist das oft so: „Das darf nicht so sein. Und das muss so sein. Wenn du das so machst, ist das falsch.“ Aber so hätten wir nie etwas weitergebracht. Es wäre immer stehen geblieben. Egal was man macht, man muss schauen, dass man sich traut. Auch wenn man am Anfang ansteht und die Leute hinausgehen und sich denken: „Was ist denn das?“
mokant.at: Kann es sein, dass du da die Grenzen ausgereizt hast?
Georg: Jaja! Da gibt es mehrere Geschichten, an die ich mich zurückerinnern kann. Es kommt ja natürlich immer sehr darauf an, wo man spielt. Wir haben einmal an einem Kulturhof gespielt, am Land draussen. Wir haben Improvisationsmusik gespielt, die eine gewisse Thematik gehabt hat. Am Anfang waren, glaub ich, siebzig Leute drinnen. Und zum Schluss sind nur mehr drei drinnen gesessen. Und das waren unsere Freunde (lacht). Wenn während dem Musizieren die Leute rausgehen ist das natürlich schon heavy.














