Ungarn rockt mit Leib und Seele
Das Sziget Festival 2011
Mit durchschnittlich 55.000 Besuchern pro Tag und insgesamt 385 000 gehört das Sziget eindeutig in die Liga der größten Festivals in Europa. Fans aus 61 Ländern versammelten sich in der Woche vom 8. bis 15.August um gemeinsam die Nacht zum Tag zu machen.
mokant.at war für dich dabei, hat sich ins Geschehen gemischt, sanitäre Anlagen unter die Lupe genommen, sich ein Tattoo gestochen und natürlich den langersehnten Auftritten von hochkarätigen Künstlern wie etwa Prince oder Kaiser Chiefs gelauscht.
Tag 1 – 8. August
Da an diesem Tag keine auffällig interessanten Konzerte vermerkt waren, bot er sich besonders dafür an, das Festivalgelände zu erkunden und sich ein erstes Gesamtbild von der Partyinsel zu machen. Die Essensstände boten eine nennenswerte Auswahl an Speisen an, sodass es sich nicht wenige zur Aufgabe machten, alles Angebotene durchzuprobieren. Bezahlen konnte man nur per Metapay, mit einer speziellen Festivalkarte, auf die man im Vorhinein ungarische Forint einzahlen musste. Für jemanden, der hauptsächlich österreichische, nicht selten überteuerte Festivalpreise gewöht war, war die Überraschung über die Humanität der Preise äußerst groß. Mich reizte es besonders herauszufinden, mit welchen Leuten ich mir eine Woche lang den Grasfleck um mein Zelt teilen würde und ob ich darum fürchten müsste. Da die meisten Wochen-Tickets an Fans aus Holland verkauft wurden, war es kaum verwunderlich, dass auch meine Nachbarn von dort stammten. Weil Bier zu trinken und zu plaudern letzlich zu jedem Festival gehört und noch zu wenig Aufregung bot, beschloss ich, mir spontan in dem kleinem, bunt angemalten Tattooshop ein Ebensolches stechen zu lassen und zu sehen wie ich lange ich es damit auf dem Festival aushalten würde. Wiederum war der Preis human und das Endprodukt durchaus nett anzusehen.
Tag 2 – 9. August
Am nächsten Morgen war das Innere der Dixieklos gereinigt und der Müll vom Festivalgelände von fleißigen Händen wie weggeweht. Erstaunlich sauber waren auch die Duschanlagen, von denen es allerdings gezählte fünf gab. Treue Fans, die auch im Vorjahr das Sziget besucht hatten erklärten jedoch, dass sich die Zustände sehr gebessert hatten. Sogar der Luxus von Warmwasser konnte genossen werden, was erheblich zur Stimmungsaufhellung beitrug und den Unmut über die Warteschlangen minderte. Um 19 Uhr schien sich das gesamte Festival um die Hauptbühne versammelt zu haben. Nicht umsonst, denn die Musikikone Prince sollte gleich auf die Bühne schreiten und einen unvergleichlichen Auftritt hinlegen. Nach zweieinhalb Stunden und einer ganzer handvoll Zugaben war das Festival offiziell eingeläutet, die Menge löste sich auf und verteilte sich auf die unzähligen Bars und Partylocations.
Tag 3 – 10. August
Besonders positiv fiel die Auswahl an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten auf. Man hatte die Gelegenheit, sich einer gratis Reiki Behandlung zu unterziehen, an Wettbewerben teilzunehmen, mit Freunden Gesellschaftsspiele zu spielen, eine Schale zu töpfern, Fotos zu entwickeln, zu malen und sich anderswertig kreativ zu beschäftigen. Denen, die vom Kaufwahn gepackt wurden, hatte auch die Shoppingstraße „John Lennon Boulevard" einiges zu bieten. Vieles, was dort zu finden war, konnte zwar liebevoll als „Ramsch" bezeichnet werden, befriedigte jedoch die Sucht. Auch gab es die Möglichekeit die Nachmittagkonzerte sausen zu lassen und stattdessen in einem der Bandehäuser Budapests zu entspannen und sich des Festivalgeruchs zu entledigen. Neben dem Prince Konzert waren im Line-Up einige andere musikalische Legenden vermerkt, die man jedoch an diesem Tag keinesfalls missen sollte. Flogging Molly, die irisch-amerikanische Band, gehörte ebenfalls dazu. Weiters sorgten Interpol und Pulp für gehobene Stimmung unter den Konzertgästen. Der erotische Tanzstil von Jarvis Cocker, der nebenbei bemerkt an die Auslage eines Rotlichtmilieu-Etablissements erinnerte, kam vor allem bei dem weiblichen Publikum außerordentlich gut an. Das Lied „Common People", das vermutlich eines der Bekanntesten der Indie-Rock Band Pulp ist, wurde beschrien, besungen und bekreischt.
Tag 4 – 11. August
Obwohl Good Charlotte sich in der Musikindustrie einen Namen gemacht haben, fiel ihr Auftritt auf der Main Stage des Sziget sichtlich flach aus. Die billigen Ansagen und die Versuche, das Publikum in Stimmung zu versetzen, erreichten mitunter das genaue Gegenteil. Die deutsche Metal Band Helloween, gefolgt von Kasabian und Judas Priest, hingegen konnte ihre Fans schon eher begeistern.
Tag 5 – 12. August
Als ein besonderes Juwel erwiesen sich die Deftones, eine amerikanische Metal- und Rockband, die Ende der Achziger gegründet wurde und sich mittlerweile zu den ganz Großen zählen können. Der Auftritt lockte sowohl harte Metal-Fans als auch Neulinge in die ersten Reihen, wo mir die langen Locken eines bärtigen Mannes beim Headbangen unentwegt ins Gesicht klatschten. Der Auftritt von Prodigy überschnitt sich um eine halbe Stunde mit dem der Deftones, was einige Fans, die beides sehen wollten, anfangs in eine Zwiespaltigkeit versetzte. Nach den Deftones war die schlechte Laune unter denjenigen jedoch verschwunden, so sehr hatten die Deftones die Menge für sich beansprucht.
Tag 6 – 13. August
Mit verschmierter Unterlippe und etwas wankend trat Kate Nash in gestreiftem Kleid, das aussah wie ein undefinierbares Flugobjekt, auf die Bühne.Doch die hübsche englische Songwriterin überzeugte spätestens mit dem agressiven Intro zu dem Lied „Mansion Song". Einen Mann machte sie an diesem Tag von allen Fans allerdings besondes glücklich. Er hatte sich die Worte „Marry me" mit Rotstift auf die Brust gemalt und hatte aus der hinteren Reihe bis nach vorne crowd-gesurft. So viel Hingabe konnte Kate Nash nicht unbedankt lassen und holte ihn schließlich zu sich auf die Bühne. Von der Menge bejubelt ließ er sich neben ihr nieder und genoss, mit einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, aus einem Meter Entfernung „Foundations", während sich der Rest der Männerschar fragte, wieso sie nicht auf dieselbe, glorreiche Idee gekommen waren.Das Programm ging über in den Auftritt der englischen Indierockband Kaiser Chiefs, die vor zwei Monaten ihr neues Album zum Download freigaben. Interessant war dabei, dass sich Fans kein vorgefertigtes Album kaufen konnten, sondern selbst eines kreieren, indem sie 10 von 20 Liedern aussuchten. Auch bei diesem Konzert gab es einen besonderen Moment zu vermerken. Eine junge Rollstuhlfahrerin erschien plötzlich über der Menschenmenge und bewies, dass eine Behinderung einen richtigen Fan nicht vom Crowdsurfen abbringen konnte.Besonderer Popularität erfreute sich auch die Metal-Band Lostprophets, die ihren Fans ordentlich einheizte und Grund dafür war, wieso ich am nächsten Tag Kleidung kaufen gehen musste.
Tag 7 – 14. August
Nach dem Auftritt von Selah Sue auf der „A38-wan2 Stage" bzw. White Lies auf der „Pop Rock Mainstage" war das Festival musikalisch beinahe zu Ende, jedoch nicht die Party. Die Fans trugen ganze Stehzelte und Baumstümpfe mit sich herum, rannten durch die Straßen, riefen „Where's the Party? Here is the Party!" und feierten, als gäbe es kein Morgen.
Tag 8 – 15.August
Plötzlich war die einwöchige Party zu Ende und Budapest wieder geflutet von jungen Leuten, die mehr an Packesel als an Festivalbesucher erinnerten. Man wurde zu den Bussen, Zügen und Booten gelotst. Sogar das Geld, das sich auf der Metapay Karte übrig geblieben war, konnte man ohne Probleme rückerstatten. Allgemein betrachtet zeigte die Planung kaum gröbere Aussetzer, das Festivalgelände war meist sauber und bis zum letzten Tag war mir keine einzige Prügelei untergekommen – ein Umstand, der bei so viel musikalischer Diversität und Menschen aus 61 verschiedenen Ländern äußerst lobenswert war. Auch verrieten die Zuständigen des „Lost and Found", dass unzählige volle Geldbörsen und andere Wertsachen zurückgegeben worden waren. Obwohl gegen Anfang vor Dieben gewarnt wurde, machten die Fans einen sehr sozialen und umgänglichen Eindruck. Rückblickend betrachtet bekommt man fast eine romantische Vorstellung vom Sziget, da es nicht nur musikalisch aufgrund der vielfachen Palette an Künstlern weiterzuempfehlen ist, sondern sich auch um seine Besucher kümmert, ohne ihnen bei jedem Schritt das Geld aus der Tasche ziehen zu wollen.














