Satans Hits aus der Dose
Sommerhits sind meist berechenbar, oft Selbstzitate und manchmal satanistisch
Das Jahr 2002 begann mit der Bargeldeinführung des Euros, endete mit einer Eruption des italienischen Vulkans Stromboli und irgendwann dazwischen wurde das eingängigste Lied aller Zeiten geschrieben. Was hast du gemacht während Las Ketchup sich mit ihrem „Ketchup Song" ein knappes Quartal lang als Stars bezeichnen konnten?
Obwohl die Erinnerungen jedes Einzelnen zu diesem Lied zweifelsohne individuell sein mögen, werden sie mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit an die Gemeinsamkeit des Sommers gekoppelt sein. Denn ungeachtet des Klimawandels und der Meinung der Bevölkerung, bilden Sommerhits dank Labels und Radiosender in der offiziell wärmsten Jahreszeit ein zuverlässiges und jährlich wiederkehrendes Phänomen. Dem werden auch Totalverweigerer von Radio und Fernsehen, aufgrund von öffentlicher Zwangsbeschallung, nicht entfliehen können. Anstatt gängige Listen bekannter Hits zu verfassen, hat mokant.at hat für dich einen Blick auf das Phänomen Sommerhit an sich geworfen.
Die Formel für einen Sommerhit
Dass sich Sommerhits ungeachtet ihres Erscheinungsjahres oft stark ähneln, dürfte als bekannt vorausgesetzt werden. Diese sind sie in der Regel relativ simpel gestrickt und befassen sich inhaltlich vorwiegend mit sommerlichen, ungezwungenen Themen. So bezeichnet Richard Wanger in seinem Beitrag zum Werk „Peripherie in der Mitte Europas" sowohl Lied als auch das Video des Sommerhits von 2004, „Dragostea din tei" als von „entwaffnender Schlichtheit" und eine der bisher wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen in diesem Feld stammt dabei aus dem Jahr 2005. In „Holiday Hit Formula: analysis of the methodology for producing a UK summer chart recording release" vertritt Dr. Rupert Till die These, dass es eine Formel für das Wesen eines Sommerhits gibt.
Um den von ihm betitelten „Catchiness Quotient" zu ermitteln, müssen dabei laut Till einige Variable wie die Distanz der Halbtöne zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Ton eines Refrains, sowie die Anzahl der Akkorde, die Tanzbarkeit (oft auch gekoppelt an einen eigens für das Lied kreierten, einfachen Tanz) und der Werbeaufwand des Labels berücksichtigt werden. In Sachen Tanzbarkeit ist dabei auch oft eine gewisse Nähe zu lateinamerikanischen Tänzen wie Merengue oder Salsa zu beobachten. Der nach dieser Formel eingängigste aller Sommerohrwürmer wäre somit tatsächlich Las Ketchups „Ketchup Song" (im Original „Aserjé") aus dem Jahr 2002.
Hits mit Problemchen
Doch die Karriere eines One-Hit-Wonders, das sich einen Sommer lang als Star fühlen darf, verläuft nicht immer reibungslos und frei von Kritik. Als Beispiel kann auch hier wieder der „Ketchup Song" betrachtet werden, der nach anfänglichem Erfolg in Zentral- und Südamerika von religiösen Instutitionen als diabolische Beschwörungsformel gedeutet wurde. Jasmin aus Innsbruck, die jenen Sommer in Nicaragua verbrachte, kann sich ebenfalls an dieses Phänomen erinnern: „Ich habe damals meine Schwester besucht, als mir eine ihrer Freundinnen erzählte, dass sie sich den Ketchup Song nicht mehr anhören sollten. Als ich sie dann nach dem Grund gefragt habe, meinte sie, dass das Lied ein Zauberspruch wäre und sie alle verhexen wolle".
Wahrscheinlich mag die bereits erwähnte, entwaffnende Schlichtheit ein Grund dafür sein, weshalb Sommerhits oft besonders missgedeutet werden können. Für Liebhaber des unnützen musikalischen Wissens sei daher festgehalten: Der beliebte Refrain besagten Liedes ist keineswegs bloßer Nonsens oder eine Beschwörungsformel, sondern eine phonetische Wiedergabe der ersten Strophe des Sugarhill Gang-Klassikers „Rapper's Delight", aus der Sicht eines dem Englisch unkundigen Spaniers. Der Erfolg eines Songs mit einer derartigen Tiefe kann dabei als stellvertretend für den landläufigen Sommerhit gelesen werden.
„Ich würde mich erschießen"
Probleme erntete auch die rumänische Sängerin und One-Hit-Wonder Haiducci. Im Jahr 2004 nahm sie gemeinsam mit Italo-DJ Gabry Ponte eine Coverversion der Hitsingle „Dragostea din tei" der moldawischen Band O-Zone auf, wodurch über Wochen beide Versionen in den Charts als Sommerhits kursierten. Da sie das Lied jedoch ohne Erlaubnis von Seiten der Band O-Zone neuinterpretierte, wurde sie zu einer Strafe von 10.000 Euro verurteilt.
Pierre Baigorry alias ENUFF und seines Zeichens Teil der elfköpfigen Band SEEED weiß ebenfalls ein Lied von Sommerhits zu singen. Im Jahr 2003 kursierte in Internettauschbörsen wie Kazaa ein Lied namens „Ab in den Süden", das trotz wiederholten Distanzierzungen immer wieder SEEED zugeschrieben wurde. Schließlich wurde als Urheber ein Musiker namens Buddy festgestellt, der anschließend zusammen mit DJ the Wave das Lied zum Sommerhit des Jahres machte. Baigorry bezeichnete die Nummer schließlich in einem mit der taz geführten Interview als „so doof, dass ich mich erschießen würde, wenn die von mir wäre".
Das hab ich schon mal wo gehört ...
Doch Sommerhits genießen unter MusikkonsumentInnen offenbar einen gewissen Grad an Narrenfreiheit. Wie ist es anders zu erklären, dass besonders in den Gefilden der Sommerhits häufig Neuauflagen alter Songs Millionenumsätze zustande bringen. Ein Beispiel wäre dabei der von der Gruppe Kaoma veröffentlichte Sommerhit „Lambada" von 1989. Es handelt sich dabei nämlich um ein bloßes Plagiat, das Musik und Teile des Textes eines bolivianischen Folklore-Liedes verwertet. Auch Lou Begas „Mambo No. 5" ist eigentlich lediglich eine Neubearbeitung eines bereits 1949 von Pérez Prado veröffentlichten Mambo-Liedes. Skeros „Kabinenparty" ist eine Adaption des 2000 veröffentlichten „Popozuda Rock'n'Roll" der Gruppe De Falla und der Sommerhit von 2010, Kid Rocks „All Summer Long", macht aus seinen musikalischen Vorlagen „Sweet Home Alabama" und „Werewolves of London" ohnehin keinen Hehl.
Doch ein Sommerhit ist wahrscheinlich ohnehin nicht da, um Musikkonsumenten etwas Neues, geschweigedenn Innovatives verkaufen zu wollen. In erster Linie geht es dabei wohl darum, für eine überschaubaren Zeitraum eine einprägsame akustische Untermalung zu bieten, nur um dann nach Ablauf der Galgenfrist in das vertraute Nichts verbrauchter One-Hit-Wonders hinabzustürzen.














