11. Oktober 2011 | Musik

Unter Strom

 
(c) Alex Feiglstorfer
Die Nels Cline Singers auf dem Jazzfest in Saalfelden
(c) Alex Feiglstorfer

Markus Stegmayr über den Groove der Nels Cline Singers auf dem Jazzfest in Saalfelden

 

Ist es ein Statement, wenn man sein Konzert mit mehreren Minuten an Geräuschen, Sounds, Samples und elektronischen Spielereien eröffnet, anstatt sich gleich mitten in das Geschehen zu stürzen und seine Songs zu spielen? Wenn man Nels Cline kennt und seine zahlreichen Veröffentlichungen, Kollaborationen und sonstigen künstlerischen Tätigkeiten gehört hat, dann wird es evident, dass man den Beginn dieses Konzert nur so lesen und verstehen kann. Nels Cline, der von seinen AnhängerInnen oft als „bescheidenes Genie" bezeichnet wird, deutet auch im anschließend geführten Interview darauf hin, dass er nicht der Meinung ist, etwas ganz neues und gänzlich innovatives anbieten zu können, ist er doch letztlich „nur" ein Gitarrist.

 

Wer sich zu ernst nimmt, verliert

Auch mit Lydia Lunch, die er durchaus selbstironisch auf seiner Homepage zitiert, dass es nur eines gäbe, das schlimmer sei als eine Gitarre, nämlich ein Gitarrist, kann man sich den Zugang zu diesem Konzert erarbeiten – obwohl sich der ganze Gig dann weniger wie Arbeit anfühlen wird, sondern wie ein sinnliches, farbenfrohes, vielfältiges und überbordendes Vergnügen, denn die Musik der Nels Cline Singers ist einladend, in keinem Moment sperrig oder abweisend, auch wenn das manche HörerInnen anders wahrnehmen mögen, weil sie sich gegen die groovende und dennoch abenteuerliche Musik des wunderbaren neues Albums „Initiate" sträuben und den Zugang schlicht nicht finden wollen. Cline hat die Einladung ausgesprochen und einige schlagen sie leichtfertig aus. Auch in Saalfelden werden manche den Zugang nicht finden und den Saal verlassen, obwohl die Akkorde und das Spiel von Cline generell einige generöse Zugänge bereitstellen würden.

 

Meditation auf der Bühne

Es ist also ein Statement das Konzert nicht mit einem Track zu beginnen, mit einem vollständig ausformulierten Song, von denen die Nels Cline Singers einige im Repertoire hätten, sondern mit etwas amorphem, noch unfertigen, von dem man das Gefühl hat, dass selbst Cline und seine „Singers“ selbst nicht genau wissen, wohin diese Klangreisen führen wird. Nels wird in diesen Minuten nervös an den Reglern, Effektpedalen, Gitarren und Verstärkern herum schrauben, ganz so als wüsste er selbst nicht, welcher Sound am besten klingt. In Wahrheit sind diese ersten Minuten aber bereits Meditationen über die Möglichkeiten einer Gitarre und des Bandsounds einer „Rockband“ per se – denn Nels Cline betont, dass er seine Nels Cline Singers als solche wahrnimmt und verstanden wissen will. Wie gehen aber die Nels Cline zugeschriebene Bescheidenheit mit dem scheinbaren Anspruch seiner Band zusammen, die Grenzen von Jazz ebenso zu überschreiten wie die Grenzen zum Rock?

 

Ein Musiker gesteht seine Fehler

Seine Musik ist ein Hybrid aus einer Vielzahl von Einflüssen, die letztlich genauso an Sonic Youth geschult ist wie an John Coltrane. Homogenität ist dennoch eine Eigenschaft, die man dieser Musik zusprechen kann, man könnte auch sagen: eine Vision, eine Richtung, die jedoch nie zu einem sturen Hinsteuern auf ein Ziel hin wird. Die Musik nimmt Umwege in Kauf, sabotiert sich immer wieder selbst, manchmal scheint es, dass Nels Cline über seinen eigenen Anspruch stolpert oder zumindest ins Straucheln gerät. Die Bescheidenheit äußert sich darin dass er im Interview nach dem Konzert eingesteht, dass er, wieder mal, einige Fehler gemacht hat. Er scheint sie aber nicht zu bedauern.

 

Nur wer keine Wagnisse eingeht, findet immer den richtigen Weg. Wer hingegen wagt, befindet sich manchmal auf dem Holzweg, der aber, auch wenn das Ziel dabei aus den Augen gerät, der interessantere sein kann. Einen großartigen Musiker wie Cline beinahe scheitern zu sehen, auch am Anspruch des Festivals einen Gig mit maximal 60 Minuten zu spielen, ist ein Vergnügen, da ihn genau dieser Hang zum Scheitern, zur Bescheidenheit von anderen Acts im Jazz-Bereich unterscheidet. Nicht die Perfektion und die Makellosigkeit sind im Mittelpunkt, sondern das Wagnis, das Abenteuer, des noch zu Ergründende, das Unfertige, das Prozesshafte.

 

Wenn man Feuer fängt

Doch Cline ist nicht nur bescheiden, wenn er auf seine spielerischen Fähigkeiten angesprochen wird. Diese Bescheidenheit ist vielmehr Programm im Umgang mit der Gitarre und den Sounds: er „unterwirft“ sich den Sounds der Gitarre, seiner Effektgeräte, der Situation, des Zusammenspiels mit seiner Band, den Notwendigkeiten eines Songs. Darum ist auch die Frage wo denn der „wahre“ Nels Cline hinter all den verschiedenen Experimenten und Wegen in seiner musikalischen Karriere ist, letztlich müßig: er ist in all seinen Aufnahmen immer vorhanden, aber manchmal nur im Hintergrund, dem Song vollständig angeschmiegt, in der Situation aufgegangen. Er handelt, wie immer es erforderlich ist: nicht die Gitarre steht unter Storm, sondern er. Wer sieht wie er Gitarre spielt, wie er dabei Feuer fängt, selbst unter Strom zu stehen scheint, wird diese Ansicht teilen. Cline spielt seine Gitarre nicht, die Gitarre spielt letztlich ihn, er passt sich ihrer jeweiligen Klangästhetik an – eine Eigenschaft, die er über die Jahrzehnte seines Spielens erworben hat. Verbunden mit seiner Fähigkeiten, seine Sounds, Licks und Single-Notes auf der Bühne zu loopen und ein ganzes „Nels-Cline-Orchester“ nur mit seiner Gitarre zum Klingen zu bringen, ergibt sich einer der interessantesten Musiker der Jetzt-Zeit. Seine Band lässt auf die Momente der Indifferenz jedenfalls einen sehr definierten Track folgen, der die Fähigkeit zur Ekstase, zum Ausbruch, zur Überschreitung im Spielerischen, beeindruckend darlegt. Wie es Nels Cline schafft so viele Noten zu spielen und sich so gekonnt in verschiedensten Tonarten zu bewegen ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass sich hier ein Gitarrist selbst verwirklicht, kann nur mit der obigen These erklärt werden: man nimmt nie sein Ego wahr, sein Verlangen noch Selbstdarstellung, sondern stets den Umgang mit Situation, Band, Augenblick und Sound. Wenn es die Situation erfordert, der Song, seine Band, dann kann Cline sehr viel und sehr technisch spielen. Er kann allerdings auch sehr reduziert spielen, wie in den wie Pop klingenden, dabei aber hochkomplexen „Balladen“ von „Initiate“, deutlich wird. Hinter diesen Liedern wird niemand einen großen kompositorischen Aufwand wahrnehmen, sondern sich vielmehr auf die angenehmen, sphärischen Sounds einlassen. Auch in der Live-Situation zwingt einen Cline nicht, sich mit der komposotorischen Brillianz seiner Tracks zu beschäftigen, sondern er will auch und nicht zuletzt eines: unterhalten, einen Spannungsbogen schaffen, der vom ersten bis zum letzten Track hält. Dass dabei dennoch einige, wie bereits angedeutet, das Konzert nach einiger Zeit verließen sagt wohl mehr über die ZuhörerInnen aus als über den Versuch von Cline ein gutes Konzert zu spielen.

 

Das kleine Wörtchen „wenn“

Und genau das war das Konzert in Saalfelden: ein sehr gutes Konzert bei dem man merkte, dass Cline noch mehr gekonnt hätte, wenn man ihn länger spielen gelassen hätte, wenn man ihn nicht in das Korsett einer strikten Zeitvorgabe eingesperrt hätte. So gelang es den Singers nicht immer, zwischen „unwichtigen“ und „wichtigen“ Elementen zu unterscheiden. Es schien fast so als litten sie ein wenig unter der Last, erst zum zweiten Mal überhaupt in Europa zu spielen, somit also ein Publikum anzutreffen, das noch kaum Erfahrung mit ihren Live-Konzerten mitbringt. Nach dem Konzert, im Interview, entpuppte sich Cline als das nette „Genie von nebenan“, der etwas gealterte Musik- und Film-Nerd, der auch mal ein paar Musiktipps auf ein Blatt Papier aufschreibt aber auch dankend gegebene Musiktipps annimmt und sich notieren lässt.

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Big in Saalfelden

Link dazu ...
Webpräsenz von Nels Cline

 

Rezension von Markus Stegmayr





Fotos von Alex Feiglstorfer

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