„Sexualität ist politisch“
Gay Beast, die
derzeit vielleicht beste „queere“ Band der Welt, im Interview über ihren Zugang
Gay Beast sind eine politische Band. Doch ihr Politikbegriff ist ein erweiterter, den poststrukturalistisch geprägten post-feministischen Kulturtheorien angenäherter. Unter diesem Blickwinkel wird Handeln und Musik machen per se politisch, wenn in der Musik mit Identitäten, Strukturen und vor allem „gender“ umgegangen wird. Besonders macht Gay Beast dabei, dass sie diese Themen nicht nur auf der Textebene anschneiden, sondern versuchen, in der Form der Musik einen Sound zu kreieren, der „queer“ ist. Der Begriff muss und soll dabei möglichst offen bleiben, viele Identitäten zulassen. Auch die Musik von Gay Beast ist in einer radikalen Form offen und fordert diese Offenheit in der Musik auch ein – auch wenn der Preis die vorherige Zerstörung ästhetischer Konventionen sein mag.
Luedtke: Viele Leute vergessen, dass es per se politisch ist, Kunst zu machen. Man spielt vor Menschen, man hat sich zu fragen, was das bedeutet. Es ist politisch, wir zu sein und die Musik zu machen, die wir machen. Wir sind zur gleichen Zeit in- und außerhalb des Systems. Man muss immer im Blick haben, was man tut und warum man es tut, auch mit einem Blick auf die Musikindustrie und deren Prozesse.
Rotto: In Amerika reden natürlich viele davon, wie korrupt und dreckig die Politik ist. Aber diese Definition von Politik ist natürlich viel zu eng.
Luedtke: Ich möchte Politik auch in einem weiteren Sinn verstanden wissen, den Begriff erweitern. Wir würden zum Beispiel nicht vor einer Wahl spielen. Ich sehe uns eher als politische Bürger. Ich sehe uns eher im Geist von feministischen DenkerInnen. Dein Privatleben ist politisch, deine Sexualität ist politisch, deine Repräsentation ist politisch.
mokant.at: Es ist relativ einfach über „queere“ Themen zu singen. Es aber auf der Musikebene zu
versuchen ist schon viel schwieriger. Wie konkretisiert ihr diesen Versuch?
Rotto: Es schaut ganz so aus, als ob das „ganz natürlich“ stattfindet.
Angela Gerend: Es gibt definitiv aggressive Elemente in unserer Musik. „Queer“ sein bedeutet, sich nicht zu verstecken und zu versuchen, nicht „heteronormativ“ zu sein. Es ist der Versuch, gegen den Strich zu gehen, Grenzen zu erweitern.
mokant.at: „Queer“ soll ja bekanntlich ein offener Begriff und offen für viele verschiedene Identitäten sein. Ist eure Musik auch offen ist für Lärm, verschiedene Sounds, verschiedenste Einflüsse?
Rotto: Ja, absolut.
Luedkte: Ja, es passieren in unserer Musik ziemliche viele Dinge gleichzeitig. Unsere Idee ist weniger, dass unsere Musik „gay“ klingt, sondern es geht uns mehr um die Idee der Differenz. Wir arbeiten mit rhythmischer Komplexität, mit Sounds, die eher unangenehm klingen. Ich glaube, dass Leute die „straight“ sind und in dieser Band wären, nicht diese Ausdrucksformen finden und nicht diese Musik machen würden. Unsere Persönlichkeit und unsere politische Haltung beeinflusst unsere Musik, wenn auch zum Teil auf abstrakte Art.
Rotto: Es gibt bei uns eine Haltung zur Weltpolitik. Es geht darum, was du tun willst und wie du dich positionierst, auch natürlich, wohin du dich entwickeln willst. Was uns zusammenbrachte war die Idee etwas zu machen, das seltsam ist, aus dem Rahmen fällt, sich konträr zu dem verhält, was populär ist. „Queer“ meint ja Offenheit, auch, dass man die eigenen Positionen überdenkt und diese auch hin und wieder wechseln kann. Es geht darum, sich gegen den Mainstream zu positionieren.
mokant.at: Der Titel „Second Wave“ bezieht sich ja auf die zweite Welle der feministischen Bewegung. Was für einen Einfluss haben diese Texte, zum Beispiel von Judith Butler, auf eure Musik?
Luedkte: Ja, es gibt definitiv einen feministischen Einfluss auf unsere Musik. Die frühere Band von Angela (Schlagzeugerin der Band, Anm.) war sehr von der Riot-Grrl Bewegung beeinflusst. Als wir mit Gay Beast begannen, haben uns solche Dinge sehr wohl beeinflusst. Es gibt auch Songs auf „Second Wave“, die sich explizit mit Theoretikern der zweiten Wellen beschäftigen, z.B. mit Donna Haraway. Aber auch das Bild der „Welle“ war uns wichtig. Eine Welle, eine Bewegung, die auch politisch ist.
Rotto: Wenn man sich die Einflussnahme der philosophischen Texte auf unser Musik ansieht, dann wird deutlich, dass es Tendenzen in unserer Musik gibt, zu denen es auch Entsprechungen in theoretischen Texten gibt. Es geht bei diesen Texten auch darum, Begriffe in Frage zu stellen, die Terminologie ins Wanken zu bringen. Der Blick muss tiefer gehen um zu sehen, was uns konstituiert, wenn es um Gesellschaft und Identitäten geht. Wir versuchen eine Entsprechunge zu diesen Versuchen zu finden indem wir z.B. in Frage stellen, was ein Song ist und wie er strukturiert sein muss. Wir tun, was immer wir als Musiker auch tun wollen. Vielleicht möchte jemand von uns in einem Rhythmus spielen
und der/die andere in einem anderen. Wir versuchen nicht nur diese verschiedenen Ansätze zu harmonisieren, sondern auch zu sehen, was dissonant bleibt, was nicht zusammen passt. Es geht darum Dinge zu dekonstruieren und sie dann wieder zusammenzusetzen, dann aber als etwas, das interessant ist.
mokant.at: Das führt mich auch zu der Frage, ob eure Musik „frei“ ist oder ob sie eher strukturiert ist. Oft ist es nicht deutlich ob es sich um eine Jam-Session, oder um sehr strukturierte, überlegte Musik handelt.
Gerend: Zu einem sehr großen Teil ist unsere Musik strukturiert.
Rotto: Es passiert immer wieder, dass wir erstaunt sind, dass ein Song funktioniert, der aus sehr vielen Teilen besteht. Es geht uns aber nie darum, Komplexität um der Komplexität willen in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht darum, neue Pfade zu betreten, etwas zu finden, das uns als aufregend erscheint und dann vielleicht auch andere Leute begeistert.
mokant.at: Interessiert euch eine „freie“ Herangehensweise, wie sie im Free Jazz passiert? Möchtet ihr auch manchmal ins Studio gehen und einfach schauen, was passiert?
Rotto: Struktur entwickelt sich manchmal aus Jams heraus. Auch bei Ayler und Coleman gibt es natürlich Arrangements, Strukturen, die dann übergehen in die „Freiheit“ der Improvisation.
Gerend: Wir versuchen das manchmal wenn wir proben. Wir betrachten das aber eher als Übung, um dem musikalischen System zu entkommen.
Rotto: Wir schreiben aber definitiv Musik nicht nieder. Es geht uns immer um Sounds, weniger darum, dass ein Song in gewisse musikalische Schemata passt. Unter diesem Gesichtspunkt „jammen“ wird natürlich sehr wohl.
Luedtke: Ja, wir nehmen immer wieder kleine Dinge aus den Sounds heraus und arbeiten dann weiter daran. Wenn wir von „Jams“ reden, dann ist das ja Musik, die sich sehr am Prozess des Musikmachens orientiert. Man nimmt die Haltung ein: was immer passiert, das darf auch passieren.
mokant.at: Es gibt natürlich Musik, die einen etwas anderen Ansatz hat, aber dennoch mit den Kategorien „gender“ und „sex“ umgeht. Zum Beispiel von Antony Hegarty oder Baby Dee. Was unterscheidet euren Ansatz von den ihren?
Luedtke: In ihrer Musik geht es mehr um Personen und um Erfahrungen ebendieser Personen. Es geht um Texte, eine Message und um schöne Songs. Unser Ansatz ist abstrakter und hat mehr die Ästhetik der
Musik im Sinn. „Gay Beast“ ist eine Einheit von Leuten, Antony ist „nur“ diese eine „queere“
Person.
mokant.at: Wie würdet ihr eure Musik bezeichnen? Ist es Popmusik für eine Gesellschaft, die so noch nicht existiert? Wollt ihr die großen Massen erreichen, oder habt ihr die „happy few“ im Sinn?
Gerend: Es ändert sich hin und wieder. Wir haben schon eher avantgardistisch begonnen. Doch im
Jetzt lassen wir es auch zu, wenn ein Popsong entsteht. Es ist nicht das schlimmste der Welt, wenn
ein Song zugänglich und wenig sperrig klingt.
Luedtke: Die Musik die ich mag ist schon daran interessiert, Grenzen zu überschreiten oder zumindest zu erweitern. Ich mag es jedoch nicht, wenn nur wir die Sachen verstehen und das Publikum überhaupt nichts versteht. Wir arbeiten daran die Sachen ein wenig einladender zu gestalten, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich an etwas festzuhalten. Ich glaube jedoch nicht, dass unsere Musik leicht zugänglich ist. Aber es gibt Elemente, die einen Zugang anbieten zu unseren Experimenten.
Rotto: Es gibt ja auch sehr wohl Ähnlichkeiten zu Rockmusik. Die Instrumente, die wir benutzen,
sind ja auch die Instrumente, die in konventioneller Rockmusik Platz finden.
mokant.at: Der New Yorker hat geschrieben hat, dass eure Musik der Soundtrack für eine „apokalyptische Disco“ ist – in Zukunft, in einer besseren Gesellschaft.
Luedtke: Oder auch in einer schlechteren Gesellschaft. Ich denke nicht, dass unsere Musik höher steht als andere Musik, eine bessere oder schlechtere Gesellschaft im Sinn hat. Wir möchten niemanden dazu zwingen an unsere Sache zu glauben.
mokant.at: Musik die sich als „queer“ versteht, hat diese aber doch wohl im Sinn, eine offenere und
„bessere“ Gesellschaft hervorzubringen. Hat eure Musik und eure Kunst dieses Ziel nicht? Was kann
Musik und Kunst generell erreichen?
Rotto: Wir möchten erstmals Leute erreichen, mit denen wir etwas gemeinsam haben. Ich stelle mir
aber gerne vor, dass unsere Musik Ausdruck der Möglichkeiten ist, die die meisten anderen Leute
ignorieren. Wir möchten aber nicht absichtlich obskur sein. Wir wollen den Blick darauf erweitern
und verändern, was Rockmusik ist. Rockmusik ist für mich die Musik, die sich am meisten um
Konventionen kümmert und damit zum schlimmsten Abfall überhaupt wird. Es ist schade, dass Leute
einen so engen Blick darauf haben, was Rockmusik sein könnte, wenn man nur daran denkt, was alles
mit einer Gitarre angestellt werden kann.
Luedtke: Es gibt doch so viele experimentelle Rockbands im Moment, die genau das zeigen.
mokant.at: Was für Bands wären das zum Beispiel eurer Meinung nach?
Rotto: Mir falle da z.B. die „Sightings“ ein. Sie sind immer noch absolut singulär und anders. Oder
mir fällt auch „U.S. Girls“ ein. Die Band ist zwar sehr im Geiste von No Age und Lo-Fi zu sehen, aber vor allem wenn sie live spielt, ist sie einzigartig. Es gibt sehr viele Bands, die musikalische Grenzen erweitern und überschreiten, wie Walter Weasel oder Talk Normal. Auch Portal, eine australische Metal-Band, finde ich interessant. Ich mag vor allem auch den theatralischen Ansatz der Band, den sie in ihren Live-Konzerten umsetzt.














