Alle Jahre wieder
Nerviger als die vorweihnachtlichen Konsumgebote ist nur das Geheule darüber
Zur selben Zeit, in der dieser Tage allen Geboten der Konsumwelt gefolgt wird, übt man sich in vorweihnachtlicher Schöngeisterei. Von unsäglichem Einkaufsstress und von Verkommenheit und Sinnentleerung des Weihnachtsfestes ist dabei die Rede. Dieses pseudomoralische Gehabe gehört zum nervigsten, was die Weihnachtszeit zu bieten hat. Außerdem tut es dem Konsum keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Es erweist sich als äußerst lukrativ. Nicht nur zu Weihnachten.
Wieviele Päpste haben wir im Land?
Die Klage über den moralischen Verfall und die grundsätzliche Wertentleerung des Weihnachtsfestes ist mittlerweile gängige Folklore. Anstandsgebote, denen im Rest des Jahres nur ungern nachgekommen wird, werden zu Weihnachten groß auf die Fahnen geheftet. Weihnachten eignet sich bestens, um sich mit Vorsätzen vollzupumpen, um Moral zu predigen und um sich mit Barem sein Gewissen bis zur Absolution rein zu spenden.
Gleichzeitig wird entsetzt. Es wird entsetzt über den Verlust der eigentlichen Bedeutung des Weihnachtsfestes. Es wird entsetzt über den unsäglichen Konsumzwang, der allenthalben herrscht. Es wird entsetzt über einen Lebensstil, der mit den allgemein gültigen moralischen Grundwerten nicht zu vereinbaren ist.
Neue Epoche der Konsumgesellschaft
Und trotzdem spannt sich das Grinsen, das die Zufriedenheit des heimischen Handels in den einkaufssamstäglichen Hauptabendnachrichten verkündet, mit jedem Mal ein bisschen weiter. Denn es wird munter und fröhlich weiterkonsumiert. Der Rubel rollt. Von Wirtschaftskrise keine Spur.
Im Eindruck weihnachtlicher Besinnung wird eben auch moralisiert. Wohltätigkeit und Spendenfreude so weit das Auge reicht. So gut das auch sein mag, dient es doch vordergründig eher der eigenen Gewissensberuhigung. Diese Entwicklung beschränkt sich aber nicht mehr nur auf die Weihnachtszeit. Sie hat unsere Konsumgesellschaft in eine neue Epoche geführt, in der es nicht mehr einfach nur darum geht, so viel wie möglich zu konsumieren. Es geht auch darum, sich gut dabei zu fühlen. Mit dem Konsum Gutes tun. Win-Win-Situationen sind die neuen Zauberformeln. Warum dieses Bier trinken, wenn man doch mit einem anderen gleichzeitig den Regenwald retten kann. Warum mit dieser Fluglinie fliegen, wenn einem doch eine andere ermöglicht, sich mit einer Spende am Ausgleich des CO2-Ausstoß des Flugs zu beteiligen.
Widersinn bis blanker Zynismus
Konsum und Moral schließen sich ja nicht per se aus. Jedoch kommt es auch zu Widersinnigkeiten, die gelegentlich im blanken Zynismus enden. Ein vielbesuchtes Kleidungshaus bietet beispielsweise neuerdings an, zusätzlich zum Rechnungsbetrag einen Euro für UNICEF zu spenden, während es weiterhin T-Shirts um fünf Euro verkauft. Eine ebenso gut besuchte Cafékette macht sich stark für verantwortungsvolle Kaffeeproduktion und täuscht darüber hinweg, über Jahre gegen Gütesiegel lobbyiert zu haben, was Kaffeebauern um ihren gerechten Lohn brachte. Ein britischer Ölkonzern wirbt mit Umweltschutz, während er den Golf von Mexiko mit Öl vollpumpt.
Das oberflächliche Streben nach Moral zur Beruhigung des eigenen Gewissens ist zu einem Selbstzweck verkommen. Ein Selbstzweck, der seitens des Handels als Kundenlockmittel genutzt wird. Große Firmen tragen gemeinnützige Stiftungen und präsentieren sich auf Charitys als die moralischen Alphatiere. Die Konsumenten sprechen darauf an. Das ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Allerdings darf eine verhältnismäßig kleine Wohltat nicht über systematische Missstände hinwegtäuschen. Beispiele dafür gibt es leider zuhauf. Um tatsächlich ein moralisches Alphatier zu werden, wird es also nicht reichen, der Feuerwehr zu spenden – man muss gleichzeitig auch aufhören, Häuser anzuzünden.




































