03. November 2011 | Meinung

Hemmoor, Hamburg, Berlin und wieder Hemmoor

 
 theesuhlmann.de
Thees Uhlmann gab sein Solo-Debut in Wien

Keine persönliche Lebensroute ist in der Indiegalaxie derzeit so präsent wie jene von Thees Uhlmann

 

Zog er Mitte der 90er Jahre aus um sein Heimatkaff Nahe der Stadt Cuxhaven hinter sich zu lassen um Rock´n´Roller zu werden, ist er nun zurückgekehrt. Angekommen könnte man metaphorisch wohl meinen. Nicht nur persönlich, sondern auch musikalisch. Wie sich diese Entwicklung anhört, demonstrierte der Tomte-Chef, Labelinhaber und Autor in der Szene Wien

 

Ausverkauft. Und zwar schon seit Wochen, wie sich vor der Szene rauchend, nickend und Bier trinkend versichert wird. Nach einem euphorischen Arena Open-Air Auftritt von vor ca. zwei Monaten ist nun eine überschaubarere Konzertlocation dran. Monta durften eröffnen, Imaginary Cities aus Kanada folgten. Last but not least der Mainact des Abends. Thees Uhlmann begann mit einer anderen Version von „Dancing in the dark und schickte Römer und Römerinnen zum Schmusen. Das Album wird gekonnt und relativ straight herunter gespielt, Überraschungen waren Fehlanzeige. Von Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit soll hier jedoch nicht die Rede sein, eher von gelungener Erwartungshaltung. Eine Akkustikversion von „New York" seiner Hauptband mimte die Ausnahme von der Regel. Nachdem zum zweiten Mal „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf" endete, formierte sich der übliche Block und forderte durch eine lautstarke Gesangseinlage „die Schönheit der Chance". Dieser Aufforderung kam Uhlmann noch während der Abbauarbeiten nach und versetzte das Publikum in superlative Stimmung. So sehr publikumsbezogene Selbstinszenierung und Mitbestimmung zu begrüßen sind, wirkte diese Aktion etwas abgedroschen, wurde doch Uhlmann schon vor zwei Monaten auf dieselbe Art und Weise wieder auf die Bühne gelockt. Auch Fans steht es zu kreativ zu sein, dies ist nicht das Primat der KünstlerInnen allein. Alles in allem kann jedoch von einem gelungenen Wiener Konzertabend gesprochen werden. Wenn nicht doch einiges ungesagt geblieben wäre. Wie können Songs wie „LAT- 53.7 LON- 9.11667" und „Mein Herz sei wild" nebeneinander bestehen? Wie passt Tomte mit Thees zusammen und umgekehrt? Eine Skizze einer Reise soll eine mögliche Erklärung bieten.

 

Begonnen hat seine Wanderschaft als Teil einer Deutschpunkkombo namens Tomte. Wären Musikgruppen wie Bücher, könnte man Stil und Hintergrund mit dem Roman „Dorfpunks" von Rocko Schamoni beschreiben. Rau, jung und ambitioniert. Mehr Träume als Realität, aber dafür schon eine freche Schnauze. Das Dorf in Niedersachsen, dem Uhlmann entsprang, wird ihm zu klein und er zieht über Umwege nach Hamburg. Tomte und Uhlmann entwickeln sich weiter und feiern erste Erfolge. Man tauscht Punkelemente mit Hamburger Schule und Krautrockgeschrammel, spielt als Vorgruppe von Tocotronic und der Sänger und Kopf der Band gründet mit Freunden (Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff) das Label, Grand Hotel van Cleef. Der Durchbruch gelingt mit „Hinter all diesen Fenstern", welche das Deutschrockepizentrum erschüttern ließ um es durch Songs wie „Schrei den Namen deiner Mutter" oder „die Schönheit der Chance" wieder in Einklang zu bringen. Dem folgten zwei weitere Alben, der stetige Aufbau des Plattenlabels inklusive des Aufstiegs des labeleigenen Musikevents in die Festivalliga und sein Soloprojekt.

 

Interessant an Uhlmann sind der sich herauskristallisierende Nahbezug seiner Musik sowie das damit verbundene Songwriting. So wie man den ersten Platten anmerkt in welcher Umgebung er aufwächst, wie kleinkariert und weltfremd ihm die Umwelt oftmals erscheint und er es schafft diese Belanglosigkeit zu packen und durch Verse zu kanalisieren, hört sich „Hinter all diesen Fenstern" nach Befreiung an. Nach Hamburg gezogen, dort eine Heimat gefunden, Freunde getroffen und in klassischer Do-It-Yourself-Manier etwas auf die Beine gestellt. Während „Buchstaben über der Stadt" diesen Zustand manifestiert und eindrucksvoll herausstreicht, was ihm wichtig erscheint, ist „Heureka" als sein Berlinwerk zu verstehen. Stehen bei Ersterem Selbstzufriedenheit oder Männerfreundschaften am Programm, wirkt das bislang letzte Tomte-Album sperriger. Dies kann zum einen internen Bandrochaden und zum anderen dem Umzug in die Bundeshauptstadt geschuldet sein. Entspanntes Songwriting nimmt ab, ausufernde Lieder mit überdeutlichem Hang zur Melancholie werden sichtbar. In „mein Herz sei wild", welches sowohl textlich als auch instrumentell aus dem Tomte-Rahmen fällt, werden Hardcore-Strukturen hörbar, was auch im Liveset der Band Niederschlag findet, werden immerhin seit Jahren auch Songs aus den Anfängen präsentiert. Die teilweise Verstörung des Publikums ist eine logische Konsequenz dieser Sprünge. Die Perspektivwechsel und Zyklen im musikalischen Schaffen von Thees Uhlmann lassen sich zwar nicht nur durch seine Wohnortwechsel erklären, aber sie sind schon zum Teil der Reise geschuldet. Dies kann man als Unfähigkeit der Trennung des Unmittelbaren und des künstlerischen Schaffens sehen, was sicherlich auch zutreffen mag. In gewissem Maße auch eine lyrische Limitiertheit, wenn man so will. Oder man interpretiert es als ehrlich und authentisch.

 

An diesen Punkt muss man gelangen, um Thees´ Solopfade zu verstehen. Sein Projekt steht im Zeichen des Ortes, an dem seine musikalische Odyssee begonnen hatte. Gegen Zäune pissen und seine Jugendliebe zur Frau nehmen. Die Nähe der NachbarInnenschaft und das traurige Elend einer Billa-Kassiererin in der Großstadt sind Themen, welche einen Bruch und eine Heimkehr erkennen lassen. Die Zugänglichkeit seiner Songs ist kein Zufall, will er doch, dass seine Musik gehört wird wie Uhlmann gebetsmühlenartig in diversen Talkformaten erklärt. Die Zielvorgabe ist wie zumeist bei Uhlmann Ausdruck seines persönlichen Befindens und seiner Beziehung zu seinem musikalischen Output. Das Wohlempfinden angekommen zu sein, tut er Kund und lässt es Andere spüren. Hemmoor nicht mehr aus dem einen, spätpubertären Nestfluchtblickwinkel, sondern aus mehreren sozial- und problembezogenen Perspektiven betrachten zu können, ist sowohl als ein menschlicher als auch musikalischer Gewinn zu begreifen. Mit etwas Abschließen um mit etwas Neuem zu beginnen. Mit etwas Brechen um das Alte zu verstehen. Bin gespannt wie die Geschichte weitergeht. In diesem Sinne lässt sich bis dahin nur frei nach Tocotronic zitieren; „und alles was wir hassen, seit dem ersten Tag. Wird uns niemals verlassen, weil man es ja eigentlich ja mag" (Let there be Rock).


Rezension von Harry Stoiber

Foto: theesuhlmann.de

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