17. November 2011 | Meinung

Priester wider Willen

 
(c) Eva-Maria Griese
Ein skurriler Titel für ein ebenso skurriles Stück
(c) Eva-Maria Griese
Die Aufführung ist eine Kombination von Witz und Tragik

Wenn Hallgrímur Helgason einen seiner Romane uraufführen lässt, ist das Volk gespannt

 

„Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" heißt das Stück mit dem skurrilen Titel. Und so strömt man an einem kühlen Novembertag in Strömen ins Schauspielhaus und ist neugierig auf die Umsetzung des isländischen Kultromans. Auch der Autor persönlich ist anwesend und genießt zunächst noch ein Getränk an der Bar. Schließlich aber will man das Publikum nicht länger warten lassen und begibt sich in den ersten Stock, um die Plätze in den engen Sitzreihen einzunehmen.

 

So einfach wäre es gewesen: Der kroatische Auftragskiller Toxic (Bernhard Linke) soll einen Mord in New York begehen und dann erstmal nachhause fliegen. Doch daraus wird nichts: Versehentlich erschießt er einen FBI-Agenten und hat anschließend dessen Kollegen am Hals. Toxic bleibt nichts anderes übrig, als schnellstens eine neue Identität anzunehmen und zu fliehen. In diesem Fall muss ein amerikanischer Priester daran glauben, den er auf der Flughafentoilette umlegt. Mit dessen Priesterkragen, Pass und Flugticket im Gepäck flüchtet er nach Island. Dort erwarten ihn bereits sehnsüchtig Gutmunduhr (Antony Connor) und Zickrita (Ulrike Arp), die ihn als Gast in ihren fundamentalistisch-christlichen Fernsehsender eingeladen haben. Doch mit konservativen Ansichten hat der Untergetauchte nicht viel am Hut. Und so dauert es nicht lange, bis er Bekanntschaft mit Gutmunduhr und Zickritas Tochter Gunnhildur (Sophie Hichert) macht. Die hält wenig von den religiösen Anschauungen ihrer Eltern und hat mit der Sünde bestimmt schon den ein oder anderen Kaffee getrunken. Trotz Prediger Thordurs (Marcus Marotte) Warnungen. Doch die eigene Vergangenheit als Soldat im Jugoslawien-Krieg holt Toxic immer wieder ein. Und als auch noch seine Killerkumpane in Island auftauchen, droht er aufzufliegen ...


Spiel mit der Identität

Helgason ist bekannt für seine skurrilen Geschichten und schwarzen Humor. Zu schreiben begonnen hat der 52-Jährige bereits mit 18. „Ich hatte eine Grippe und war mit 39 Grad Fieber zuhause. Plötzlich geriet ich in eine Art Trance und habe angefangen über meine Schulzeit zu schreiben. Es war fast so wie eine religiöse Erfahrung", erzählt der Autor dem LitaCom-Magazin. Beim 2008 erschienenen Roman „Zehn Tipps, das Morden zu beenden ..." ging es Helgason vor allem um das Spiel mit der eigenen Identität. „Die Idee, eine andere Person zu werden, eine andere Identität anzunehmen, fand ich ziemlich aufregend." Für Regisseur Peter Arp war die besondere isländische Erzählkultur mit ein Grund dafür, den Stoff zu dramatisieren. „Die Isolation mitten im Meer spielt eine ganz große Rolle. Die Leute müssen sich sozusagen immer wieder ihrer selbst vergewissern, weil sie so auf sich selbst zurückgeworfen sind. Daraus ist eine Tradition des permanenten Erzählens von Geschichten entstanden." Bei der Umsetzung des Stücks auf der Bühne hat man auf Schlichtheit gesetzt. „Alle Räume, die wir entstehen lassen, entstehen in der Phantasie der Darsteller und durch die visuelle Unterstützung der Projektionen. Meine Bühnenbildnerin Alexia Engl hat einen weitgehend leeren Raum geschaffen, den wir mit szenischen Behauptungen füllen. Wenn wir fest genug an unsere Behauptungen glauben, glauben die Zuschauer auch daran."


Tatsächlich ist es Regisseur Peter Arp in seiner Bühnenadaption gelungen, den Witz, aber zugleich auch die nachdenklichen Momente des Romans auf die Bühne zu bringen. Bernhard Linke, den man bereits in „Die Fälscher" sah, spielt Toxic ausdrucksstark. Sophie Hichert, die bereits in Roland Emmerichs „Anonymous" mitspielte, verkörpert die jugendliche Leichtigkeit von Tochter Gunnhildur glaubwürdig. Auch das restliche Ensemble überzeugt. Das Bühnenbild, das während des ganzen Stücks aus einer schrägen Ebene mit Vertiefungen besteht, ist in seiner Einfachheit gut gewählt und lenkt nicht von der Erzählung ab. Die zahlreichen Schüsse, die auf der Bühne fallen, sind zwar nichts für schwache Nerven. Wer aber skurrile und zugleich tiefgründige Geschichten mag, wird mit „Zehn Tipps, das Morden zu beenden ..." seine helle Freude haben. Es lohnt sich also, die Wohnzimmercouch wieder einmal gegen einen Theaterbesuch einzutauschen.

 

„Zehn Tipps, das Morden zu beenden ..." ist noch bis 20. November 2011 im Schauspielhaus zu sehen.


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Link dazu ...
Interview Hallgrímur Helgason


Rezension von

Fotos: Eva-Maria Griese

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