Daniel Landau wünscht sich ein chancengerechtes Bildungssystem
Als AHS-Lehrer gehöre ich ja wohl zur „bevorzugten“ Lehrerschaft. In der Tat kommt mein persönliches Engagement aus der Zeit, als ich bei meiner Ausbildung auf der Pädagogischen Akademie (jetzt Pädagogische Hochschule) in viele Situationen geriet, auf die ich mich nicht vorbereiten konnte. Da gab es Kinder, die eine besondere Betreuung gebraucht hätten (für sie fehlte uns die Zeit und die Ausbildung), aber auch etwas anderes (und für mich genauso dramatisch) – da waren viele, die spürbar und merkbar nicht „in der richtigen Schule“ saßen. Sie hatten auf einigen Gebieten hervorragende Talente und Kenntnisse, aber sie waren an ihren Schwächen gescheitert. Ihre Eltern hatten nicht die Möglichkeit (manchmal wohl auch nicht den Willen), für diese Schwächen außerhalb der Schule Ausgleich zu schaffen. Die Talente dieser Kinder drohten zu verkümmern.
Den InitiatorInnen des Bildungsvolksbegehrens und ihren zehntausenden UnterstützerInnen ist eines gemeinsam: der Wunsch nach einem guten und chancengerechten Bildungssystem. Jedes Kind soll auf die Bildungsreise mitgenommen werden und endlich wirklich „Vielfalt und Buntheit“ in unser System kommen. Mit dem jetzigen „Orientieren nach dem Mittelwert“ soll ein für alle mal Schluss sein!
Was sind nun die zentralen Forderungen aus unserer Sicht?
Einige unter den 12 geforderten Punkten betreffen den wichtigen Aspekt der „Chancengerechtigkeit“. Die dabei vielleicht wichtigste Forderung ist die dringend notwendige Aufwertung der Elementarpädagogik, denn hier sind individuelle Förderungen am erfolgreichsten.
Dies bedeutet jedoch, Geld in die Hand zu nehmen, um den Betreuungsschlüssel entscheidend zu verbessern (also weniger Kinder je PädagogIn). Hand in Hand muss der Beruf der ElementarpädagogInnen aufgewertet werden – in Richtung tertiäre Ausbildung und (besonders wichtig und drängend) in Richtung gerechter Entlohnung mit dem Ziel: Angleichung der ElementarpädagogInnen und der PflichtschullehrerInnen an das AHS Niveau.
Ebenfalls stark in Richtung Chancengerechtigkeit würde eine grundsätzliche Änderung des LehrerInnen(selbst)verständnisses bewirken. Die Aufmerksamkeit auf Talente zu richten und diese zu stärken, bevor Defizite behoben werden, heißt auch "Randfähigkeiten" und außergewöhnliche Talente hervorzuheben. Die Theorie dahinter ist einleuchtend: Kinder, die ihre Talente positiv bewertet sehen, sind zu Recht stolz auf ihre Leistungen und Erfolge. Mit solchermaßen gestärktem Selbstbewusstsein fällt ihnen der Defizitausgleich entschieden leichter.
Wahrscheinlich der strittigste Punkt ist das Streben nach einer gemeinsamen Schule. Auch hier vorweg: Es gibt „DIE gemeinsame Schule“ nicht. Ärgerlich, dass das die KritikerInnen dieser Forderung sehr wohl wissen und trotzdem immer wieder mit dem von allen Seiten zu Recht kritisierten bundesdeutschen Modell aufwarten. Eine schlecht gemachte gemeinsame Schule ist in der Tat kein Beispiel und wäre keine Verbesserung. Die KritikerInnen wissen dabei ganz genau, dass in den meisten anderen Ländern hervorragende gemeinsame Schulen die Bildungslandschaft prägen. Kanada, Südtirol, Finnland, Polen ... die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Diese Schulsysteme sind alle unterschiedlich, trennen aber nicht (mehr) äußerlich, sondern differenzieren nach innen.
Dass Österreich diese erfolgreichen Schulsysteme seit vielen Jahrzehnten ignoriert, hat zur Folge, dass praktisch nur mehr in Österreich und Deutschland ein Kind primär von der Herkunft und Ausbildung der Eltern beeinflusst „Bildungskarriere“ macht oder eben nicht. Alle Studien belegen, dass Österreich zu den weltweit schlechtesten Ländern zählt, wenn es darum geht, dass Schule gesellschaftlichen Aufstieg mit bester Bildung ermöglicht. Undenkbar auf der ganzen Welt, wo die Schulen größte Anstrengungen unternehmen, Kinder unabhängig von ihrem Sozialstatus bestmöglich zu bilden.
Die Unterscheidung in immer noch zwei Schultypen (eigentlich sind es ja mit der Sonderschule drei) setzt voraus, dass Menschen in allen Bereichen leistungsstark oder leistungsschwach sind. Talente und Intelligenzen verhalten sich aber nicht so einfach. Kein Kind ist in allen Bereichen gleich begabt, und noch weniger gibt es Menschen ohne jedes Talent. Vielmehr haben alle Menschen, egal ob alt oder noch jung, individuelle Fähigkeiten. Diesen natürlichen Begabungsunterschieden begegnet man in Österreich auf eine zu einfache Weise: Kinder werden bei uns zu früh und dann noch rein nach ihren Schwächen selektiert. Wenn ein Mädchen etwa die Klassenbeste in Biologie ist, so nützt ihr das nichts: Wegen ihrer Rechenschwäche wird sie nicht in ein Gymnasium aufgenommen. Millionen Kinder und junge Erwachsene mussten das schon erleben. Sie wurden nicht nach ihren Stärken bestmöglich gefördert sondern scheiterten an ihren Defiziten. Dem können sozial stärkere Eltern etwas entgegensetzen – sei es mit Nachhilfe oder dem Ausweichen auf zB. kreative oder sportliche Aktivitäten. Andere aber bleiben auf der Strecke. Jedes einzelne verlorene Talent ist dabei sowohl ein subjektiver als auch ein gesellschaftlicher Verlust.
Aus unserer Sicht ist die Forderung der Stunde deswegen: Ein Gymnasium für alle! Diese, von Beatrix Karl, der ehemaligen Verhandlungspartnerin von Ministerin Schmied, ins Spiel gebrachte Variante würde schon durch ihre Begrifflichkeit zeigen, dass Österreich wirklich daran interessiert ist, das Beste für jedes Kind zu wollen. Übrigens verpflichtet uns das Menschenrecht auf Bildung auch genau dazu!
Mag. Daniel Landau unterrichtet an einer AHS Musikerziehung und Mathematik. Er war Bildungsombudsmann für „Die Presse“ und Mitbegründer der Plattform „Wir LehrerInnen für's Bildungsvolksbegehren". Vom 3. bis 10. November liegt das „Volksbegehren Bildungsinitiative“ in jedem Gemeinde- bzw. Bezirksamt zur Unterschrift auf.
Gastkommentar von
Daniel Landau