17. November 2011 | Meinung

Musik, saufen und Drogen in der „Stahlstadt“

 
(c) www.esmusswasgeben-derfilm.at
Linz bot in den 80er Jahren den Underground einer Metropole

Oliver Stangl und Christan Tod portraitieren in „Es muss was geben“ ein legendäres Stück österreichischer Kulturgeschichte

 

Nach dem großen Erfolg des Buches von Andreas Kump, wurde nach zweieinhalbjähriger Recherche- und Filmarbeit ein gleichnamiger Film fertiggestellt. Die DVD Version des Filmes erschien nun im Oktober diesen Jahres in der „Edition Filmladen“. „Es muss was geben“ zeigt aus erster Hand und mit Liebe zu den Menschen die für die damalige Szene prägend waren, ein Bild über die legendäre Musikszene, die Linz seit den 70er- und 80er-Jahren auszeichnet. Die Regisseure Oliver Stangl und Christan Tod dokumentieren hier authentisch ein wertvolles Stück Österreichischer Kulturgeschichte, das von Außenstehenden und Spätergeborenen ansonsten wohl nur schwer nachvollzogen werden könnte.

 

„So waren die Leute früher“

Wer nicht selbst damit aufgewachsen ist, für den muten die Erzählungen und Geschichten der Interviewten beinahe unwirklich an. Wenn die Größen der Linzer Musikszene von den Anfängen in den 70er- und 80er-Jahren erzählen und dabei von legendären Undergroundkonzerten, saufen, Drogen und Gewalt die Rede ist, machen sich unter Zusehern wahrscheinilch verschiedenste Gedanken breit. Erstens: „Wow, damals ging es offenbar wirklich ziemlich wild ab“. Und zweitens: „Verdammt, warum war ich da nicht selbst dabei?“. Das Bild das in „Es muss was geben“ vom Linzer Untergrund entworfen wird, erinnert an eine heimatliche Version von Berlin, London oder anderen Weltmetropolen. Er zeichnet das Bild einer Jugendkultur nach, die vor allem von einem Streben nach jugendlicher Selbstverwirklichung und Kreativität getrieben wird. Das Leitmotiv „Do it yourself“ sorgte dafür, dass es in Linz zu den ersten wichtigen Szenetreffs wie im „Cafe Landgraf“, in der „Stadtwerkstatt“ oder dem „Kapu“ kam.

 

Punk, New Wave, Techno

Die interviewten MusikerInnen, Fans und MusikarbeiterInnen erzählen von ihren Erinnerungen als sich Bands wie „Willie Warma“ oder „Die Mollies“ formierten. Zahlreiche Bands und kulturschaffende die heute noch aktiv sind, zum Beispiel Didi Bruckmayr von Fuckhead, TEXTA oder Attwenger, kommen in „Es muss was geben“ zu Wort und rekonstruieren wie es von den rudimentären Anfängen und ersten Konzerten zu den heute existierenden Musikgruppen und Veranstaltungszentren kam. Ein wenig mag „Es muss was geben“ wie ein wehes Zurückdenken an eine gute, alte Zeit erinnern, als die Szenen untereinander noch viel vernetzter waren, als die Jugend primär dazu gemacht schien sich und seine Vorstellungen von einem Erwachsenwerden mit Gleichgesinnten vor und auf der Bühne auszuleben. Doch der Blick auf die Materie bleibt trotzdem distanziert und vielseitig genug, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass der Film nur aus Nostalgiegründen gedreht worden zu sein scheint. Ehrliches Interesse an einem Stück Österreichischer Musikgeschichte wurde hier glaubhaft und interessant umgesetzt, so dass schlussendlich glaubhaft der Gedanke haften bleibt, dass sich die 70er- und 80er-Jahre nicht nur in europäischen und amerikanischen Großstädten abgespielt haben.

 

Interessantes und Überraschendes

Ein Film über Musik und insbesonders über eine spezielle Szene zu machen, mag immer eine Gradwanderung sein. Zu leicht drohen Filme dieser Art in Nischenwissen und Fachsimpelei umzukippen. „Es muss was geben“ besticht in dieser Hinsicht dadurch, dass der Fokus auch oft einen Schritt weiter gesetzt wird und abseits von reinem Musikenthusiasmus auch beispielsweise Themen wie die Rollen der Frauen in der Szene und die zeitgenössischen sozialen Konstellationen unter den Jugendlichen thematisiert werden. Für „Aha“-Erlebnisse sorgt auch eingestreutes Video- und Bildmaterial von frühen Linz-Auftritten von Musiklegenden wie Nirvana, Einstürzende Neubauten oder Sonic Youth. Nicht nur deshalb kann der Film als sehr empfehlenswert für ein äußerst breites Publikum bewertet werden.

 

Kurzum: „Es muss was geben“ ist ein Film der es schafft ein Bild eines Abschnitts der österreichischen Musikgeschichte so zu zeichnen, dass jungen Menschen auch im Heute noch die Hoffnung erhalten bleibt, dass mit dem richtigen Enthusiasmus egal in welchem Ort eine lebendige Szene entstehen und dass es auch bei uns in der Tat immer noch „etwas geben“ kann.


Erhältlich bei: Edition Filmladen, FM4 und Hoanzl um 14,99 Euro.


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