17. Oktober 2011 | Meinung

Heute Indiedisco, morgen U4

 
thenakedandfamous.com
„The Naked and Famous“ gastierten am Montag in der Arena Wien
The Naked and Famous inspirierten am 12. September in der Arena Wien

Heute Indiedisco, morgen U4. Diese Liste könnte beliebig lang fortgesetzt werden. Heute Clubshow, morgen Headlinerslot. Heute begeistern sie noch die Die-Hard-Fans, morgen dienen sie als Beschallung im nächsten Club-Danube Fitnessstudio. Es kann schnell gehen und schon hat eine Band nicht nur einen Namen, sondern auch einen Status. Einfach cool, den Nagel der Zeit treffend. Heute erfolgreich, morgen gefeiert. Und übermorgen?

 

Prinzipiell ist es nichts Ungewöhnliches, einen Montagabend in der ausverkauften Halle der Wiener Arena zu verbringen. Eine Band, die vor knapp einem halben Jahr noch kaum wer kannte, bringt das alternative Partyvolk Wiens und Umgebung zusammen. Der Elektropop von The Naked and Famous, welcher phasenweise an MGMT erinnert, Stadionrock Elemente von Queens of the Stone Age bis hin zu Bruce Springsteen aufnimmt und daraus poppige Tanznummern fabriziert, verbindet. Dafür kommen knapp 1000 begeisterungsfähige junge Erwachsene und erzeugen bei den Indiedisco geprüften Nummern „Punching in a Dream", „Girls like you" oder „All of this" Festivalatmosphäre. Das Bier fließt in Strömen, es wird gesungen und dem Nebenmann bzw. der Nebenfrau die Füße platt getrampelt. Auch in Bezug auf die Sympathiewerte hat die Band aus Neuseeland entsprochen, haben sie immerhin etwas länger gespielt als der ernüchternde Timetable erahnen ließ und würdigten ihren Supportact mit einem Einheitslook ganz besonderer Art, als sie zum Zugabenblock in Wolf Gang T-shirts breit grinsend die Bühne betraten. Der Abschluss ihres Sets mit „Eyes" und „Young blood" war nicht nur vorhersehbar, sondern absolut konsequent und kann als schöner Schlusspunkt eines netten Konzertabends interpretiert werden.

 

Das Heute funktioniert. Keine Überraschungen, sondern Erwartungen erfüllen war die Devise. Ihre Songs im Postrock-Style, die ohne Gesang auch in eine Schublade mit Mogwai und Co. gesteckt werden könnten, wurden geschickt zwischen den Hits versteckt, als Verschnaufpause so zu sagen, oder als Intro getarnt wie das schrammelig, wunderschön verzerrte „The Ends" als Opener. Als Highlight kann wohl ohne Übertreibung das sowohl gefühlvolle, als auch ausbrechende „No way" bezeichnet werden, welches zwar nach „All of this" aufgrund von Lobesbekundungen wie beispielsweise „War das geil"-Sprüchen und den Orientierungsgesprächen, die Klogänge und Getränkenachschubszenarien zur Folge hatten, etwas unterging, aber die Stärke einer Gruppe MusikerInnen offerierte, die beim ersten klassischen Durchhören eines Albums oft übersehen wird.

 

Genau in diesem Punkt liegt das Problem von Bands wie The Naked and Famous begraben. Das Heute hat funktioniert, aber was geschieht (über)morgen. Im Erfolg von heute liegt für mehrdimensionale Bands oftmals auch das Problem der Zukunft. Zum einen mischt das Album nicht nur verschiedenste Stilmittel, sondern bedient auch unterschiedliche Musikkonsumationsgewohnheiten und wird dazu immer mit dem derzeitigen Hype in Verbindung gebracht. Zum anderen ist es die erzeugte Konformität bzw. das Angekommen sein in der musikalischen Mitte, welches ein Ausbrechen aus gewissen Strukturen doppelt schwierig macht. Festivaltauglichkeit unter Beweis zu stellen ist nicht per se schlecht oder verwerflich, jedoch ist der Umgang damit von Bedeutung sowie die weitere Zielsetzung. Ähnlich wie bei MGMT, denen „Kids" als Welthit ebenso passiert ist, könnte genauso The Naked and Famous dieser musikalische Zeitgeist zum Verhängnis werden. Auch MGMT wurde schnell vom Geheimtipp zur Vorzeigeindietanzkombo. Ausverkaufte Hallen und einhellig tolle Rezensionen ihrer ersten Platte taten ihr Übriges. Aber eben auch hier wurde man die Geister die man rief nie ganz los. Das Nachfolgewerk „Congratulations" blieb hinter den Erwartungen zurück, wirkte sperriger, abgehobener und ließ die lieb gewonnenen Popelemente vermissen. Dem geschuldet verwiesen Relevant.at in ihrer treffenden Analyse ihres letzten Gastspiels darauf, dass die neuen Songs der New Yorker Indietronicband als „Rausschmeißer fungierten". Nicht unbedingt eine rühmliche Entwicklung.

 

Das verflixte zweite Album, mit Zuschreibungen aufgeladen, von Fans sehnlichst erwartet und die weitere Musikkarriere massiv beeinflussend, wird zur Nagelprobe in welche Richtung sich eine Band entwickelt, was erreicht werden soll und welchen Ansprüchen man gerecht wird. Welches Publikum will man befried(ig)en und wohin soll die Reise gehen. Die Möglichkeiten sind zwar vielfältig und in diversen Abstufungen und Schattierungen zwischen schwarz und weiß zu finden, aber letztendlich bleibt ein Entweder-Oder. Entweder trifft man sich mit Deichkind an der Hotelbar und quatscht über teure Autos, das Leben als Headlineract und das Veröffentlichen der ewig gleichen Tonspur oder man versucht die Vielfalt an Stilmitteln bei zu behalten und sich auf die musikalischen Stärken/Wurzeln zu besinnen, egal ob man dadurch den Kurzzeitheldenstatus oder den Nimbus einer Partyband verliert. Nachhaltigkeit durch gesundes Wachstum oder sogar Schrumpfen vs. exorbitanter Aufschwung ohne die Chance auf Wiederkehr– eine weitere Band am Scheideweg. Viel Glück für das Übermorgen.


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