KopfhörerInnen 25 - Matana Roberts
KopfhörerInnen 25:
Matana Roberts
Matana Roberts - Coin Coin Chapter One:
Gens De Coleur Libres
(VÖ: 13.05.2011, Constellation/Cargo Records)
Ist jetzt der Jazz im Mainstream angekommen oder zumindest in einer intellektuellen Sphäre, mit der man sich auch als Indie-Hörer_In anfreunden kann? Der berufsmäßige Poptheoretiker Diederichsen hat das Album jedenfalls im „Spex" auf ein sehr hohes Podest gestellt und die konzeptionelle und musikalische Virtuosität ebendieser in den Mittelpunkt gestellt. Die Platte ist zweifellos virtuos in jederlei Hinsicht, doch wird die alleinige Betonung ebendieser der Platte nicht vollständig gerecht. Bei Diederichsen erscheint es ein wenig so zu sein, dass „Coin Coin" aus dem Nichts aufgetaucht ist, eine singuläre Platte, die man in einen erweiterten Jazz-Kontext einordnen kann. Nichts könnte in dieser Hinsicht falscher sein. Auch mittels Historisierung kommt man diesem Album nicht wirklich näher.
Es mag zwar sein, und das wird auch in anderen Texten zu dieser Platte hervorgehoben, dass hier ein wenig der Free-Jazz-Pionier Albert Ayler durchklingt und dass sie ganz generell den Experimenten des Free-Jazz so einiges verdankt, sei es ihr Saxophonspiel, das sehr nach Chicago und San Francisco klingt, Wadada Leo Smith ist jemand, der einem hier jedenfalls sofort einfällt. Und genau diese Spur ist erstmals interessant: Ähnlich wie Smith versucht sie den Free-Jazz mit den Mitteln der unglaublich reichhaltigen Geschichte des klassischeren Jazz zu erweitern, ja zu überwinden. Ihre Suche strebt nicht hin zur Atonalität, sondern ihre Suche ist eine nach Melodien, nach Wiederholung, nach Struktur, die jedoch jeweils mit Hilfe von freier Improvisation und Atonalität an ihre Grenzen getrieben werden. „Coin Coin", das muss vorausgeschickt werden, ist ein Art „Live-Album", zumindest in der Hinsicht, dass es vor ausgewähltem Publikum vorgetragen wurde und eine First-Take-Aufnahme darstellt. Und dennoch will sich dieser Live-Charakter nicht so recht einstellen, dazu ist das Publikum schlicht zu zurückhaltend, zu andächtig und zu fasziniert von den Klanggebilden, die sie mit Hilfe ihrer grandiosen Band hier erschafft.
Die Platte ist jedenfalls in einen größeren Kontext eingebettet, den man nur allzu leicht beschreiben kann, wenn man diesen denn überhaupt beschreiben will. Das Album von Roberts ist, so überzeugend es im Details auch sein mag, kein singuläres Ereignis, sondern eines, das sich in eine lange Reihe von überzeugenden und aktuellen Alben einreihen kann, wenn auch der Versuch dieser Platte ein anderer, relativ eigenständiger ist. Will man hier aber musikimmanente Kategorien anlegen, so kommt man nicht darum umhin auch „Saturn Sings" von Mary Halvorson zu nennen, oder etwa die Platten von Steve Lehman. Vor allem im direkten Vergleich mit Halvorson, der sie im Booklet zu „Coin Coin" dankt, wirkt der Entwurf hier fast schon ein wenig bieder, brav, dem Pop näherkommend als der Platte selbst gut tut. Doch auch dieser Eindruck führt auf eine falsche Fährte. Vielmehr muss man sich den Umgang mit musikalischen Elementen auf „Coin Coin" genauer ansehen. Und genau an dieser Stelle wird klar, was der Avant-Jazz in dieser Hinsicht losgetreten hat.
Er hat eine Form von Respektlosigkeit losgetreten, wie und auf welche Weise man mit seinen Einflüssen umgehen kann und darf. Bekennt sich Halvorson offen zu ihrer Vorliebe der Band Deerhoof, die man auch in einigen Teilen ihrer Musik belegen kann, so ist es bei Roberts der Einfluss von Bands wie Godspeed You! Black Emperor und ähnlichen Acts, die sich in anderen Genres aufhalten. Von diesen scheint sie aber ihr Faible und ihre Kenntnisse von Soundetails, von Schichtungen und von einnehmenden, überwältigenden Elementen mitgenommen zu haben.
„Coin Coin" berührt nicht immer auf subtile Weise, sondern oftmals ganz unvermittelt, ganz direkt, ohne Vorwarnung. Wie Roberts in ihren Tracks oftmals ihrer Stimme sucht, die Art zu sprechen, zu singen, danach sucht überhaupt Ausdruck finden zu können und diese Optionen durch dekliniert, ist eindrucksvoll, ohne wie eine einfache Überrumpelungstaktik zu wirken. Hier wird berührt, angerührt, Mitgefühl eingefordert, doch nicht mit Hilfe von billigen musikalischen Taschenspielertricks; dazu ist ihre Musik einfach zu interessant, ihr Saxophonspiel einfach zu grandios, ihre Band zu gut eingespielt und ihre Arrangements zu ausgereift. Dennoch behält sie ein gutes Händchen für Pathos, das auf „Coin Coin" nicht zu kurz kommt.
Muss man noch Worte darüber verlieren, dass Roberts von der Geschichte der Schwarzafrikaner so angerührt gewesen ist, dass sie sich selbst in manchen Aspekten dieser Platte zu ihrem Sprachrohr machte? „Coin Coin" erzählt auf der textlichen Ebene von Versklavung und eben von der Befreiung, von der Sprengung der Ketten, im eigentlichen und metaphorischen Sinne. In Interviews erzählt sie, wie sie sich auf der Bühne selbst einmal Ketten angelegt ließ, um den Schmerz zu erfahren, oder diesen Schmerz wenigstens erahnen zu können, die Demütigungen nachfühlen zu können. An dieser Stelle wird die Platte manchmal problematisch, aber nur, wenn man ihre Interviews und ihre Aussagen mitdenkt, nicht, wenn man sich rein auf die Platte konzentriert. Wie sie nach Ausdruck sucht, wie sich versucht, für eine Masse zu sprechen und zugleich bemerkt, dass sie letztlich nur ihren eigenen Schmerz hat, um sich als Künstlerin auszudrücken, ist hochinteressant.
Die Platte ist polyphon genug, um auch die immer noch währenden Unterdrückung der Schwarzen hier herauszuhören, ganz generell die Unterdrückung von Geschichte, von Optionen, von Lebensentwürfen. Nur ein befreites Volk kann gänzlich über seine Geschichte verfügen, könnte man an Walter Benjamin angelehnt formulieren. Somit wird „Coin Coin" zu einem Versuch, aus den Vollen zu schöpfen, den Kampf aufzunehmen gegen Unterdrücker, gegen das Vergessen, um letztlich all die Erinnerungen, all die musikalischen Möglichkeiten auszuschöpfen, überhaupt Zugang zu diesen zu erhalten. Man hört diesen Kampf an vielen Stellen der Platte. Roberts spielt mit New Orleans Jazz, mit Spoken-Word-Passagen, mit Gospel, mit Spirituals, mit Free-Jazz, mit Pop usw. Ob dieser Umgang mit einer solch großen und komplexen musikalischen Geschichte eine Anmaßung ist oder gelingt, ist nur schwer vollständig zu entscheiden. Vielleicht ist dieser wie eine Anmaßung wirkende Versuch damit künstlerisch umzugehen der eigentliche Kunstgriff dieser Platte.
Was bleibt ist jedenfalls die Freude, dass sich auch die Popkultur für Spielarten des Jazz zu interessieren beginnt und bemerkt, dass diese Hinwendung zukunftsträchtig ist. Die Platte wäre aber auch die perfekte Gelegenheit um die ästhetischen Transgressionen von Nels Cline, Mary Halvorson, Peter Evans und vielen anderen einem größeren europäischen Publikum bekannt zu machen. Eine Platte kommt selten alleine, auch in diesem Fall wie erwähnt nicht. Dieses Album ist aufregend, neuartig, wagemutig und sollte noch von viel mehr Leuten gehört werden.
9,5/10
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