04. August 2011 | Meinung

KopfhörerInnen XXIV: Devin Townsend Project

 
Inside Out/EMI

KopfhörerInnen 24:
Devin Townsend Project

 

Devin Townsend Project – Deconstruction
(VÖ: 17.06.2011, Inside Out/EMI)
Es gibt wohl im Moment kaum eine Platte auf dem Markt, die lächerlicher ist als „Deconstruction" von Devin Townsend. Im Grunde dreht sich diese Platte, wie auch schon „Ziltoid the Omniscient" um wenig bis nichts, man könnte auch sagen, dass der Sinn dieser Platten im Unsinn liegt. Hat Devin jedoch mit Ziltoid ein witziges Alter Ego geschaffen, so fehlt diese Identifikationsfigur auf „Deconstruction" in dieser Form. Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass der Sinn des Lebens wie ein Cheeseburger ist, den man aber nicht essen darf, weil man ja eigentlich Vegetarier ist. Kurz davor den Sinn des Lebens zu entdecken scheitert man an sich selbst, und vielleicht als HörerIn an dieser merkwürdigen Platte, die auch eingefleischte Townsend Fans verstören dürfte. Sie ist zweifellos die bislang komplexeste Platte aus seiner Feder, nicht umsonst fällt einem hier Frank Zappa ein, der sich zu viele Drogen eingeschmissen hat und auch noch dem Metal verfallen ist.

 

Man kommt aber von den zwei vorschnellen Urteilen nur allzu schnell weg, wenn man sich mit diesem Album genauer beschäftigt. Zum einen ist diese Platte zwar inhaltlich lächerlich, man könnte auch sagen unsinnig, vielleicht auch dadaistisch, doch die unglaubliche Ernsthaftigkeit mit der Townsend hier mit seinen Musikern und zahlreichen GastmusikerInnen ins apokalyptische Gefecht zieht, lässt andere Gründe hinter diesem Werk vermuten, als der pure Spaß am Unsinn. Townsend fährt hier alles Geschütze auf, die man sich nur vorstellen kann: Chöre (keine Samples, sondern ECHTE Chöre), komplexe Breaks, Lieder, die aus so vielen Einzelteilen bestehen, dass man die Gesamtheit kaum mehr erkennt, Falsett-Gesang, Growling, seine vielen Freunde aus so klingenden Bands wie Opeth, Meshuggah usw. Wozu dieser ganze Aufwand, wenn nicht, um es allen den Prog-Metallern endgültig zu zeigen, wie Prog-Rock wirklich gemacht wird? Doch auch hier ist es noch einmal komplexer: das Album verfügt über so viele Schichten, so viele Teile, so viel „überflüssigem" Pomp, dass die Platte auch hier schnell in die Lächerlichkeit kippt. Townsend betreibt einen enormen Aufwand, um andere Platten in diesem Genre zu übertrumpfen, was ihm zweifellos gelingt, und zugleich auch zu zeigen, wie lächerlich und wie selbstgefällig Prog-Metal im Grunde eigentlich ist. Das alles ist nur in der Welt von Townsend logisch nachvollziehbar, man muss einfach davon ausgehen, dass er ein wenig anders tickt als der Durchschnittsmensch. Wer sonst wirft sich in ein Projekt, dessen Musik er selbst, das kann man in vielen Interviews nachlesen, lächerlich und völlig überkandidelt findet? In Ansätzen kann man es damit erklären, dass „Deconstruction" einen Endpunkt bildet. Devin will sich in Zukunft ruhigeren, weniger komplexen musikalischen Projekten widmen.

 

Ein letzter Show-Off, eine letzte Demonstration der eigenen Fähigkeiten, ehe er sich weniger artifizieller Musik widmet? Vielleicht, doch hier kann man gleich ein zweites Vorurteil entkräften. „Deconstruction" hat nichts, aber schon gar nichts mit Drogen, mit Rausch, mit Exzess oder ähnlichem zu tun. Vielmehr, und da liegt eventuell der Schlüssel für die Motivation von Townsend begraben, ein solches Werk in monatelanger Feinarbeiten einzuspielen, geht es ihm um die absolute Kontrolle. Devin, der seit einigen Jahren sowohl auf Drogen als auch auf Alkohol verzichtet wollte sich selbst zeigen, dass er auch nüchtern ein Werk schaffen konnte, dass dem Wahnsinn nahe steht und diesem an mehr als nur einer Stelle direkt ins Auge blickt. So ist „Deconstruction" das rasende Meisterwerk eines Musikers, der die Kontrolle über seine Musik und sein Leben wiedererlangen will und auch wiedererlangt hat.

 

„Deconstruction" wird Prog-Metaller ebenso zufriedenstellen wie solche, die diese Musik am liebsten auf ewig verschwinden sehen wollen. Diese Platte kann ernst, aber auch ironisch oder auch einfach nur mit runter geklappter Kinnlade rezipiert werden. Und das ist sicherlich ein Zeichen dafür, dass „Deconstruction" eine interessante und gelungene Platte ist.
9,0/10

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