28. Juli 2011 | Meinung

KopfhörerInnen XXIII: Vijay Iyer

 
ACT/Edel

KopfhörerInnen 23:
Vijay Iyer

 

Vijay Iyer - Tirtha
(VÖ: 25.02.2011, ACT/Edel)
Über Vijay Iyer gibt es viel zu sagen, das jedoch mehr als nur Hintergrundinformation ist. Bereits an seinem Namen lässt sich ablesen, dass der Mann „exotische" Wurzeln hat, in diesem Fall indische. Der in New York lebende Musiker ist derzeit so etwas wie der Inbegriff eines kreativen und grenzenlosen Musikers, der zwar entfernt mit Jazz assoziiert werden kann, in Wahrheit gleiten diese Begriffe aber an der Musik ab, vor allem an der Musik auf diesem hier vorliegenden Album, das er mit zwei Musikern aufgenommen hat, die seine indischen Wurzeln auch musikalisch spiegeln und kreativ in den Sound einflechten sollten. Doch dazu später.

Was macht Iyer nun so außergewöhnlich? Ist es die Tatsache, dass er einen Doktorgrad in Mathematik hat, der sofort auf die Komplexität der Musik angelegt wird bzw. man dem Versuch nicht entkommt, die vielschichte, zum Teil sperrige, immer aber auch sinnliche und genießbare Musik auf seinen akademischen Hintergrund zurückzuführen? Tatsächlich ist diese akademische Ausbildung interessant und für seine Musik wohl nicht so unwichtig, beschäftigte er sich doch mit keinem allzu klassischen Thema der Mathematik. Auf seiner Homepage stößt man jedenfalls auf folgende Schrift: „Microstructures of Feel, Macrostructures of Sound: Embodied Cognition in West African and African-American Musics. Ph.D. Dissertation, University of California, Berkeley". Vereinfacht könnte man sagen, dass es ihm in seiner Dissertation wohl sehr um einen interdisziplinären Ansatz gegangen sein mag, der auch weit in die Musik hineinreicht bzw. sich dieser auf wissenschaftliche Weise annähert.

 

Iyer ist jedoch niemand, dessen Musik akademisch, verkopft oder kühl wirken würde. „Tirtha" beweist, wie viel Leben, wie viel Spielfreude und wie viel „Genie" Iyer in seine Musik legen kann und legen will. Der Mann ist ein Kenner von Musik, niemand, der sich rein emotional und rein intuitiv seinen Projekten widmen würde. Wenn er sich somit indischer Musik annähert, so tut er es zweifellos im Bewusstsein, dass sich seine „hybride" Identität auch in der Musik wiederfinden sollte. In mehreren Interviews betont er, dass ihm diese Hybridität als Musiker und als Mensch sehr wichtig ist. Die Musik die dabei entsteht, ist hybrid im besten und künstlerisch ansprechendsten Sinne: sie ist „Weder-Noch" und zugleich auch „Sowohl-Als-Auch". Diese Musik ist nicht „westlich", sie ist aber auch nicht indisch oder gar exotisch und auf gar keinen Fall exotisierend. Die Musik ist ein hochinteressanter Entwurf einer Grenzüberschreitung, noch besser wohl einer Grenzauflösung, Musik für ein transnationales Zeitalter, in der auch die Musik sich mehr und mehr von musikalischen, kulturellen, ästhetischen und intellektuellen Grenzen frei macht. Davon genau kündet die Musik yon Iyer auf so eindrucksvolle Weise. Das hier ist keine Weltmusik in einem Sinne, dass hier „authentische" Musik von einem „anderswo" angeboten wird. Vielmehr stehen die Musiker, sobald sie gemeinsam im Studio oder auch auf der Bühne stehen, in einem Zwischenraum, in einem Raum, der weder „westlich" noch „östlich" ist, sondern mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Man hat es hier mit Musik zu tun, die weiß, wie verwirrend und komplex eine Welt geworden ist, die sich nicht mehr auf ein Zentrum hin bewegen kann, sondern die in eine Unzahl an Möglichkeiten, Einflüssen und Möglichkeiten zerfällt. Dass sie nicht zwangsläufig zerfallen muss und der Rezipient an der überkomplexen Situation scheitern muss, beweisen solche Ausnahmeplatten wie „Tirtha". M.I.A. war gestern, diese Platte ist mindestens genauso wichtig, dabei aber musikalisch um einiges interessanter und geschickter.

 

Die Musik auf „Tirtha" reicht dabei von stark indisch angehauchten Tracks bis hin zu dissonanten, feingliedrigen Gitarrenstücken, die auch Nels Cline gut gestanden hätten. Letztlich vergisst man zu analysieren und sich zu fragen, welche Einflüsse man gerade hört, mit welcher Tradition man es zu tun hat. Die Tracks lassen diese Unterscheidung auch nicht mehr zu. „Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen", möchte man mit Trojanow sagen. Man weiß nicht, ob er dieses Album kennt, doch es wäre die perfekte Untermauerung für seine Thesen. Zum Glück ist das Album aber musikalisch zu vielschichtig um als bloßer Beleg für eine These benutzt zu werden. Man wird dennoch das Gefühl nicht los, dass das Musik für eine andere, bessere Welt sein könnte. Und das ist in diesem Fall als Kompliment zu verstehen.
9,5/10

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