Von der Begierde gefangen
Pro & Contra: „Was will ich mehr“
Italien/Schweiz, 2010
Anna (Alba Rohrwacher) führt ein solides Leben mit ihrem handwerklich begabten Freund Alessio. Alessio ist weder ein Adonis noch steckt in ihm ein leidenschaftlicher Liebhaber, aber er hat Herz und vertraut seiner Freundin blind. Als Annas Schwester ein Kind bekommt, denkt auch das junge Paar über Nachwuchs nach. Doch bevor die beiden ihren Plan verwirklichen können, kommt es ganz anders. Anna läuft dem charmanten Familienvater Domenico (Pierfrancesco Favino) über den Weg und das Unweigerliche geschieht: sie verlieben sich und beginnen eine leidenschaftliche, vom Verlangen dominierte Affäre aus der sich wahre Liebe zu entwickeln beginnt. Wären die beiden sich bloß früher begegnet …
Pro: Wenn Amor mit Grausamkeit zuschlägt
Tragische Liebesgeschichten gibt es wie Sand am Meer, authentische Filme über leidenschaftliche aber verbotene Gefühle sind rar. Silvio Soldinis „Was will ich mehr“ ist definitiv ein seltenes Meisterwerk über die Tragik, wenn einem der richtige Mensch für das Leben zum falschen Zeitpunkt begegnet. Authentisch, realitätsnah und kraftvoll wird die Geschichte von Anna und Domenico aufgerollt ohne künstlich aufgebauscht zu werden. Die Spirale aus Lügen, Ausreden und Vorwänden rast von Filmminute zu Filmminute immer tiefer in den Abgrund. Je mehr sich die junge Frau und der verheiratete Vater begehren und somit zu Betrügern werden, umso deutlicher wird ihre Not. Der Versuch sich dem Begehren hinzugeben und den Liebeshunger zu stillen, wird stets von Gewissensbissen und Ängsten begleitet. Domenico weiß, dass seine Ehe auf dem Spiel steht, hat aber nicht die Kraft die Beziehung zu Anna zu beenden. Das Unvermögen des Liebespaares rational zu handeln, wird realistisch nachgezeichnet und weckt beim Zuseher tiefstes Verständnis. „Was will ich mehr“ kontrastiert zwischen Beziehungsalltag und erhabener Seelenverbundenheit und zwingt vor allem mit seinem offenen Ende zum Nachdenken über die Bedeutung von erotischer Verbundenheit, wahrer Liebe, Hingebung und Treue.
Silvion Soldinis Film ist mit Sicherheit eine der außergewöhnlichsten und sehenswertesten Produktionen, die über unmögliche Liebesbeziehungen gedreht wurde. Mögen werden den Film aber nur jene, die den Mut haben sich einzugestehen, dass vor den süßen, doch so schrecklich schmerzhaften Pfeilen Amors auch eine bestehende Beziehung kein Schutzschild darstellt.
Contra: Tribüne fürs Schlussmachen
“Was will ich mehr” ist eine Geschichte in der die junge, hübsche Frau ihren fülligen Freund mit einem heimlichen Verehrer betrügt und dabei auch noch ganz gut wegkommt. Zwar bricht sie sich damit selbst das Herz doch es ist klar, dass ihr Freund sie letzten Endes mit offenen Armen aufnehmen wird. Sie jedoch scheint keinerlei Gewissensbisse ihm gegenüber zu haben, sondern nur ihrer verflossenen Affäre nachzuheulen. Es gibt Filme über wunderbare Liebesgeschichten in denen imposanten Sätzen eindrucksvolle Taten folgen – “Was will ich mehr” ist keine davon. Sie erhebt sich zwar über das Artifizielle hinweg und versucht einen Wahrheitsgehalt zu bewahren, dennoch wirkt sie in dem Versuch ungemein flach. Den Charakteren fehlt es allgemein an Tiefe und der Möglichkeit sich in der Geschichte zu entfalten. Das ist der Grund, wieso die Emotionalität in dem Film gespielt und unreal wirkt. Man wartet ständig darauf, dass etwas passiert, was die
Handlung interessant und unerwartet verändert, doch dieser Umstand tritt niemals ein. Stattdessen räckeln sich die Hauptcharaktere im billigen Motel und schreiben heimliche Sms-Briefchen. Die Art und Weise wie offensichtlich diese beiden ihre Partner auf offener Straße betrügen ist beinahe schon lächerlich. Dieser Film eignet sich hervorragend dafür, Freund oder Freundin in grobe Verlegenheit zu bringen und auf Dinge aufmerksam zu machen, die also solche bisher nicht aufgefallen sind. Es gibt keine ruhmreiche Art eine Beziehung zu beenden. Wer jedoch dazu neigt um den heißen Brei herumzureden, der sollte seinen Partner vielleicht besser ins Kino ausführen und sich bei der Hälfte mit „ich geh mal kurz Popcorn kaufen“ für immer verabschieden, der Film dürfte dann den Rest erledigen. Wenn man nicht gerade an Insomnia oder einer anhänglichen Freundin leidet, die man gerne unkompliziert loswerden würde, ist von dem Film in jedem Fall abzuraten.
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