30. März 2011 | Meinung

Zu viel Hitler

mokant.at montage > foto: georg marlovics
Sofia Khomenko geht der Frage nach, wie der Umgang mit dem Holocaust heute aussieht

Sofia Khomenko über die Erinnerung an den Holocaust und das Böse in uns allen

 

Ich war ein kleines Mädchen, als ich ein Bild gesehen habe, das bis heute vor mir erscheint, wenn ich die Augen schließe: ein Berg voller ausgemergelter Gestalten, mit Haut überzogene verrenkte Skelette, gerade noch als menschlich zu erkennen. Ich habe erst später erfahren, dass das eine Aufnahme eines Konzentrationslagers gewesen war. Ich habe mich damals gefragt: Wie können Menschen so etwas tun oder auch nur zulassen? Ich konnte es einfach nicht verstehen. Jetzt, unzählige Bilder, Filme, Begegnungen, biografische und wissenschaftliche Texte später, kann ich es mir teilweise erklären. Verstehen kann ich es noch immer nicht.

 

Als ich am Samstag die Tagung „Gedächtnis-Verlust?“ besucht habe, deren Thema die Geschichtsvermittlung in der heutigen Mediengesellschaft war, kam unter anderem die Frage nach Empathie gegenüber den Tätern auf. Kann man sich in einen Täter hineinversetzen, ohne seine Taten dadurch zu verharmlosen? Kann man versuchen ihn zu verstehen, ohne ihn zu entschuldigen?

Bereits knapp nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man in verschiedenen Experimenten das Verhalten von Tätern im Nationalsozialismus zu erklären. Das berühmteste ist wohl das Milgram-Experiment. Ein Student wurde vom Versuchsleiter dazu aufgefordert einem anderen Studenten Fragen zu stellen und ihn mit Elektroschocks zu bestrafen, wenn die Fragen falsch beantwortet wurden. Die Spannung wurde immer weiter erhöht, der Student auf dem elektrischen Stuhl (der Schauspieler war, aber das wusste der andere nicht) begann zu schreien, zu weinen, zu flehen, bis er schließlich reglos in sich zusammensank. Ein Großteil der Studenten hätte den auf dem Stuhl getötet, einfach, weil er Fragen falsch beantwortet hatte.

 

Vom Versuchsleiter, der danebenstand, gab es nicht etwa eine Drohung, nur eine Anweisung weiterzumachen. Ein anderes Experiment war das Stanford-Prison-Experiment. Dabei wurde im Labor ein „Gefängnis“ nachgebaut. Studenten wurden nach dem Los in zwei Gruppen eingeteilt: in Gefängniswärter und Gefangene. Nach nur sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden: Die „Gefängniswärter“ hatten angefangen, ihre Mitstundenten zu demütigen und zu misshandeln.

Was scheinen uns diese Experimente zu sagen? In jedem von uns steckt ein gewisses Maß an Sadismus, wir unterwerfen uns bereitwillig vermeintlichen Autoritäten und handeln blind nach bestimmten „Rollen“ – wie eben die „Gefängniswärter“. Wenn man sich mit dem Holocaust beschäftigt, stellt man sich früher oder später die Frage: Was hätte ich damals getan? Woher kann ich sicher sein, dass ich anders bin? Die Ergebnisse der Experimente scheinen zu sagen: „Du bist nicht anders. Du hättest dasselbe getan.“ Und damit scheinen die Täter von damals nicht nur verstanden, sondern auch entschuldigt. Sie haben so gehandelt, weil sie Menschen sind.

Ist die ganze Sache damit geklärt? Wir stellen fest, wir alle sind böse, die Welt ist schlecht, dann sollten wir die Sache mit dem Holocaust einfach mal wieder vergessen? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn sowohl beim Milgram- als auch beim Stanford-Prison-Experiment haben sich viele sadistisch und autoritätshörig verhalten, aber nicht alle. Und während des Nationalsozialismus gab es viele Täter, Mitläufer und „Unwissende“, aber es gab auch Widerstand – Menschen, die sich aktiv oder passiv widersetzten. Jeder von uns kann auch zu diesen Menschen gehören. Und wir haben den Menschen von damals noch etwas voraus: das Wissen über die Geschichte, das uns sensibler, resistenter und stärker machen kann.

Die meisten der Täter, so wie die meisten der Opfer sind bereits tot. Wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, werden sich der Nationalsozialismus und der Holocaust dann endgültig in die Geschichte einreihen und vergessen werden? Oder erfährt das Thema gerade eine neue Renaissance durch die Unterhaltungsindustrie? Sollten wir uns mehr mit dem Thema auseinandersetzen oder flimmert schon zu viel Hitler über unsere Bildschirme? Wie sollen wir heute mit Nationalsozialismus und Holocaust umgehen?

Ich weiß die Antworten auf diese Fragen nicht. Deswegen möchte ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, dazu einladen mit mir darüber zu diskutieren. Ich freue mich über Anmerkungen, Kommentare, Fragen, Kritik. Poste deine Meinung einfach im Forum oder schreib mir eine E-Mail. Vielleicht finden wir gemeinsam ein paar Antworten.

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Kommentare (2)

    Sandra Kendler 15.01.2013 | 12:57

    Hallo!

    Ich persönich bin der Meinung, dass man den Holocaust nie vergessen wird, auch wenn es in naher Zukunt keine Zeitzeugen mehr geben wird . Jedoch rückt er in immer weitere Ferne und wird "unwichtig" für unser heutiges Leben, sofern ich das so nennen darf. Sicherlich werden die Bilder, Dokumentationen, Filme usw. weiterhin fester Bestandteil des Geschichtsunterrichtes bleiben. Die Schüler werden auch nach wie vor geschockt reagieren, können es aber schnell wieder verdrängen, da der persönliche Bezug fehlt. Meine Generation (1994) hat vl noch (Ur-)Großeltern, die im Krieg waren - das ist schon etwas anderes.
    Zur Frage: "Zu viel Hitler". Einerseits bin ich überzeugt, dass es genug Filme, Dokus etc. über Hitler, Holocaust,... gibt und jeder neue Film in Wahrheit nur Geld bringen soll. Dazu fällt mir der passende Slogan ein: "Hitler sells".
    Andererseits tragen sie auch dazu bei, dass wir immer wieder an die Verbrechen von damals erinntert werden und uns somit das Verdrängen schwieriger gemacht wird.
    Das wichtigste für die heutige Zeit und die Zukunft ist, dass wir uns immer mal wieder mit dieser grausmane Vergangenheit auseinandersetzten, um den "Holocaustleugnern" nie wirklich eine Chance zu geben.
    Abschließend muss ich noch hinzufügen, dass eine Diktatur, obwohl wir in einer sehr aufgeklärten und modernen Welt leben, wieder möglich wäre. Das haben Experimente wie bei Milgram oder "The wave" leider deutlich gezeigt - sehr bedenklich.
    LG sandra

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    Konrad Reinelt 22.03.2013 | 04:30

    Liebe Leute,

    Völkermord als solches hat es leider schon seit sehr langer Zeit in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. Die industriell organisierte Ausrottung der Juden, Sinti und Roma stellt hier einen bis dato einmaligen Höhepunkt dieser Art des Verbrechens dar. Somit wird dies ein böses "Lehrstück" der Geschichte bleiben. Meine Befürchtung ist nur, dass die Probleme, die in Zukunft auf uns zu kommen, allen Indizien nach, so extrem sein werden, dass auch dieser Abschnitt der Geschichte, zwar vielleicht nicht vergessen, aber in Anbetracht dessen, das dann die Existenz der Menschheit als solche in Frage gestellt wird, verblassen wird. Und dann, in extremen Situationen, besteht die reale Gefahr, dass ähnliche Verbrechen wieder verübt werden, denn leider kommt es ja selten genug vor, dass die Menschen aus der Geschichte lernen. Zur Zeit schützt uns ja der - zwar immer mehr abnehmende, aber immer noch existierende - Wohlstand vor der Massenbeeinflussung durch Extremisten mit verbrecherischen Gedankengut. Da aber der Wohlstand allen Anschein nach systematisch (Diktatur des internationalen Finanzmarktkapitals?) und ohne Not (es ist mehr Geld als je zuvor vorhanden, nur eben in den Händen einiger weniger) stückweise immer mehr herunter gefahren wird, kann man sich ja denken wohin das führen wird.
    So bleibt nur das Beste zu hoffen, entsprechend zu handeln und die Menschen im eigenes Umfeld entsprechend zu beeinflussen.

    Mit besten Grüßen
    Konrad

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