27. Juni 2012 | Kultur

„Fernab der ausgetretenen Wege“

 
 (c) felix mertikat, cross cult
Wir verlosen zwei signierte „Steam Noir - Kupferherz 2“-Comics
 mokant.at collage > bild1: felix mertikat, cross cult; bild2 (c) verena klinke; bild3 (c) felix mertikat; bild4-9 (c) felix mertikat, cross cult
„Heinrich gerät in das Fahrwasser gewaltiger sozialer Umwälzungen“

„Steam Noir“-Schöpfer Felix Mertikat und Autorin Verena Klinke im Interview 

 

Durch die gemeinsame Abschlussarbeit an der Filmakademie Ludwigsburg war für Felix Mertikat und Benjamin Schreuder der erste Stein gelegt: Die Zusammenarbeit der beiden brachte 2010 den Comicroman „Jakob“ hervor, der an eine Mischung aus Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ und Michael Endes „Momo“ erinnert. Für „Jakob“ erhielten die Künstler den „Sondermann“-Preis der Frankfurter Buchmesse - doch damit war ihre gemeinsame Arbeit noch nicht zu Ende. Etwa ein Jahr später erblickte „Steam Noir - Das Kupferherz 1“ das Licht der Welt.

 

 

Steam-Punk Optik und Film Noir Stimmung

„Ein zerbrochener Planet. Schollen, die im Äther treiben. Maschinen mit Seelen und Menschen ohne Skrupel. Dampfkraft, groteske Maschinentechnik und übernatürliche Phänomene. Und über all dem eine geheimnisvolle Toteninsel, die die Welt der Lebenden heimsucht!“

 

Düster und überraschend ist die Geschichte um Hauptfigur Heinrich Lerchenwald, in dessen Welt wiederkehrende Seelen die Realität der Lebenden verzerren und Menschen mechanische Implantate tragen. Am zweiten Band arbeitete Felix Mertikat zusammen mit der freien Autorin Verena Klinke.

 

mokant.at: Es ist ganz normal, dass man in der Schule oder schon viel früher zu zeichnen und zu schreiben beginnt. Wann und wie habt ihr bemerkt, dass ihr da besser seid als die anderen ?

Verena: Natürlich hab ich mir schon während meiner Schulzeit gerne Geschichten ausgedacht, aber eigentlich war das bei vielen aus meiner Klasse nicht anders. Dass ich jetzt Autorin bin, liegt nicht daran, dass ich besser schreiben kann als all diese anderen – sondern daran, dass ich mich entschieden habe, es beruflich machen zu wollen.

Felix: Tatsächlich war es bei mir als Kind schon klar, dass ich meine Hände geschickter bewegen konnte als andere. Trotzdem würde ich behaupten, dass bis weit in die Realschulzeit hinein meine zeichnerischen Fähigkeiten eher bescheiden waren. Erst ab der zehnten Klasse habe ich angefangen, mir Gedanken über das Zeichnen und Gestalten zu machen, und konnte damit zum ersten Mal „besser“ werden.

 

mokant.at: Wann ist daraus der Wunsch entstanden, das als Beruf auszuüben?

Verena: Ich war lange Zeit davon überzeugt, unbedingt Regie machen zu wollen – bis ich mich nach dem Abitur konkret mit diesem Beruf auseinandersetzte. Bei meinem Praktikum an der Filmakademie merkte ich, dass ich eigentlich lieber Stoffe schreiben wollte als Stoffe filmisch umzusetzen. Und doch brauchte ich erst den Umweg über ein Literaturstudium, um mich für die Arbeit als freie Autorin zu entscheiden.

Felix: Nach dem Abitur kamen zwei Wege infrage: Biologe/Mediziner oder Künstler. Zuerst fiel die Wahl auf die Biologie, doch nach einem Jahr habe ich das Studium abgebrochen und in den kreativen Bereich gewechselt. Zuerst ein Praktikum in einer Werbeagentur und später dann das Studium an der Filmakademie.

 

mokant.at: Wir haben in den vergangenen Monaten viele Musiker interviewt, die nicht bloß von ihrer Kunst leben können und deswegen einen Zweit-Job haben. Unter ihnen sind Netzwerktechniker, Web-Designer und Café-Besitzer. Inwieweit könnt ihr euch mit dem, was ihr macht, über Wasser halten?

Felix: Ich bin Vollzeitzeichner. Ich mache den lieben langen Tag nichts anderes und liebe es. Ich hatte bisher immer das Glück, nichts nebenbei machen zu müssen.

Verena: Es ist mein erstes Jahr als freie Autorin, dafür kann ich sehr zufrieden sein. Dinge wie Workshops oder Signierstunden helfen Künstlern, noch zusätzliches Geld mit ihrer Arbeit zu verdienen. In Zukunft möchte ich stärker noch redaktionelle Tätigkeiten übernehmen, um irgendwann ganz davon leben zu können.

 

mokant.at: Wie würdet ihr jemandem, der noch nie etwas davon gehört hat, Steam Noir beschreiben? Wieso ist es der Comic lesenswert und was ist das Besondere daran? Wieso habt ihr euch für Steam Punk entschieden?

Felix: Unser Protagonist Heinrich Lerchenwald versucht, mit seiner Erforschung der wiedergekehrten Seelen seinem Sohn eine Möglichkeit zum (Über)leben zu schaffen, und gerät dabei in das Fahrwasser gewaltiger sozialer und gesellschaftlicher Umwälzungen des Kaiserreichs Januskoogen. Steam Noir spielt ganz bewusst mit einer europäischen Ästhetik in einer fiktiven Zeit, die der Weimarer Republik nachempfunden ist - eine Zeit, die ästhetisch, aber auch von den gesellschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Umwälzungen her unglaublich viel Potenzial aufweist.

Verena: Das Steampunk-Genre erlaubt uns, eine alternative Gesellschaft zu entwerfen, die neben Anleihen an unsere Historie auch fantastische Elemente beinhaltet. Trotz ernster Themen ist Steam Noir auch Spaß an der Spielerei - ob verrückte Technik oder außergewöhnliche Naturphänomene.

 

mokant.at: Welche anderen Künstler dienen euch als Inspirationsquelle? Gibt es Comics die ihr euren Lesern gerne weiterempfehlen würdet?

Verena: Da ich erst ab dem zweiten Band die Autorenstelle übernommen habe, ging es für mich vor allem darum, meine Fortführung der Geschichte mit der Erzählung und der Erzählweise des ersten Bandes abzustimmen. Ich habe mich voll auf die Anforderungen der beschriebenen Welt eingelassen und habe nicht versucht, eigene Vorbilder nachzuahmen oder einzuarbeiten. Allerdings lassen sich – naheliegend bei der Thematik „Künstlicher Mensch“ – einige Motive aus Mary Shelleys „Frankenstein“ finden – auf jeden Fall eine Erzählung, die ich Lesern von Steam Noir ans Herz lege.

Felix: Mike Mignola hat mit seiner Hellboy-Serie mein Interesse an Comics geweckt und auch meinen Weg bereitet, eine eigene Sprache in meinen Zeichnungen zu entwickeln. Daneben sind es Bands wie „Welle: Erdball“ und „Einstürzende Neubauten“, die in ihrer Musik Welten beschreiben, die auf Steam Noir auf jeden Fall viel Einfluss ausgeübt haben. Ich halte sehr wenig von Empfehlungen, weil mein Geschmack natürlich ganz anders sein kann als der Geschmack der Leser. Vielleicht kann ich einfach sagen, dass man auch fernab der ausgetretenen Wege bekannter Zeichner und Filme wunderbare Meisterwerke findet.

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn
mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
-->