Wie die Wale fliegen lernten
Filmriss Pro und Contra: „King of Devil’s Island“, Aktion/Drama, N/FR/S/PL, 2012
In dem Film „King of Devil’s Island“ (Originaltitel: „Kongen av Bastøy“) unter der Regie von Marius Holst, geht es um die Haftanstalt Bastøy in Norwegen auf der gleichnamigen Insel, die von 1896 bis 1970 existierte. Sie stellt eine Besserungsanstalt für vernachlässigte, straffällig gewordene Jungen dar. Wir befinden uns im Jahr 1912 als Erling (Benjamin Helstad) ein 17-Jähriger Harpunier und Ivar (Markus Langlete) auf die Insel kommen. Es wird schnell klar, dass ein strenger, unfairer Umgang unter der Hand des Direktors Bestyreren (Stellan Skårsgard) herrscht. Nach einem Fluchtversuch kulminiert die Solidarität der Jungen für einen missbrauchten Mitschüler in Anarchie.
Pro: Starke Schauspieler für brisante Themen
Der Film greift indirekt aktuelle Themen wie die Missbrauchsfälle von DDR-Heimkindern oder Heimkinder in katholischen Gemeinden auf und begibt sich damit auf brisantes Terrain. In „King of Devil’s Island“ vergeht sich der Hausvater Bråthen (Kristoffer Joner) an Ivar, was selbst dann vom Direktor geleugnet und vertuscht wird, als der Musterzögling Olav (Trond Nilssen) ihm davon erzählt, obwohl seine Entlassung nach sechs Jahren damit auf dem Spiel steht. Indem sich die Jungen gemeinschaftlich gegen den Hausvater stellen, wird der Zusammenhalt unter ihnen gestärkt. Unsinnige Strafen werden geduldet, wie gegenseitiges Auspeitschen und Waldarbeiten im tiefsten Schnee. Metaphorisch steht dafür die Geschichte, die Erling erzählt: Er hat als Harpunier einen Wal gesehen, der schon viele Narben von Harpunen trug und noch immer lebte.
Die Schauspieler bieten sich hier einen Schlagabtausch in Sachen Können. Stellan Skårsgard bekannt aus „Jagd auf roter Oktober“ (1990) und „Good will hunting“ (1997) spielt den christlichen Pädagogen mit einer Mischung aus Sadismus und Mitgefühl mit großer Überzeugungskraft. Der rebellische Harpunier Erling, der seinem natürlichen Gerechtigkeitssinn folgt und keine Angst vor Strafe hat, wurde von Markus Langlete mit wütendem Gesicht und robuster Statur sehr gut besetzt. Beide stellen die starken, unbeirrbaren Persönlichkeiten dar, die die Handlung vorantreiben. Der Film befriedigt zwar am Ende den Gerechtigkeitssinn, als sämtliche Betreuer und Pädagogen von der Insel verscheucht werden, während der pädophile Hausvater fast erhängt und verbrannt wird, doch wird die Anarchie nicht als Allheilmittel legitimiert. Denn schon bald rückt das Militär auf der Insel ein und treibt die Jungen brutal zusammen: Wie gewonnen so zerronnen. Nur Olav und Erling versuchen über den zugefrorenen Fjord aufs Festland zu fliehen.
Contra: Weniger wäre mehr
Das brisante Thema des Missbrauchs von Heimkindern wird zwar im großen und ganzen akurat und feinfühlig behandelt, aber am Ende bleibt nur die Teufelsfigur des Hausvaters übrig, an dem die ganze Wut ausgelassen wird. Andere Ursachen werden nicht zugelassen und die Gründe scheinen in der abgrundtief bösen Person zu liegen. Das ist aber weniger dem Regisseur anzulasten, als einer allgemein gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Pädophilie. Insgesamt ergibt sich daraus eine klare Aufteilung zwischen Gut und Böse, was nur dadurch möglich ist, dass die Vorgeschichte der Jungen ausgespart wird. Ob Erling nämlich jemanden umgebracht hat, wird nicht beantwortet, somit steht er als unschuldiger Rebell da. Die Graufacetten werden in diesem Film ausgespart.
Leider lässt sich dann am Ende des Films feststellen, dass es sehr viele Wendepunkte gab, weil viele Ereignisse hineingepackt wurden, wie der Fluchtversuch von Erling, die Bestrafung des Hausvaters, das Einrücken des Militärs und am Ende der Tod im Eis. Das braucht der Film ebenfalls nicht. Das dramatische Ende, als Erling im Eis ertrinkt, erinnert unvermeidlich an den Tod von Jack aus Titanic, was hoffentlich eine ungewollte Assoziation darstellt. Außerdem braucht es in diesem Film mal wieder die Legitimation durch den Wahrheitsanspruch des Satzes „Diese Geschichte beruht auf wahren Ereignissen“. Es ist zwar interessant, dass die Orte nicht erfunden sind, aber Filme werden dadurch nicht besser oder glaubwürdiger. Dieser Film hat das jedenfalls nicht nötig.
Rezension von Vanessa Scharrer
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