Das Märchen von Isegrim
Filmriss Pro und Contra: „The Grey - Unter Wölfen“, Drama, USA, 2011
Der Film „The Grey – Unter Wölfen“ von Joe Carnahan, der am 13. April startet, erzählt die Geschichte von sieben Männern, die sich plötzlich nach ihrem Flugzeugabsturz in Alaska, mitten im Nirgendwo wiederfinden. Der Protagonist Ottway ist einer der Überlebenden. Er sollte die Arbeiter der Bohrstation, auf der er arbeitet, vor wilden Tieren beschützen. Weiters überlebten Flannery (Joe Anderson), Burke (Nonso Anozie), Hernandes (James Badge Dale), Talget (Dermot Mulroney), Diaz (Frank Grillo) und Henrick (Dallas Roberts) das Unglück. Schon bald aber merken sie, dass sie in den Trümmern des Flugzeugs mit den Leichen nicht alleine sind. Sie befinden sich in dem Jagdgebiet wilder Wölfe, die es auf die verängstigen Männer abgesehen haben. Ottway übernimmt schnell die Leitung der Truppe und sie beschließen, sich den Wölfen zu stellen und im Eis um ihr Überleben zu kämpfen.
Pro: Vom Regen in die Traufe
Es treffen hier die verfälschten Vorstellungen über Wölfe und alte Schreckensmärchen auf Männer, die in der Wildnis überleben wollen. Durch die Eiseskälte, den stürmischen Wind und die leblose Landschaft, die von Kameramann Masanobu Takayanagi virtuos in Kanada eingefangen wurde, entsteht das Gefühl eines bedrückenden physischen Raums, der mit den Schauspielern mitleiden lässt.
Liam Neeson spielt hier außerdem in einer Rolle, die wie für ihn geschaffen scheint. Als ein eher unschöner Mann, dem das schwere Schicksal ins Gesicht geschrieben scheint, verkörpert er den menschlichen Leitwolf. Wir erfahren, dass Ottway sich nach dem Tod seiner Frau das Leben nehmen wollte. Im Laufe der Strapazen findet er als einer der wenigen Überlebenden seinen Lebenswillen wieder. Das heißt aber nicht, dass in diesem Film ein plattes Happy End zu erwarten ist: Das Ende bleibt offen und damit überraschend anspruchsvoll. Als sich Ottway dem Leitwolf gegenüber sieht, muss er an ein Gedicht aus Kindertagen denken: „Once more into the fray. Into the last good fight I'll never know. Live and die on this day. Live and die on this day.“
Contra: Katalogisiert und verfüttert
Nach dem spektakulären Flugzeugabsturz folgt die vorhersehbare Dezimierung der Protagonisten auf dem Fuße, denn nur wer stark ist, kann in der rauen, eisigkalten Wildnis überleben. Nicht zufällig handelt es sich hier um testosterongeschwängerte Ex-Knackis, die nur scheinbar hart sind und schnell zu Wolfsfutter werden. Zu dieser Vorhersehbarkeit gesellt sich die absolut unrealistische und vermenschlichte Sicht auf die Wölfe, die zum Teil schlecht animiert sind. Es handelt sich hier nicht um Phantasiewesen, sondern um blutrünstige, gerissene und rachsüchtige Wölfe, die das Tier im Mann erwecken. Es fallen Sätze wie: „Nicht ihr seit die Bestien, wir sind die Bestien.“ Die anderen Männer der Truppe werden im Gegensatz zu Ottway platt kategorisiert in Stereotypen wie Macho, Weichei mit Brille und liebevoller Vater. Nachdem sie schnell den Wölfen zum Opfer fallen, bleibt auch nicht viel Zeit, ihre Persönlichkeit auszufalten.
Wer also über einige Ungereimtheiten hinwegsehen kann (und Wölfe schon immer unsympathisch fand) wird in diesem Film bildgewaltige Schneelandschaften finden und einen gut spielenden Liam Neeson.
Rezension von Vanessa Scharrer
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