02. Juni 2011 | Kultur

„Bin zeichnerisch ziemlich beschränkt“

mokant.at > foto: alexandra gritsevskaja
„Habe immer schon gezeichnet“, erzählt Nicolas Mahler

Filmemacher Nicolas Mahler über Comics und die Straße als Inspiration

 

Bereits drei Mal wurde dem Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler der „Max & Moritz“-Preis verliehen, der als wichtigste Auszeichnung für Comics im deutschsprachigen Raum gilt. Seine 25 Publikationen sind neben Österreich auch in der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Polen den USA und zahlreichen anderen Ländern erschienen und erfreuen sich unter Comicfans großer Beliebtheit. Sein minimalistischer Stil und absurder Humor sind seine besonderen Markenzeichen. Seit einigen Jahren sind seine Werke nicht nur mehr statisch in Comicform zu lesen, sondern gastieren auch auf verschiedensten Kurz- und Animatinsfilmfestivals. Das Vienna Independent Short Filmfestival lud Nicolas Mahler ein, um seine Werke und einige ausgewählte Filme seiner Kollegen vorzuführen.

 

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mokant.at: Was können Sie uns über sich und Ihre Werke erzählen?
Nicolas Mahler: Ich bin aus Wien, Comic-Zeichner und mache mittlerweile seit neun Jahren Filme. Ich komme also eigentlich nicht vom Film sondern vom Comic und habe dann irgendwann beschlossen, dass es irgendwie ganz lustig wäre auch das auszuprobieren. Nachdem ich eher minimal zeichne – also nicht sehr aufwändig – ist es zu bewältigen, einen Trickfilm zumachen. Wenn ich da aufwändiger wäre, könnte ich das größtenteils nicht alleine zeichnen. Beim ersten Film habe ich eine weitere Zeichnerin gehabt. Ich habe die Hauptphasen gezeichnet und sie hat die Animationen gemacht. Aber nachdem meine Filme so ein minimales Budget haben, muss ich mittlerweile alle Zeichnungen selber machen.

mokant.at: Das heißt Sie erhalten in diese Richtung keine Unterstützung?
Mahler: Beim ersten Film hatte ich schon Unterstützung und der ist auch sehr gut angekommen. „Flaschko“ war das. Es war eine Serie, sechs Episoden je eine Minute, und der ist überraschenderweise gut angekommen obwohl die Filme sehr kurz waren. Er hat in Deutschland einen Vertrieb bekommen und ist sogar in Kinos als regulärer Film gelaufen. Er hat damals auch sehr viele Festivaleinladungen bekommen.

 

mokant.at: Womit kann man beim diesjährigen VIS-Festival rechnen? Was für einen Beitrag können wir uns von Ihnen erwarten?
Mahler: Von mir gibt es einen Tribute, da hat mir das Festival quasi ein Programm zur Verfügung gestellt. Es werden alle meine fünf Filme gezeigt und dazu hab ich noch ein paar Filme von Kollegen ausgewählt, großteils von Zeichnern, die auch Filme machen.

mokant.at: Haben Sie als Kind auch schon so viel gezeichnet?
Mahler: Ja, ich habe immer schon gezeichnet.

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mokant.at: War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie dieses Hobby auch beruflich ausüben möchten?
Mahler: So einen richtigen Plan hab ich nie gehabt. Ich habe einfach immer gezeichnet, dann maturiert und dann war da schließlich die Frage: „Was macht man jetzt überhaupt?“ Ich habe dann in dem Sommer eine Comicserie gezeichnet und die ist dann gleich in einer Tageszeichnung täglich abgedruckt worden. Wenn man täglich einen Comicstrip zeichnen muss, bleibt keine Zeit für irgendetwas anderes. Ich habe jeden Tag zeichnen müssen und bin dann draufgekommen, dass das eigentlich ganz angenehm ist. Die Alternative wären irgendwelche Jobs gewesen. Das Zeichnen war zwar schlecht bezahlt, aber im Vergleich zu den anderen Jobs hab ich mir gedacht „Naja, zeichnen ist eigentlich ganz nett.“

 

mokant.at: Und was haben Ihre Eltern damals dazu gesagt?
Mahler: Es hat schon immer wieder Phasen gegeben da hat es geheißen: „Da könnt' schon langsam was Gscheites kommen“. Aber sie waren eigentlich relativ offen. Sie haben mich jetzt nicht dazu gezwungen Jus zu studieren oder irgendsowas. Ich hab schon nebenher Kunstgeschichte studiert, aber nicht fertig. Die Anfangszeit war natürlich hart, die ersten zehn Jahre.

mokant.at: Was war dann der Durchbruch?
Mahler: Mein Durchbruch, wenn man das so sagen kann, war eigentlich, dass ich in Frankreich einen wirklich guten Verlag gefunden habe. Durch den Verlag bin ich viel auf Festivals gefahren, nicht Filmfestivals, sondern Comicfestivals. Man kann sich das so vorstellen: Das ist kein Großverlag wo Mainstream-Comicalben publiziert werden, sondern ein guter Alternativverlag, der damals wegweisend war. Die haben zum Beispiel auch „Persepolis“ rausgebracht. Das war ein Verlag, der den Autoren völlig vertraut und keiner, der kommerziell denkt, bei dem man zeichnen müsste, was sich gut verkauft. Da hat man zeichnen können was man wollte. Das ist natürlich eine traumhafte Situation, die man selten hat. Dadurch habe ich international sehr viele Leute kennengelernt, aus Kanada, Amerika, Polen, Tschechien und jetzt auch Spanien.


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mokant.at: Gibt es etwas, was Sie ganz besonders gerne zeichnen und etwas was Sie überhaupt nicht zeichnen können?
Mahler: Ich bin zeichnerisch ziemlich beschränkt, würde ich sagen. Ich kann nicht alles zeichnen. Ich zeichne lieber Figuren und nicht sehr gerne Hintergründe. Das war der Grund warum ich zehn Jahre Schwierigkeiten gehabt habe – weil man sich sich manchmal einfach nicht traut. Ich habe mich lange nicht getraut zu sagen „was ich nicht zeichnen kann oder will – weg damit!“ sondern ich habe mich schon zehn Jahre lang abgemüht doch Hintergründe zu zeichnen damit das alles etwas voller ausschaut. Irgendwann hat es mir aber keinen Spaß mehr gemacht und das war dann der Punkt an dem ich mir gedacht hab „warum eigentlich?“

 

mokant.at: Das war dann der Punkt ab dem Sie in eine minimalistische Richtung gegangen sind.
Mahler: Ja. Ich bin schneller und ich kann eigentlich alles umsetzen was ich will, ich brauche mich nicht zu fragen ob ich das zeichnen kann. Ich habe mich probiert am Western-, Rennfahrer- und Boxercomic. Und habe dann schon so minimal gezeichnet, dass ich alles zeichnen konnte, jede Idee rüberbringen konnte.

mokant.at: Haben Sie für Ihre Witze eine bestimmte, private Inspiration?
Mahler: Ich habe immer ein Skizzenbuch einstecken. Die meisten Zeichner skizzieren immer die Situationen, zeichnen etwas ab. Das mache ich zum Beispiel nicht. Ich notiere mir die Situationen eher nur schriftlich, gehe weniger von der Zeichnung aus, sondern eher von der Idee und vom Text. Ich mache viele autobiografische Geschichten – die sind wirklich alle so passiert. Das ist auch nicht leicht, denn bei autobiografischen Geschichten besteht immer die Schwierigkeit: was ist für einen Außenstehenden noch interessant und was ist wirklich nur so eine Tagebuch-Zeichnerei? Man notiert sich einfach, was einem passiert, aber man hat zumindest schon einmal eine Geschichte und dann muss man sich überlegen „Was für eine zeichnet man und wie bringt man es rüber? Wie komprimiert man eine Geschichte, damit es nicht mehr nur so eine banale Anekdote, sondern ein bisschen eine Oper ist?“. Das ist für mich sehr reizvoll.

 

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Dann gibt es Geschichten, die frei erfunden sind. Bei Inspiration kann man nie sagen woher sie kommt. Viel kommt von Filmen und von Dialogen, die ich belausche. Die Mischform macht es dann glaubwürdig.
Am Anfang geht es leicht, weil da hat man dann noch im Kopf, was passiert ist. Ab einem gewissen Punkt ist man dann aber ein bisschen auf der Suche und denkt sich „Jetzt müsste ich doch eigentlich endlich wieder etwas lustiges erleben“ - das funktioniert natürlich nicht auf Knopfdruck. Es kommt entweder oder es kommt nicht. Ich habe schon viele Geschichten auf der Straße gefunden. Wir haben zum Beispiel die Serie „Walk on by“. Wenn ich jetzt zum Museumsquartier gehe, zum Beispiel, schreibe ich mir Gesprächsfetzen von Leuten, die mir entgegenkommen und sich gegenseitig etwas erzählen, auf.

 

mokant.at: Gibt es ein konkretes Beispiel dazu?
Mahler: Ich bin gegangen und mir sind zwei Schüler entgegenkommen, wahrscheinlich Brüder. Einer war etwas größer als der andere. Wahrscheinlich waren sie so sieben und neun. Und da hat der Größere zum Kleineren gesagt: „Das Wichtigste ist: man darf niemals aufgeben.“ Die sind so an mir vorbeigegangen, ganz schön altersweise. Und dann hab ich noch gehört wie er nachgesetzt hat: „bis man merkt, dass man eh keine Chance hat.“ Wenn sich die so unterhalten, ist das schon sehr niederschmetternd (lacht). Ein typischer Wiener Dialog zwischen Siebenjährigen.

mokant.at: Haben Sie ein größeres Projekt, das Sie in Zukunft auf die Beine stellen möchten?
Mahler: Jetzt sitze ich gerade an einer Adaption von Thomas Bernhards „Alte Meister“. Das ist auch so eine Art Trend. Ich habe das schon vor längerer Zeit zugesagt und jetzt kommen laufend literarische Werke als Comic. Ich finde das reizvoll. Wann hat man schon die Möglichkeit mit so einem Text offiziell arbeiten zu können? Wir hätten die Rechte auch, wahrscheinlich schwieriger, bekommen aber ich glaube im Moment ist die Stimmung ganz gut, den Comics gegenüber. Früher war „Comic“ ja das absolute No-Go. Auf der Kunsthochschule bin ich zum Beispiel auch nicht genommen worden weil ich Comics gemacht hab. Aber mittlerweile glaube ich, dass wenn du mit einem Comic der interessant ist kommst, es für die Unterrichtenden nicht mehr so schockierend ist.

 

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