Zwischen Party und Botschaft
Das AKW Zwentendorf ist Mahnmal und Symbol für eine atomfreie Zukunft zugleich
Das „Global 2000 Tomorrow Festival“ ist Österreichs größtes Festival gegen den Atomstrom. Es findet bezeichnenderweise am Gelände des AKWs Zwentendorfs statt, Österreichs einzigem und dazu noch stillgelegten Atomkraftwerk. Ein geschichtsträchtiger Ort. Zum einen, weil hier die Geschichte der Atomkraft in Österreich zu Ende ging, bevor sie überhaupt begann. Zum anderen, weil wegen Zwentendorf der Lieblingsbundeskanzler der Österreicher, Bruno Kreisky, zurücktreten musste. Übrig blieb nur ein Lieblingsatomkraftwerk, das 500 Millionen Euro gekostet hat und zu nicht sonderlich viel zu gebrauchen ist. mokant.at war beim Festival dabei.
„Ein Atom macht noch keinen Strom“ - Texta
„Das soll ein Atomkraftwerk sein?“ Das Mädchen hinter uns im Shuttle-Bus ist hörbar enttäuscht. Nicht weil sie eine Atomkraft-Befürworterin wäre. Dagegen sprechen schon die langen Dreads und die vielen Piercings im Gesicht. Sondern - und das sehen wir jetzt auch, als wir durch die Fensterscheibe des fahrenden Shuttles schauen - weil Zwentendorf erst mal gar nicht aussieht wie ein Atomkraftwerk. Die beiden großen geschwungenen Schlote à la „Simpson“ fehlen, genauso wie die dicke runde Kuppel, die man sonst auf Bildern findet. Stattdessen sehen wir nur einen nichtssagenden grauen Kasten, der mit einem einsamen, dünnen Turm verbunden ist. Das berühmte AKW Zwentendorf. Das einzige Kernkraftwerk Österreichs.
Als wir ankommen, sind die Festival-Vorbereitungen noch in vollem Gange. Mitarbeiter von Global 2000 wuseln eilig zwischen dem Pressezentrum, der Main Stage und den verschiedenen Ständen hin und her. Anscheinend hat jemand vergessen die Mülleimer aufzustellen. Schilder mit „Eingang“ gibt es auch keine. Wir wandern zusammen mit den anderen entlang der Absperrung mal in die eine, mal in die andere Richtung, bis wir den Eingang zum Gelände finden. Auch sonst hat die Organisation einige Pannen. Die Wege sind kompliziert geplant und viel zu lang. Später gibt es ein Problem mit dem Strom. „Am besten wir schalten das AKW wieder an“, lacht eine Mitarbeiterin von Global 2000. Auf jeden Fall haben sie Humor.
„Atomkraft eine super Idee! (haut leider langfristig nicht hin)“ - Kreisky
Wir bekommen eine Führung durch das stillgelegte Kernkraftwerk. Obwohl es genau genommen gar nicht mehr so still ist. Das Unternehmen EVN, das jetzt die Verantwortung für Zwentendorf trägt, hat eine riesige Photovoltaik-Anlage daraus entstehen lassen. Der Rest des Kraftwerks wird für Notfallübungen internationaler Atombetreiber zur Verfügung gestellt. „Zwentendorf ist damit ein Symbol für eine atomfreie Zukunft geworden“, verkündet uns EVN-Pressprecher Stefan Zach vor der Führung. Unser Führer Herr Fleischer ist anderer Meinung. Er hätte das alte AKW am liebsten wieder in Betrieb. Wahrscheinlich ist er damit gerade der einzige der 6.000 Menschen hier in Zwentendorf.
Im Inneren des Kernkraftwerks stoßen wir neben allerlei Metallrohren und Messinstrumenten auf etwas, was hier eigentlich nicht hingehört. Ein sorgsam eingerichtetes Wohnzimmer. Wie uns der Kraftwerksführer gleich darauf aufklärt, hat sich der Künstler Alexander Donhofer mitten im tiefen Kühlbecken des Reaktors eingerichtet, um sich für die Herkunft des Stroms zu sensibilisieren. Eine weiße Couchgarnitur blickt Richtung Fernseher, daneben stehen ein Radio, ein Staubsauger und ein Ventilator. Donhofer selbst kann nicht anwesend sein. Weil er zuvor die Pressekonferenz mit einer nicht angekündigten Performance unterbrochen hat, wurde er von den Veranstaltern des Geländes verwiesen. Noch so eine kleine Panne.
„Heute für ein Atomstrom-Freies Morgen!“ - The Fictionplay
Um die Meinungen über die Kernenergie zu bündeln, haben wir ein selbstgebasteltes Atommüllfass zum Festival mitgebracht. Es ist ungefähr kniehoch, strahlend gelb und heißt „Tommy“. Herrn Fleischer lassen wir als erstes auf Tommy unterschreiben. „Kernenergie ist super!“ signiert er in dicken Lettern. Daneben malt er eine lachende Sonne. Wir ziehen weiter und nichts ist leichter als hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Tommy funktioniert wie ein Hund. Wann immer wir uns zu einer Gruppe dazustellen, freuen sich die Leute über unseren kleinen Gefährten und beginnen mit uns zu reden. „Tod dem Atom!“ hinterlassen sie dann noch ihre Nachricht, oder „Auf zum Atem!“ und posieren im Anschluss für ein Foto.
Nach drei oder vier solcher Unterschriften lassen wir den restlichen Platz frei für die Bands. Als Erstes sprechen wir mit Fictionplay, dem Opener des Festivals. Da die meisten Besucher erst am Abend oder am nächsten Tag anreisen, bekommen wir fast ein Privat-Konzert. Der Sänger Dominik ist trotzdem zufrieden. „Wir leisten hier einen Beitrag für ‘ne gute Sache. Atomstrom gehört bald der Vergangenheit an.“ Er selbst hat extra den Anbieter gewechselt, um atomstromfrei zu leben. „Heute für ein Atomstrom-freies Morgen“ schreiben sie auf unser Fass und signieren mit „The Fictionplay“.
„Unsa Schlogzeiga hod atom. Wir san dagegen. Mehr snea“ – Mono & Nikitaman
Mit Tommy im Schlepptau reden wir noch mit Kreisky, Texta, Mono & Nikitaman, den Sofa Surfers und natürlich den Wombats. Vor eine kreative Aufgabe gestellt, lassen sich alle gern etwas Zeit zum Nachdenken und stellen da auch mal die Anfragen anderer Journalisten zurück. „Lass mal bleiben“, wimmelt Skero eine blonde Heute-Journalistin ab. „Ich muss überlegen.“ Dann malt er einen Indianer auf das Fass und unterschreibt mit „Atomerhawk“. Alle Bands hier sind natürlich gegen den Atomstrom. „Eine Gretchenfrage“, beantwortet Skero doch noch die Frage der Heute-Journalistin. „Atomstrom ist von vorne bis hinten ein Scheiß.“
Das Festival wird trotz der anfänglichen Pannen ein echter Erfolg. Die Bands machen eine Wahnsinnsstimmung - zwei Dancefloors, einer davon im AKW selbst – sorgen für Partylaune, auch wenn gerade kein Act auf der Bühne stattfindet. Daneben finden sich tausend kleine Stände, die Workshops zum Thema Nachhaltigkeit anbieten oder Souvenirs aus recyceltem Material verkaufen. Über all dem thront das alte AKW, das nachts durch leistungsstarke Beamer in ein riesiges, buntes Kunstwerk verwandelt wird. „Witzig“, denke ich mir. „Wenn Global 2000 mit seiner Petition Erfolg hat, könnte es 90 weitere Kunstwerke in Europa geben“.
„Atomical love 4 Tomorrow Festival“ – The Wombats
„Was machen wir eigentlich mit Tommy, wenn wir fertig sind?“, fragen wir uns. „Wollen wir es wie ein Scheidungskind hin und herschieben?“ Wir überlegen kurz und einigen uns dann darauf, es Global 2000 zu geben. Allein schon, damit kein Streit zwischen uns entsteht. Und falls sie es versteigern und das Geld spenden, hätten wir auch einen kleinen Teil zu einer besseren Zukunft beigetragen.
Das waren die besten Sprüche auf unserem „Tommy“:
- Your Atom Baby - Reiner von Fm4
- Auf zum Atem! - Besucher
- Ein Atom macht noch keinen Strom - Texta
- Kernenergie ist super! - Johann Fleischer
- (Zeichnung Indianer) Atomerhawk - Skero
- Atomkraft eine super Idee (haut leider langfristig nicht hin) - Kreisky
- Unsa Schlogzeiga hod atom. Wir san dagegen. Mehr snea - Mono & Nikitaman
- Lieber A Tom und a Snear als Atom - Bauchklang
- Kernöl statt Kernspaltung - Besucher
- Atomical love 4 Tomorrow Festival - Wombats
- Do you want (Atom)morrow? - Sofa Surfers
- Unsere Stimme gegen Atomkraft - Zweitfrau
- Tod dem Atom! - Besucher
Petition „Meine Stimme gegen Atomkraft“
Website des Tomorrow Festivals
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Reportage von
Fotos von
Titelbild: mokant.at > foto: Niels Söbbing
Bild oben: Michel Mehle
Bildleiste: mokant.at collage > fotos: Niels Söbbing, Michel Mehle, Raimund Appel






































