Die Aussteiger
Raus aus der "Konsumgesellschaft", ihren Krisen und ihrem Chaos: Reportage über "Aussteiger"
„Mit den anderen Dorfbewohnern hier ist das so eine Sache. Ungut ist natürlich keiner. Aber die meisten vermeiden den Kontakt mit uns.“ Leonhard H. sitzt in der Küche seines neuen Hofes. Die Wände sind stellenweise kahl und unverputzt. In der Ecke brennt ein alter Holzofen. Gegenüber glänzt ein neuer Elektroherd. „Wir versuchen hier genau so zu leben, wie wir es uns wünschen. Und da gibt‘s hier schon mal komische Blicke.“ Hier. Das ist ein 90-Seelendorf im Bezirk Krems, nahe dem Kamptal. Das Dorf besteht zur einen Hälfte aus alteingesessenen Arbeiterfamilien, zum anderen aus reichen Wienern, die zum Entspannen hierher kommen. „Wir kommen ja ursprünglich auch aus Wien“, sagt Leonhard. „Aber entspannen tun wir hier nicht.“
Ein Stück Glück zurückgewonnen
Vor eineinhalb Jahren haben sich Leonhard und seine Freundin Christine entschlossen, der Konsumgesellschaft und ihrer Krise den Rücken zu kehren. Nach langer Suche haben sie einen fast baufälligen Hof gekauft. Leonhard investierte seine gesamte Erbschaft in das Grundstück. Damit bezahlte er eine Hälfte des Kaufpreises. Die andere Hälfte bezahlen sie noch auf Kredit. „Aussteigen“ kann ein langer Prozess sein. Ihr neues Zuhause hat 8.000m2. Das meiste davon ist Wald aber es gibt auch Grünfläche um Obstbäume zu pflanzen und Gemüse anzubauen. Mit dem Hof, sagt Leonhard, haben sich die Beiden ein Stück Souveränität zurückgewonnen. Und Glück. „Im Laufe der Zeit fragst du dich: Was brauchst du wirklich? Und was ist eigentlich Luxus? Wir sind hier eindeutig glücklicher als davor. Natürlich gibt es Schwierigkeiten aber das wird davon ausgewogen, dass wir hier leben können wie wir das wollen und eigentlich schon immer wollten.“
Allein würde man das nicht schaffen
Christine und Leonhard haben sich über das Internet kennen gelernt. Sie lebten ein Jahr gemeinsam in Wien, bis sie sich sicher waren, dass sie den Menschen gefunden haben, mit dem sie aussteigen können. Sie heirateten und zogen mit ihren Kindern, der 6-jährigen Klara und dem 3-jährigen Benjamin, erst in eine Wohnung außerhalb Wiens. Dann in ein kleines Haus, nahe Krems. Der letzte Schritt ging ganz aufs Land.
Im Innenhof watscheln braune Laufenten zwischen Gerätschaften, Schubkarren und Bobby Cars. Christine geht voran zum Hühnerstall. Sie trägt feste Schuhe und bequeme, weite Kleidung: „Man muss aufpassen, wo man hintritt,“ lacht sie „Das ist hier wie an Ostern. Die Hennen verstecken ihre Eier überall.“ Neun Hühner und neun Enten teilen sich das strohbedeckte Gehege. Die Kinder jagen ein paar von ihnen im Kreis. „Wir hatten anfangs ja keine Ahnung, wie man Hühner richtig hält. Aber Gott sei Dank hatten wir Freunde, die uns weitergeholfen haben. Und dann gibt‘s da ja noch das Internet.“ Das gegenseitige Helfen ist der früheren Pastoral-Assistentin besonders wichtig. Ein paar „ähnlich Denkende“ finden sich im Raum Krems. Familien, die so leben wie Christine und Leonhard und die mal eine Motorsäge gegen eine Mischmaschine tauschen. Oder Gemüsekisten gegen Strohballen. „Aber wir helfen uns auch ohne Gegenleistung“, sagt Christine. „Allein würde man das nicht schaffen.“
Man muss Kompromisse eingehen
Außer dem Hühnerstall gehören noch zwei große Schuppen zum Hof. In einem wird etwas Holz für den Winter gelagert. Im anderen findet sich ein schwerer Anhänger mit Kohlen. Leonhard reagiert fast entschuldigend. „Den haben wir von einem Freund geschenkt bekommen. Wir versuchen ökologisch zu heizen aber bis wir das Geld haben, um auf Holz umzustellen, müssen wir Kompromisse eingehen.“ Die beiden Aussteiger müssen viele Kompromisse eingehen. Am liebsten hätte Leonhard ein kleines Windrad aufgestellt, um eigenen Strom zu erzeugen. „Aber im Moment stehen einfach andere Sachen an. Bis dahin sind wir auch ganz froh, dass wir Strom aus Leitung haben. Das macht vieles einfacher.“ Auch der Garten kann längst nicht genug tragen, um die dreiköpfige Familie zu ernähren. Die meisten Lebensmittel muss Christine einkaufen. Sie legt wert auf regionale Produkte. Und natürlich auf Bio.
Es gibt keine absolute Sicherheit
Solange sich die Beiden nicht selbst versorgen können, muss Leonhard in der Stadt arbeiten. Vier Tage die Woche steht er um 5 Uhr früh auf, nimmt das Elektrorad bis zum Bahnsteig und fährt dann mit dem Zug nach Wien. Um vier ist er wieder zu Hause, spielt mit den Kindern, repariert Kaputtgegangenes oder hilft Christine bei der Arbeit. Aussteiger und Angestellter. Das sind eigentlich zwei Jobs. „Meinem Chef ist das unangenehm, dass ich Teilzeit arbeite“, sagt Leonhard. „Gerade wenn man als Mann Teilzeit arbeiten will, um für seine Familie da zu sein, dann versteht das nicht jeder. Bei einer Frau hätte mein Vorgesetzter eher Verständnis.“ „Es wäre alles leichter, wenn mehr Menschen hier wohnen würden“, sagt Christine. „Wir haben unsere Freunde aber die können auch nicht immer da sein.“
Das Paar hofft deswegen auf neue Mitbewohner. „Wenn jemand Interesse hätte, dann könnte er mit uns zusammen den Dachboden ausbauen und hier einziehen. Oder auch, wenn die Person das will, einfach in einem Tipi in unserem Wald wohnen. Wir wollen keine Miete, sondern die Person soll dann auf dem Hof mithelfen. Wir stellen uns so eine richtige Großfamilie vor“, lacht die bald 3-fache Mutter.
Ihre eigenen Familien sind nicht ganz so begeistert. Vor allem Leonhards Eltern sorgen sich, ob die beiden Aussteiger das alles schaffen werden. „Das Wohl der Familie liegt auf deinen Schultern“, zitiert Leonhard seine Mutter. „Aber es gibt im Leben keine absolute Sicherheit. Auch nicht in der Stadt. Die Sache ist, meine Eltern hatten gewisse Vorstellungen von meinem Leben, die ich einfach nicht praktiziere. Dazu gehört auch, dass wir unsere Kinder nicht zur Schule schicken.“
So könnte es gehen
„Unsere Kinder sollen selbstbestimmt lernen können“, erzählt Christine später, während Klara auf ihrem Schoß rumhampelt. „Eigentlich widerstrebt mir schon die Prüfung am Ende des Jahres, weil ich finde, dass die Kinder ihren eigenen Rhythmus haben sollten“. Klassenkameraden hat Klara nicht. „Im Raum Krems gibt es noch sechs andere Familien, die so sind wie wir und die haben auch Kinder. Mit denen unternehmen wir dann etwas gemeinsam.“ Mindestens drei Mal die Woche sind Klara und Benjamin dann mit anderen Kindern zusammen. Die nächste Familie ist Zweihundert Meter entfernt. Die danach Zehn Kilometer. Einsam fühlt sich Klara aber nicht. Regelmäßig fährt sie Leonhard zum Ballettkurs. Sie zeigt mir, dass sie auf den Zehenspitzen stehen kann. Bald will sie auch Theater spielen.
„Unsere Kinder haben prinzipiell alle Möglichkeiten offen. Wenn sie irgendwann nicht mehr mit uns am Hof wohnen wollen, dann können sie das machen. Wenn sie maturieren wollen, dann können sie das auch. Wir wollen nur, dass sie selbstständige Persönlichkeiten werden.“ Ob ihre Kinder später Schwierigkeiten in großen Gruppen bekommen werden? Im Gymnasium oder beim Studium? Leonhard bezweifelt das. „In der Schulklasse ist man zwar unter anderen Kindern. Was ich mich frag ist aber, wie viel Gespräch und Austausch da wirklich stattfindet, außer in den Pausen. Und Klara und Benjamin haben ja Kontakt mit anderen Kindern. Nur zeitlich flexibler und auch mit Kindern in einem anderen Alter.“
Leonhard und Christine erzählen noch lang an diesem Abend. Muss der Weg zum Glück an der Gesellschaft vorbeiführen? „Für uns führt er ein Stück weit an ihr vorbei. Aber ganz ohne sie geht es nicht. Nicht mal als Aussteiger“, sagt Christine. „Es geht auch nicht darum, für oder gegen das System zu sein“, sagt Leonhard. „Uns geht es darum zu zeigen, dass ein alternativer Weg seine Berechtigung hat. Wir wollen zeigen: So könnte es gehen. So geht es für uns“.








































