03. Oktober 2012 | Gesellschaft

Es lebe der Nerd!

 
mokant.at/foto: Katharina Zedlacher-Fink
Jugendforscher Matthias Rohrer sieht Bobos als Wegbereiter
flickr.com/The D34n, flickr.com/My Blue Van cc, flickr.com/Tomotaka, flickr.com/James Ellsworth
Apple gilt als die Nerd- und Geek-Lifestylemarke

Nerds haben ihr Sonderling-Image abgelegt, seit etwa fünf Jahren boomt der Nerd-Lifestyle


Seit dem Siegeszug der sogenannten Nerd-Brillen ist klar: Der Streberlook ist zum Lifestyle geworden. Was früher als Krankenkassa-Brille galt, ist heute um teures Geld als Hipster-Brille auf urbanen Näschen zu finden. Die Nerds und Geeks, wie die technikaffinen, angepassten Jugendlichen genannt werden, haben ihr Außenseiterimage verloren und sind mittlerweile aus keiner europäischen Großstadt mehr wegzudenken.

 

„Das Bild von Nerds hat sich gewandelt“, sagt Jugendforscher Matthias Rohrer vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien. „Früher verband man mit Nerd oder Geek einen Streber, der mit fetten Haaren ständig vor dem Computer saß und über wenig soziale Kontakte verfügte. Seit etwa fünf Jahren ist der Nerd zu einem Lifestyle und damit auch salonfähig geworden.“

 

Der Imagewandel und seine Ursachen

Die Gründe für den Imagewandel sind laut Rohrer vielfältig. Als eine Wegbereiterin für den Nerdstyle sieht er die Bobo-Bewegung, die sich um die Jahrtausendwende in der urbanen Mittelschicht etablierte. Der Bobo (Bourgeois-Bohemian) war meist gebildet, erfolgreich im Job, materialistischen Genüssen nicht abgeneigt, aber dennoch kritisch im Kaufverhalten. Ähnlich den Nerds trugen die Bobos mit Vorliebe Brillen und waren durch einen eher braven und unauffälligen Kleiderstil erkennbar. 

 

Zusätzlich griff die Medienindustrie das Bild des Nerds erfolgreich auf. Als die Nerd-Serie schlechthin gilt wohl „Big Bang Theory“. Die US-Comedyserie um vier Wissenschaftler wird seit 2007 in mehr als fünfzig Ländern erfolgreich ausgestrahlt. „Big Bang Theory hat das Bild des Nerds sicher gewandelt und hat dem Nerd so etwas wie Kultstatus verpasst“, ist sich auch Jugendforscher Rohrer sicher.

 

Und schließlich wäre der Einzug des Nerds in die Jugendkultur wohl nie ohne die Marke Apple möglich gewesen. Seit Apple die Welt mit seinen Produkten versorgt, ist Technologie hip geworden. „Vor Apple war die IT alles andere als eine Lifestylebranche“, meint Rohrer. Gleichzeitig ist es für Jugendliche heutzutage normal, sich in der Welt des Internets und der Computer zu bewegen. Technikaffinität ist zum Mainstream geworden.

 

Angepasste Gruppe

Die Nerd-Bewegung spiegelt zudem eine generelle Tendenz in der Jugendkulturforschung wider. „Wir haben zurzeit eine sehr antirevolutionäre Jugend. Die Jugendlichen werden heute vom System quasi in die Anpassung gezwungen“, sagt Jugendforscher Rohrer. Wirtschaftlich unsichere Zeiten, gepaart mit einem Gefühl der politischen Ohnmacht und die fehlende Aufbruchsstimmung lassen junge Menschen wieder mehr auf Sicherheitswerte zurückgreifen. „Ein sicherer Job und ein sicheres privates Umfeld sind wieder wichtig, und haben den Selbstverwirklichungsanspruch, den die Generation davor noch hatte, in den Hintergrund rücken lassen“, beobachtet Rohrer.

 

Der Nerd-Lifestyle und andere konservative Jugendgruppen vermitteln Jugendlichen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten vor allem Sicherheit. Die Lust an der Rebellion und Revolution, die Jugendgruppen früher auszeichnete, ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Der Nerd als Antithese zum Rebellen wird sich angesichts andauernder Krisen wohl noch einige Zeit als Jugendphänomen beobachten lassen.

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


-->