26. September 2012 | Gesellschaft

Geld ist mehr wert als der Mensch

 
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Laut Angela Kreilinger wird Opfern nicht immer Glauben geschenkt
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„Die Fußfessel darf eine Gefängnisstrafe nie ersetzen!“

Angela Kreilinger über die Fußfessel für Pädokriminelle und milde Strafen

 

Angela Kreilinger, Gründerin der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität und selbst Missbrauchsopfer, kennt die Schwierigkeiten, mit denen Opfer sexueller Gewalt konfrontiert sind. Seit Jahren unterstützt sie Betroffene; dutzende Anzeigen hat sie bereits begleitet – von denen allerdings keine einzige zu einer Verurteilung führte. Ermittlungen würden oftmals im Sand verlaufen oder ohne großen Aufwand eingestellt werden. Im Interview spricht Kreilinger über die Heimskandale der letzten Jahre, weibliche Sexualstraftäter, und was der Kapitalismus mit all dem zu tun hat.

 

mokant.at: In einem Radiointerview mit einem Betroffenen eurer Gruppe fiel die Aussage „Missbrauchsopfer werden in Österreich oft zu Justizopfern“. Kannst du kurz erklären wie das gemeint ist?

Angela Kreilinger: Das kann ich mir gut vorstellen, weil das auf mich auch zutrifft. Man hat in Österreich zurzeit sehr schlechte Chancen vor Gericht als Misshandlungsopfer zu seinem Recht zu kommen, dabei spreche ich noch nicht von Schmerzensgeld oder Ähnlichem. Auch bei eindeutiger Beweislage wie etwa Tatzeugen habe ich persönlich noch nie einen Täter erlebt, der verurteilt wurde. Die Verfahren, die mir bekannt sind, wurden alle eingestellt, das heißt niemand wurde zur Verantwortung gezogen.

 

mokant.at: Warum, denkst du, ist das so?

Angela Kreilinger: Ich kann es mir nicht erklären.

 

mokant.at: Auf eurer Website beschreibt ihr einige dieser Fälle, in denen trotz eindeutiger Indizien keine Ermittlungen eingeleitet wurden. Welche Erfahrungen hast du als Leiterin der Selbsthilfegruppe mit Exekutive und Strafverfolgungsbehörden gemacht?

Angela Kreilinger: Meine Erfahrungen mit der Polizei waren immer sehr gut, nur darf die Polizei nicht ermitteln, wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt.

 

mokant.at: Und warum stellt die Staatsanwaltschaft ein?

Angela Kreilinger: Das frage ich mich auch. Vielleicht weil Missbrauchsopfern, vor allem wenn seit der Tat viele Jahre vergangen sind, nicht immer Glauben geschenkt wird. Es werden nicht einmal ansatzweise alle Mittel zur Ermittlung eines potentiellen Sexualstraftäters ausgeschöpft: In einem Fall wurde abgelehnt, dass ein für die Beweisführung wichtiger DNA-Test gemacht wird, in anderen Fällen wird abgelehnt, dass überhaupt ermittelt wird, obwohl ein Augenzeuge die Tat gesehen hat, in einem wieder anderen Fall wurden vom Anzeiger sogar Inkontinenzhosen gesammelt, die Spermaspuren enthielten, um den Misshandler eines behinderten Kindes zu überführen. Diese Beweismittel wurden nicht einmal angesehen, es wurde niemand ausfindig gemacht, das Verfahren sofort eingestellt.

 

mokant.at: Hast du irgendeine Idee, wie es dazu kommt, dass nach den Tätern einfach gar nicht geforscht wird?

Angela Kreilinger: Das hat unter anderem auch Kostengründe: Es kommt sowohl mir als auch anderen Betroffenen so vor, als würde kein Interesse bestehen, Sexualverbrechen aufzuklären, wenn es teuer ist. Wortwörtlich hat zu mir einmal ein Polizist gesagt, er würde gerne ermitteln, aber er darf nicht.

 

mokant.at: Schlagwort Fußfessel für Sexualstraftäter: Zwei Jahre bedingt, sechs Monate unbedingt, abzusitzen daheim mit einer Fußfessel und das mit relativ großzügigen Ausgangsregelungen als Strafe für Kindesmissbrauch. Glaubst du, ist das die Ausnahme oder der Regelfall?

Angela Kreilinger: Ich habe mit Straftätern nicht so viel zu tun. Vor ein paar Tagen war ich bei einer Diskussion bei Puls 4 eingeladen und dort habe ich mit einem Polizisten gesprochen, der meinte, so etwas sei durchaus die Regel: Die Täter würden oft sehr früh entlassen, der Strafrahmen nur sehr selten voll ausgeschöpft und die Fußfessel würde in Zukunft bei solchen Taten wahrscheinlich noch öfter zum Einsatz kommen.

 

mokant.at: Deine persönliche Meinung dazu?

Angela Kreilinger: Ich persönlich bin der Meinung, dass eine Fußfessel zur Kontrolle erst nach Absitzen der Höchststrafe zum Einsatz kommen sollte. Meinetwegen bis zum letzten Atemzug des Täters! Es gibt Pädokriminelle, die immer wieder rückfällig werden und solange nicht ein Gutachten das Gegenteil bestätigt, sollte ein Täter unter Kontrolle bleiben. Die Fußfessel darf eine Gefängnisstrafe nie ersetzen! Ich persönlich würde mich als Opfer nicht anerkannt fühlen, wenn der Täter keinen einzigen Tag hinter Gittern verbringt und verstehe alle, denen es genauso geht.

 

mokant.at: Warum sind die Strafen für sexuelle Gewalt gegen Kindern relativ mild – verglichen zum Beispiel mit Vermögensdelikten? Gilt Missbrauch hierzulande als Kavaliersdelikt?

Angela Kreilinger: Das ist ein normales Symptom einer kapitalistischen Gesellschaft: Geld ist mehr wert als der Mensch.

 

mokant.at: Materielle Güter sind mehr wert als ein Kinderleben?

Angela Kreilinger: Ja, denn die milden Strafen beziehen sich ja nicht nur rein auf sexuellen Missbrauch, dasselbe gilt für körperliche Gewaltdelikte oder Unfälle mit Personenschaden.

 

mokant.at: Sollte die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch abgeschafft werden?

Angela Kreilinger: Ich verstehe, dass es so eine Frist gibt, weil sonst die Justiz vor lauter Arbeit nicht mehr nachkäme, allerdings sollte diese Frist bei Vorliegen von eindeutigen Beweisen fallen, denn da wäre es für die Strafverfolgungsbehörde auch nach Jahren noch möglich ein Verfahren abzuwickeln.

 

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