Torball - ein Sport wie jeder andere
Sport sehen zu können: Torball im mokant.at Sport-Test
Ernst-Happel-Stadion, halb sechs am Abend: elfjährige Burschen mit Sportaschen analysieren das EM-Spiel vom Vortag, zwei Damen joggen vorbei, und ein älterer Herr im Rapid-Trikot schreit einer Gruppe von Männern zu: „Bist du jetzt Altenpfleger oder was – weil du so langsam gehst?“. Der Vordermann der Gruppe entgegnet etwas – unverständlich aus der Weite. Beim Näherkommen sieht man allerdings schon das schelmische Grinsen. Der Mann im Rapid-Shirt ist Erich Geyer, Trainer der zwei Torball-Teams des ABSV (Allgemeiner Behindertensportverband). Die Gruppe der jungen Männer sind seine Spieler – alle sind blind oder hochgradig sehbehindert.
Obwohl in der Rolle der Beobachterin gekommen und Neuling in Sachen Torball, fühle ich mich gleich wohl in der Gruppe. Sofort werde ich vom Trainer zum Turnier am selben Wochenende eingeladen. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre – auch deswegen, weil die Frau des Trainers, Eva Geyer, sowie deren Sohn und deren Neffe gekommen sind.
Voller Körpereinsatz
Eva ist es auch, die während des Trainings bereitwillig Auskunft über den Torballsport gibt. Obwohl der Name „Torball“ Programm ist, hat das Spiel zahlreiche Eigenheiten und auch ein umfangreiches Regelwerk. Wie beim Fußball versuchen zwei Mannschaften den Ball ins gegnerische Tor zu schießen; die drei Spieler jeder Mannschaft dürfen ihre Spielhälfte allerdings nicht verlassen. Die einzige Möglichkeit ein Tor zu verhindern ist den Ball mit dem eigenen Körper abzuwehren. Hierzu legen sich die Spieler parallel zum Tor.
Vollster Körpereinsatz ist also gefragt - im wahrsten Sinne des Wortes. Je gestreckter man ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball abgewehrt werden kann. Geschicklichkeit und gutes Gehör sind auch wichtiger Bestandteil des Spieles. Da in den Ball Glöckchen eingearbeitet sind, kann ein guter Spieler in etwa abschätzen, wie man sich am Besten hinlegt, um den Ball abzuwehren.
Wo bin ich? Wo ist der Ball?
Wie anspruchsvoll Torball aber wirklich ist, zeigte sich erst im Selbstversuch. Da die Spieler verschiedengradig sehbehindert sind, müssen alle eine lichtundurchlässige Brille tragen. Somit sehen alle Spieler nichts und auch Sehende können Torball ausprobieren. Tausende kleine Dinge, die mit visueller Wahrnehmung recht einfach sind, werden durch Blindheit erschwert. Wo bin ich? Wohin schieße ich den Ball? Wo ist eigentlich der Ball und wo sind meine Mitspieler? Was machen meine Mitspieler und Gegner gerade? Haben wir ein Tor gemacht? Oder ein Tor bekommen? Am Schlimmsten aber ist die Ungewissheit darüber ob und vor allem wohin der Ball einen trifft.
Später meint Christian, ein Spieler aus dem österreichische Torball-Nationalteam, dass die wichtigste Eigenschaft eines Torballspielers die Orientierungsfähigkeit am Feld ist: „Wenn man nicht weiß, wo der Ball, die Spieler, oder das Feld sind, tut man sich natürlich schwer. Das ist einerseits Talent, kommt aber auch mit der Spielerfahrung.“ Essentiell ist auch die Verständigung innerhalb der Mannschaft. „Man muss sich einfügen und achten, was der andere gerade macht“, erklärt der Trainer Erich Geyer. „Schließlich ist es nicht umsonst ein Mannschaftssport.“
Einsatz und Teamgeist
Laut dem Trainer ist aber Spaß das Wichtigste am Torball – kaum ein Training verläuft ohne den ein oder anderen Lacher. Tatsächlich läuft die ganze Zeit der Schmäh – exemplarisch etwa folgender Dialog zwischen Spieler und Trainer: „Gemma Trainer, hoppauf!“ - „Gfraster.“ Trotzdem merkt man auch, dass sowohl den Spielern als auch dem Trainer der Sport wirklich am Herzen liegt. Ein Spieler etwa kommt zum Training, obwohl er sich bei einem Turnier den Arm verletzt hat und für mehrere Wochen aussetzen muss. Da er nicht vollkommen blind ist, holt er beim Training dann eben die Bälle, feuert an und klopft natürlich Sprüche (welche qualitätsmäßig schon fast an die des Trainers herankommen). Auch Erich Geyers Familie ist extra aus dem Urlaub im Waldviertel für das Training nach Wien zurückgekommen - klare Sache für ihn, denn gerade vor dem Turnier sei das Training essentiell, sagt Geyer.
Dass man mit Herzensblut dabei ist, zeigt sich auch einige Tage später beim internationalen Torballturnier des ABSV Wien. Nach einigen Spielen fasst Erich Geyer am Nachmittag den bisherigen Spielverlauf zusammen: „Leider schaut es nicht gut aus: Wir mussten die Mannschaften komplett neu zusammenwürfeln – ein Spieler musste nach einem gespieltem Spiel weg, weil seine Frau gerade in die Wehen gekommen ist.“ Achselzuckend fügt Geyer hinzu: „Aber natürlich freu ich mich für ihn.“ In einem Sport, wo gegenseitiges, intuitives Verständnis zum Erfolg führt, sind Teamrochaden natürlich problematisch. Aber es werde weitergespielt – schließlich ist das Primärziel immer noch, Spaß zu haben.
Auch beim Turnier herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre – zumindest abseits des Spielfelds. Da massieren sich Spieler verschiedener Teams gegenseitig den Rücken und führen sich gegenseitig zum Buffet. Dieses wird von Freunden des ABSV Wien organisiert. Am Spielfeld spielt man hochkonzentriert und motiviert. Die Spiele des ABSV Wien zehren aber an den Nerven von des Trainers. Teamkapitän Christian fasst treffend zusammen: „Der is‘ immer voll dabei und zeigt Emotionen. Wenn der auf einer Bank sitzt bei einem Turnier – der hupft immer auf. Ich wundere mich, dass die Bank da nicht zusammenbricht oder dass er nicht umfällt.“ Genau für diese Begeisterung wird Erich Geyer von den Spielern sehr geschätzt.
Kaum Medienpräsenz
Eine solche Hingabe zum Torball wird nicht von allen geteilt – selten kämen Verwandte von Spielern zum Spiel. Medienpräsent ist Torball auch kaum – obwohl es österreichweit sieben aktive Torballvereine gibt. Internationale Meisterschaften und Turniere werden aber regelmäßig (und im Gegensatz zum österreichischen Fußball auch meist erfolgreich) bestritten. In Wien alleine gibt es zwei Torball-Vereine – wobei der ABSV selbst zweimaliger Meister in Wien ist und einige Spieler auch in der österreichischen Nationalmannschaft spielen. Förderungen zu bekommen sei trotzdem schwierig, meint Erich Geyer. Das läge natürlich auch daran, dass Behindertensport im Allgemeinen keine große Beachtung geschenkt wird. Die schwierige finanzielle Lage äußere sich vor allem darin, dass man nicht an allen internationalen Turnieren teilnehmen könne. Trotzdem gehen sich einige Turniere aus, in Belgien oder Italien etwa.
Das eigene Turnier wurde leider zu einem Debakel. Von insgesamt acht Teams erreichten die beiden Torball-Mannschaften des ABSV die enttäuschenden Plätze sechs und sieben. Wahrscheinlich hat man in das Turnier doch zu hohe Erwartungen gesetzt. Sportlich gesehen ist das sicherlich bitter, gemeinschaftlich gesehen trotzdem ein Erfolg: Man ist alten Freunde aus verschiedenen Torballvereinen wieder begegnet und neue Freundschaften wurden vielleicht auch geschlossen. Spätestens beim gemeinsamen Abendessen mit allen Teilnehmern schmerzt der Verlust wieder ein bisschen weniger.
Ein Sport wie jeder andere
Schlussendlich ist Torball im Wesentlichen wie alle Sportarten auch. Das wird auch im Gespräch mit den Spielern klar. Ihre Sehbehinderung ist kaum ein Thema, und wenn man etwa fragt, wie es mit dem Doping im Torball ausschaut, wird geantwortet: „Da muss man genauso aufpassen wie bei jedem anderen Sport.“ Peter, selbst vor sechs Monaten zum ABSV dazugestoßen, fügt hinzu: „Die Nationalmannschaft muss sauber bleiben, der Rest kann einwerfen was er will – Cola, BigMac …“ Wie gesagt – wie bei jedem anderen Sport auch.








































