09. Mai 2012 | Gesellschaft

Mann wird Frau

 
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Transidente Menschen kämpfen oft mit psychischen Problemen
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Der Weg zum neuen Geschlecht ist kein leichter

Drei bis fünf Prozent aller Menschen wollen mit dem ihnen angeborenem Geschlecht nicht leben

 

„Wie es genau angefangen hat, weiß ich nicht. Aber ich habe bereits sehr früh gemerkt, dass etwas anders ist bei mir, dass etwas nicht stimmt“, sagt die 45-Jährige Henny (Name von der Redaktion geändert). „Für ein Familienfoto mussten ich und meine vier Brüder einen Steireranzug anziehen. Ich habe mich schon als Kleinkind erfolgreich dagegen gewehrt, im Anzug auf das Foto zu kommen“, erzählt Henny schmunzelnd weiter. Henny ist eine Transfrau. Sie kam Mitte der 1960er-Jahre als Heinz in einem kleinen steirischen Bergdorf als dritter von insgesamt fünf Brüdern auf die Welt. Schon als Kleinkind interessierte sich Heinz mehr für Puppen als für die Spielsachen seiner Brüder und wurde zum „Augenstern seiner Mutter“, die sich immer ein Mädchen gewünscht hatte.

 

Weder Bub noch Mädchen

Während der Pubertät, als sich seine Schulkollegen für Mädchen zu interessieren begannen, war das Anders-Sein für Heinz „besonders schlimm“. Aufgrund seines Aussehens – er war nicht eindeutig als Bub oder Mädchen zu identifizieren – war er für seine Schulkameraden einfach „schwul“.  „Doch ich konnte nichts mit Buben anfangen. Ich war in einer meiner ersten Verliebtheitsphasen in einen Lehrer verliebt. Aber da ist es mir wir Schuppen von den Augen gefallen: Der kann mich doch gar nicht mögen, weil ich ja ein Mann bin“, erinnert sich Henny.

 

Heinz gehört zu drei bis fünf Prozent derjenigen Menschen, die sich nicht ihrem angeborenen Geschlecht zugehörig fühlen. „Es sind allerdings nur Schätzungen, genaue Zahlen gibt es nach wie vor keine“, sagt Angelika Frasl, Vorsitzende des Vereins Trans-Austria, der Österreichischen Gesellschaft für Transidentität. Dass der Weg vom angeborenen zum gefühlten und gelebten Geschlecht kein leichter ist, zeigen hohe Selbstmordraten und psychische Erkrankungen bei transidenten Menschen. „Ich musste meine Lehre abbrechen, weil ich schwere Depressionen hatte. Danach war ich sechs Jahre daheim, am Bauernhof meiner Eltern, und habe ein sehr zurückgezogenes Leben geführt“, sagt Henny und ergänzt gefasst: „Eine Leidensgenossin und damals meine einzige richtige Freundin aus der Welt der Transsexuellen, hat sich zwei Monate vor der geschlechtsangleichenden OP das Leben genommen.“

 

„Ich wusste ich will eine Frau sein“

„Nicht die Transsexualität verursacht die psychischen Probleme, sondern die Ausweglosigkeit, die viele Menschen empfinden. Am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Beziehung zu ihren Kindern – da stürzt für viele eine Welt ein“, meint Angelika Frasl. Laut ihr sind die seelischen Tiefpunkte aber dann vorüber, wenn sich die Betroffenen zu einer Personenstandsänderung entschließen. Heinz war Mitte 20, als er während eines Nachtdienstes in seinem neuen Job bei einer katholischen Telefonseelsorge in Graz anrief. „Da wusste ich es: Ich will eine Frau sein. Da gab es dann für mich auch kein Zurück mehr.“

 

Es folgte sofort ein Termin bei einem Psychotherapeuten, wo Henny erstmals offen sprechen konnte. Ihr Wissen über Transsexualität war so gut wie gar nicht vorhanden. Ein Bericht im Fernsehen über eine transsexuelle Taxifahrerin und ein Bravo-Artikel waren die einzigen Informationsquellen.  „Durch das Internet und das immer größer werdende Informationsangebot ist die Community auch viel jünger geworden. Auch die Gesellschaft ist offener und die mediale Berichterstattung ist heute viel seriöser“, weiß Angelika Frasl über die Fortschritte im Zusammenhang mit Transidentität Bescheid.

 

Operationszwang

Für Henny ging es nach ihrem Anruf bei der Telefonseelsorge Schlag auf Schlag. In den darauffolgenden zwei Jahren musste Henny – Heinz wählte bewusst einen geschlechtsneutralen neuen Vornamen – eine Therapie absolvieren und zwei Gutachten präsentieren, die ihr bescheinigen sollten, dass sie eine Frau ist. Dafür war neben einer Hormontherapie ein einjähriger Alltagstest notwendig: Sie musste ein Jahr ihren Alltag als Frau, das bedeutet in erste Linie mit weiblicher Kleidung und weiblichem Aussehen, bestreiten. Zusätzlich war eine geschlechtsangleichende OP notwendig.

 

Mittlerweile – einige langwierige Gerichtsverfahren und Urteile später – ist die geschlechtsangleichende Operation für einen Geschlechtswechsel nicht mehr erforderlich. „Seit März 2010 ist der Operationszwang endgültig überwunden“, freut sich Angelika Frasl, die auch als Antidiskriminierungs- und Gleichbehandlungsbeauftragte für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen im 15. Wiener Gemeindebezirk tätig ist. „Doch warten wir immer noch auf eine verpflichtende gesetzliche Regelung für eine Änderung des Personenstandes. Bisher sind Betroffene einer bürokratischen Willkür ausgeliefert, die ihnen keine Rechtssicherheit bietet“, meint Frasl weiter.

 

Trotz des Wegfalls des Operationszwanges streben laut Frasl 80 Prozent der transidenten Menschen eine geschlechtsangleichende OP an. „Das Alltagsleben, wie zum Beispiel ein Schwimmbadbesuch, ist einfach unkomplizierter“, meint Frasl. Henny ließ sich knapp zwei Jahre nach dem Anruf bei der Telefonseelsorge operieren.  „Mein Ich hat sich mit der Operation verfestigt. Ich hatte schon vorher eine weibliche Identität. Die OP war aber die Krönung“, erinnert sich Henny an den endgültigen Schritt zum Frausein.

 

Diskriminierung

Glück hatte Henny auch mit ihrem Arbeitgeber. Denn anders als bei vielen in der Privatwirtschaft tätigen Transidenten, war ihr Chef „sehr nett“. Als ihn Henny über die bevorstehende OP informierte, meinte er: „Probieren wir es einfach“. Nach zwei Monaten Krankenstand kam sie wieder in die Firma zurück, wo sie auch heute noch –  fast 15 Jahre später – arbeitet. Fast genauso lange ist Henny mittlerweile auch mit Bernhard zusammen. „Er war mein erster Mann. Ich hatte ja bis knapp 30 keinerlei sexuelle Erfahrungen“, erzählt Henny. „Ich hatte solche Angst. Aber alles hat einwandfrei funktioniert.“ Diskriminierung erfährt Henny nur mehr selten. Sie weiß auch, dass über sie getratscht wird. „Aber mittlerweile gebe ich wirklich nichts mehr darauf.“

 


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