22. Mai 2012 | Gesellschaft

„Bei Unschuldsvermutung sind Sie schuldig“

 
Alfred Autischer/Gaisberg Consulting GmbH
Alfred Autischer arbeitet als Litigation-PR-Berater in Wien
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Autischer: „Es wird mehr über Streitfälle berichtet als je zuvor.“

Der Wiener PR-Berater Alfred Autischer im mokant.at-Interview über Litigation-PR


Wie die aktuellen Entwicklungen rund um die Korruptionsvorwürfe zeigen, sind es nicht mehr die Gerichte alleine, die darüber urteilen, ob jemand schuldig ist oder nicht. Mit der verstärkten Berichterstattung, in denen sogar Details aus aktuellen Ermittlungen vorkommen, fühlt sich plötzlich eine breite Öffentlichkeit dazu ermächtigt, selbst über die Schuld von Beklagten zu befinden. Dieses Dilemma öffnet ein Anwendungsfeld für eine spezielle Disziplin in der Kommunikationindustrie: Litigation-PR ist die gezielte Öffentlichkeitsarbeit für Geschädigte in öffentlichen und medienwirksamen Auseinandersetzungen. Alfred Autischer zählt zu den wenigen Litigation-PR-Beratern in Österreich. Im Interview spricht er über die Aufgaben der Litigation-PR, über kommunikative Mängel der Justiz und die schlechte Reputation der eigenen Zunft.

 

mokant.at: Können Sie Litigation-PR mit einem Satz beschreiben?

Autischer: Litigation-PR ist die rechtssichere Kommunikation bei Streitfällen. Das ist ein Satz. Aber um die Frage zu beantworten, muss man sehen, wo wir jetzt leben. Noch vor zehn Jahren hat Gerichtsberichterstattung ausschließlich auf den Chronik-und Gerichtsseiten der Zeitung stattgefunden. Wenn Sie heute irgendeine Zeitung aufschlagen, haben Sie es in der Innenpolitik, in der Außenpolitik, in der Kulturseite, im Sport und in den Seitenblicken, Sie haben es überall. Es wird über viel mehr Streitfälle und Ermittlungsverfahren berichtet, als jemals zuvor. Ich denke, auf der Seite der Leser, Hörer und Seher gibt es das, was Kant die „Lust am Untergang“ genannt hat. Wir alle lesen diese Geschichten sehr gern, was aber für die Betroffenen sehr große Auswirkungen hat. Sowohl Opfer als auch Täter, Beklagte wie Kläger, finden sich auf einmal in den Medien wieder und haben das Recht, ihre Position ordentlich dargestellt zu bekommen.

 

mokant.at: Und da treten Sie auf den Plan?

Autischer: Ja. Also im Endeffekt arbeiten wir immer im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Information und dem Schutz von Persönlichkeitsrechten. Dazwischen spielt sich unsere Arbeit ab. Wenn zum Beispiel ein Schüler einen Lehrer schlägt und diese Geschichte plötzlich auf der Titelseite einer großen Tageszeitung ist, dann haben wir natürlich Probleme mit dem Schutz der Persönlichkeitsrechte. Sowohl beim schlagenden Schüler als auch beim geschlagenen Lehrer, denn für beide ist es meistens nicht so günstig mit so etwas in den Zeitungen zu stehen. Unser wichtigstes Werkzeug ist Information. Ich kann nur mit harten Fakten überzeugen. Wir tun nichts anderes, als komplexe Sachverhalte soweit zu erklären und zu vereinfachen, dass sie jeder versteht. Mit diesen Informationen gehe ich dann zu den Medien.

 

mokant.at: Ist Litigation-PR nur die Kommunikationsberatung nach außen oder ist es auch eine strategische Hilfe im Rechtsstreit selbst?

Autischer: Litigation-PR dient dem Schutz des guten Rufs und dem „fair share of voice“. Ganz nach dem journalistischen Grundsatz „audiatur et altera pars“ muss auch die andere Seite gehört werden. Wir beraten Mandanten, die Klagen einbringen und sich dabei äußern wollen, aber auch Beklagte, die sich wehren müssen. Denn Vorverurteilungen sind ein großes Problem. Es gibt den Gerichtssaal, in dem ein ordentliches Gericht entscheidet und es gibt den Gerichtssaal der öffentlichen Meinung. Im Gerichtssaal der öffentlichen Meinung wird, im Gegensatz zum Gericht, sofort entschieden.

 

Mit der ersten Headline „Staatsanwalt ermittelt gegen Herrn XY“ findet eine Vorverurteilung statt. Es gibt Studien, die das belegen. 50 Prozent der Leser gehen bei einer allgemeinen Aussage, wie „Staatsanwalt ermittelt“, von der Schuld aus, obwohl es das noch überhaupt nicht heißt. Das bedeutet lediglich, dass der Staatsanwalt genügend Gründe hat, um zu ermitteln, ob ein strafrechtlich relevanter Tatbestand besteht oder nicht. 50 Prozent der Leser sagen aber zu diesem Zeitpunkt: „Schuldig!“ Wenn man sich wehrt und sagt: „Ich bin unschuldig“, was ja eine natürliche Reaktion ist, sind es schon 70 Prozent und wenn man keinen Kommentar dazu abgibt und sagt: „Das ist ein Blödsinn, dazu möchte ich gar nichts sagen“, sind es fast 80 Prozent.

 

mokant.at: Können Kommunikationsstrategien soweit gehen, dass der Stratege Einfluss auf das Gerichtsverfahren selbst nimmt? Beispiel Grasser: Da wird ja alles in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Einerseits zu seinem Nachteil, was Persönlichkeitsrechte betrifft. Andererseits könnte man aber mutmaßen, dass ihm die Schwierigkeiten, die sich für die Ermittler dadurch ergeben, sogar helfen.

Autischer: Es ist nicht unsere Aufgabe in die Arbeit der Gerichte einzugreifen. Das können wir nicht und das wollen wir auch nicht. Es gibt eine Studie der Uni Mainz, die zwei Dinge klar herausgearbeitet hat: Öffentlichkeitsarbeit bei Prozessen hat keinen Einfluss auf die Schuldfrage. Die Richter und Staatsanwälte, die dazu befragt wurden, gaben allerdings an, dass öffentlicher Druck Auswirkungen auf das Strafausmaß haben kann. Es gibt keine Beweise, da es nie wissenschaftlich untersucht worden ist, aber im Fall Elsner war diese ungewöhnlich lange Untersuchungshaft vielleicht auch ein Ausfluss der öffentlichen Meinung. Was wir im Fall Grasser sehen, passiert in vielen Verfahren. Es gibt einen Kampf in der öffentlichen Meinung und die Öffentlichkeit entscheidet über schuldig oder nicht schuldig, ohne dass Gerichte jemals darüber befunden hätten. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

 

mokant.at: Finden Sie, dass Grasser gut beraten ist mit seiner Kommunikationsstrategie?

Autischer: Eines macht er richtig: Er zieht eine Strategie durch – nach dem Motto „Ich bin der mit der weißen Weste“. Allerdings übertreibt er es auch manchmal. Es kostet ihn schon Sympathien, wenn er diesen berühmten Brief im Fernsehen vorliest. Das hätte ich so nicht gemacht. Wenn er anfängt, die Justiz und die Ermittlungsbehörden direkt anzugreifen, macht er einen Fehler. So etwas würde ich meinen Mandanten keinesfalls raten. Vielleicht hat er aus seiner Sicht sogar Recht, wenn er ein schnelleres Verfahren einfordert – das ist ja für jeden extrem belastend.

 

mokant.at: Also kann es eine ergiebige Strategie sein, sich eine klare Rolle zu verpassen und sich zum Opfer zu stilisieren? 

Autischer: Ja, das ist natürlich eine mögliche Strategie in so einem Fall. Vor allem, wenn man es auch selbst glaubt. Ich nehme an, er fühlt sich auch als Opfer einer Kampagne, sonst würde man es vermutlich nicht so lange durchhalten.

 

mokant.at: Woran merken Sie in der öffentlichen Meinung, dass Kommunikationsarbeit einen Unterschied macht? Woran merkt es Ihr Mandant?

Autischer: Evaluieren kann man es mit den klassischen Methoden der Umfrage und Medienanalyse. Aber die meisten erleben das direkt in ihrem persönlichen Leben. Wenn ein Vorstand, der aktienrechtliche Probleme hat, mit negativer Berichterstattung in der Zeitung steht, leidet nicht nur er, sondern es leiden auch andere darunter. Das merkt er in der Firma und das merken seine Kinder, die dann auch angesprochen werden. Wenn sich in der öffentlichen Meinung etwas dreht, spürt man es auch direkt.

 

mokant.at: Sie versuchen also mit Ihrer Arbeit die öffentliche Meinung zu lenken oder zu beeinflussen?

Autischer: Nein, es geht nicht um Beeinflussung. Audiatur et altera pars: Es geht darum, dass die andere Seite gehört wird und zu Wort kommt. Das ist der Kern. Ich glaube, dass wir in unseren Urteilen als Medienkonsumenten auch bereit sind, durch Information Vorurteile wieder zu revidieren, zum Beispiel wenn uns gezeigt wird, welche Motive dahinter stehen, welcher Mensch dahinter steht, was da wirklich passiert ist.

 

mokant.at: Was ist in unserer Gesellschaft die Unschuldsvermutung wert?

Autischer: In dem Moment, wo mit Ihrem Namen das Wort Unschuldsvermutung auftaucht, haben sie ein echtes Problem. Dann sind Sie öffentlich verurteilt und gelten öffentlich als schuldig. Ich glaube nicht, dass man dafür nur den Medien die Schuld geben kann. Journalisten schreiben ja nicht für sich, sondern sie schreiben für ihre Leser, Hörer und Seher. Und es sind die Leser, Hörer und Seher, die diese Geschichten haben wollen und die komplexe Sachlagen, wie juristische Auseinandersetzungen, personalisiert haben wollen. Würde es uns alle nicht interessieren, würde auch niemand darüber schreiben.

 

mokant.at: Sehen Sie Ihre Arbeit als gesellschaftliches Korrektiv oder folgen Sie damit auch nur Ihren Eigeninteressen?

Autischer: Wir sehen uns als Reputationsanwalt. Unsere erste Pflicht ist der Schutz der Reputation des Mandanten. Darum kommen sie auch zu uns – weil sie unsere Unterstützung brauchen.

 

mokant.at: Wie ist es bei einem Schwerverbrecher? Glauben Sie nicht, dass sich dessen Opfer zusätzlich gedemütigt fühlen, wenn ihm auch noch kommunikativ geholfen wird?

Autischer: Ich habe eine Lehrveranstaltung an der Uni Wien über Litigation-PR, da haben wir das Thema der Ethik – was zulässig ist oder nicht – am Fall von Anders Breivik durchgespielt. Die Diskussion hat mir eines klar gemacht: Bei diesen großen Verbrechen ist es für uns wichtig seine Sicht zu hören, um eine Chance zu haben wieder ordentlich weiterleben zu können. Wir brauchen das, um zu verstehen und zu verarbeiten, was da eigentlich passiert ist. Was notwendig ist, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Ein Student hat gesagt, solche öffentlich geführten Prozesse haben eine reinigende Wirkung für die Gesellschaft. Das Beispiel der Norweger – die da sehr mutig sind – beweist das auch. Das ist zwar für die Opfer sehr schmerzlich, aber gleichzeitig dürfte das auch eine kartesische Funktion haben. Am Fall Fritzl hat man das auch gespürt.

 

mokant.at: Aber das ist ja nicht die Aufgabe der Berater des Täters. Fritzl und Breivik haben ja nichts davon, wenn sie Berater engagieren, die ihre Sicht zum Wohle der Gesellschaft und zur Prävention wiedergeben.

Autischer: Sicher. Ich bin mir sicher, dass Breiviks Anwälte da jemanden haben, der das in erster Linie tut, um Breivik zu schützen. Aber ich glaube, bei diesen großen Verbrechen erfüllen sie dabei auch eine öffentliche Aufgabe. Ansonsten müsste man ja hergehen und diese Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden lassen. Es war allerdings eine sehr bewusste Entscheidung, sehr viel Öffentlichkeit zuzulassen.

 

mokant.at: Die Institution, die in Österreich offensichtlich am ehesten Beratung nötig hätte, ist die Justiz selbst.

Autischer: Zurzeit ist es sehr modern geworden, Ermittlungsbehörden öffentlich zu kritisieren. Das halte ich demokratiepolitisch für bedenklich, weil die Ermittlungsbehörden nur wenig Möglichkeiten haben, sich selbst zu erklären. Die Staatsanwaltschaft hat einen Mediensprecher und ist angehalten, bei öffentlichem Interesse, Auskunft zu geben. Aber sie hat natürlich in erster Linie den Schutz der Persönlichkeitsrechte zu wahren und in zweiter Linie sicher zu stellen, dass das Ermittlungsverfahren sauber abgewickelt wird. Ich denke, dass sowohl Gerichte als auch Staatsanwaltschaft in aller Regel versuchen, so korrekt wie möglich zu arbeiten. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass die Justiz besser erklären sollte, was sie eigentlich tut. Es gibt in Österreich ganz wenige Leute, die wissen, was ein Ermittlungsverfahren ist, und den Unterschied zwischen Beschuldigten und Angeklagten kennen.

 

mokant.at: Eine andere Branche, die in der Öffentlichkeit nicht gut dasteht, ist die PR-Branche selbst. Woran liegt das?

Autischer: Wir haben leider auch Mitbewerber, die alle Grenzen sprengen und offensichtlich zumindest untersuchungswürdig und berichtenswert sind. Natürlich tut uns die Hochegger-Kiste überhaupt nicht gut. Es gibt wahrscheinlich nicht zu Unrecht das Wort „Das ist reine PR“, was so viel heißen soll, wie „Das ist alles erfunden“. Aber einer der Grundsätze, warum wir überhaupt angefangen haben, PR zu machen, ist, dass PR mit Fakten arbeitet.

 

mokant.at: Aber es gibt doch schon einen Unterschied zwischen Wirklichkeit und dramatisierter Wirklichkeit.

Autischer: Klar. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Natürlich muss man dramatisieren und verkürzen, damit etwas Aufmerksamkeit bekommt. Daran ist nichts Falsches. Das tun Sie als Journalist auch: Sie müssen auch Wirklichkeit in eine gewisse Anzahl von Zeilen bekommen.

 

mokant.at: Aber für einen Journalisten gilt der Grundsatz auch die Gegenseite zu hören. Der gilt ja für Sie nicht.

Autischer: Auch wir haben einen Kodex, der uns ganz klare Grundlagen auferlegt. Das heißt, wir könnten unsere Dramatisierung der Wirklichkeit nie so weit treiben, dass sie unwahr wäre. Wir könnten keine Lügen verbreiten, wir dürften niemanden versuchen zu manipulieren und so weiter. Diese Dinge sind festgeschrieben, diesen Kodex haben wir. Aber auch in Ihrer Branche gibt es solche, die sich an den Kodex halten und solche, die das nicht tun und das gibt es in unserer Branche auch. Die PR war in den letzten dreißig Jahren die am schnellsten wachsende Kommunikationsdisziplin weltweit. Da kann es diese Auswüchse geben.

 

mokant.at: Wenn Sie die Berichterstattung verfolgen und sehen, dass sich gewisse Personen sehr ungeschickt in der Öffentlichkeit verhalten: Ärgern Sie sich, dass sie derartig unprofessionell agieren oder sehen Sie sie als potenzielle Kunden?

Autischer: Das ist eine gute Frage. Ich mache das jetzt seit einigen Jahren und meistens tut es mir Leid, wenn sich jemand selbst so beschädigt. Ich sehe sie nicht alle als potenzielle Kunden von mir. Es tut mir eher Leid, wenn jemand ungeschickt ist und sich selbst zur Zielscheibe des Spotts macht. 


Das Interview führte

Cover: mokant.at montage > foto: flickr.com/sancho_panza

Bild oben: mokant.at montage > foto: Alfred Autischer/Gaisberg Consulting GmbH

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