Schneller, besser, stärker
Von Slow-Carb bis Double Sperm Count - der Ratgeber „The 4-Hour Body“ im Test
Timothy Ferriss hackt seinen eigenen Körper wie andere (Geheimagenten) gegnerische Datenbanken. Die gebundenen Ergebnisse seiner endlosen Selbstversuche haben in den Guru-durstigen USA eine Begeisterungswelle ausgelöst. Als untypischer Wissenschaftler publizierte er die Ergebnisse seiner Forschungen nicht in Fachzeitschriften, sondern als Bestsellerbuch. Nachdem ich auf dem Zeitdieb YouTube ein paar Mal auf Teile seiner Philosophie gestolpert bin – ob das im Zuge einer Low-Carb-Rezeptrecherche passiert ist, werde ich nicht spezifizieren – wollte ich es genauer wissen. Und nachdem ich meine Langzeitbeziehung zu Amazon schon länger etwas hab schleifen lassen und ich nunmal die Aktivere in dieser Romanze bin, konnte ich uns auch gleich was Gutes tun. Das Interesse war natürlich, wie bei allen Diät-/Fitness-/Selbsthilfe-/Motivationsratgebern, rein prinzipieller Natur und hatte ganz und gar nichts mit dem Klappentext zu tun, der unter anderem folgendes verkündet:
YOU WILL LEARN
- How to lose 20 pounds in 30 days (without exercise) on the ubersimple Slow-Carb Diet
- How to prevent fat gain while bingeing
- How to sleep 2 hours per day and feel fully rested
- How to produce 15-minute female orgasms
- How to triple testosterone and double sperm count
- How to go from running 5 kilometers to 50 kilometers in 12 weeks
- How to pay for a beach vacation with one hospital visit
Status: Friedhof der Noggy Eier
Pünktlich nach den Osterfeiertagen reckte ich den überzuckerten Kopf lange genug aus meinem Osterschoki-Friedhof (Foto), um den lila Wälzer (500+ Seiten!) zur Hand zu nehmen und mich an die ersten Kapitel zu machen. Und schon mutierte das rein prinzipielle Interesse zu keimenden Hoffnungen, schließlich schreibt der Herr Ferriss total überzeugend und erstaunlicherweise findet man sich in seiner Beschreibung des gängigen Status Quo wieder. Na so ein Zufall. „The major fears of modern man could be boiled down to two things: too much e-mail and getting fat.“ Recht hat er. Frisch gehypt von der potentiellen Neuerfindung des Selbst, weniger Bauchfett und straffe Oberschenkel inklusive, wird die letzte Noggy-Folie zeremoniell zerknüllt und weggeworfen und ans Planen gegangen.
Ziel: Neuprogrammierung
Zwei der Lebensproblemzonen kann man mit Hilfe der passenden Kapitel zeitgleich in Angriff nehmen, verschreibt der Autor. An erster Stelle steht meistens Abnehmen – schließlich ist Fettleibigkeit, wie wir vorhin gelernt haben, eine der zwei großen Ängste des zeitgenössischen Menschen. (Die zweite große Angst, die vor der Inbox, bearbeitet Timothy Ferriss hier nicht. Zeitmanagement-Selbsthilfe verabreicht er jedoch in seiner ersten Veröffentlichung „The 4-Hour Work Week“.) Es klingt ja so einfach bei Tim. Und wenn er mit Oscar-Wilde-Zitaten wie „Everything popular is wrong“ um sich wirft, verbündet man sich unumgänglich mit ihm gegen die vorherrschenden Meinungen zur Ernährungswissenschaft. Bei der Wahl des zweiten anzupeilenden Punktes gibt es einige Möglichkeiten: mit komprimiertem Aufwand Muskelpakete aneignen, Sexleben verbessern, Schwimmen lernen oder doch Schlaf reduzieren und optimieren?
Strategie: Linsen und Weckerintervalle
Abnehmen und Schlaf haben bei mir das Rennen gemacht – zwei Themen, die immer wieder erstaunlich große Brocken meiner Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Tims erprobter Ernährungsplan ist relativ simpel. Jede Mahlzeit muss aus drei Komponenten bestehen: Hülsenfrüchte (sog. „slow carbs“, langsam verwertete, komplexe Kohlenhydrate), Protein, Gemüse. Weiße und „schnelle“ Kohlenhydrate (Zucker, Mehl, etc.) sind verboten. Interessanter Zusatzaspekt: Einen Tag pro Woche wird Urlaub gemacht. An diesem frei zu wählenden Tag darf man alles in sich reinstopfen, was die restlichen sechs Tage verboten ist. Laut Tim hält das den Metabolismus auf Trab. Wer sich an solchen Fresstagen zwischendrin ablenken will, kann sich ein Eisbad verpassen, circa 90 Minuten nach Verzehr der (mit hoher Wahrscheinlichkeit) fett- und kohlenhydrathaltigen Mahlzeiten dreißig Kniebeugen machen – dass soll via Anregung der Muskelfasern dafür sorgen, dass das soeben Gegessene als Muskelnahrung befördert wird und nicht auf den Hüften landet. Ebenfalls ankurbeln lässt sich der Stoffwechsel, indem man mindestens 30 Gramm Protein als Frühstück zu sich nimmt, und das innerhalb von höchstens einer Stunde nach dem Aufstehen. Wie ein Einkaufszettel zugeschnitten auf diese Ernährungsweise aussieht, gibt es links zu sehen, wie auch zwei Ferriss-erprobte Mahlzeiten: Kidneybohnen + Spinat + Cottage Cheese und Linsen + Spargel + Cabanossi.
Dann war da noch die Sache mit dem Schlafen. Blättert man zum relevanten Kapitel, findet man sich zunächst enttäuscht vor. Die zwei Stunden Schlaf sind genau genommen 20 Minuten, und zwar sechs Mal 20 Minuten. Diese 20-Minuten-Einheiten trainieren den Körper auf optimale Nutzung der gegebenen Schlafzeit, sodass der Körper sofort in eine REM-Phase eintritt. Da sich beim durchschnitten 8-h-Schlaf auch kaum mehr als gesamt zwei Stunden Tiefschlaf addieren, soll sich der Schläfer fit und ausgeruht fühlen. Die 20-Minuten-Schläfchen müssen gleichmäßig über 24 Stunden verteilt sein, damit das funktioniert - mit einer Anlaufzeit von etwa eineinhalb Wochen.
Ergebnisse:
nach einer Woche testen:
- Linsen- und Bohnenphobie
- Muskelkater von insgesamt 35 Kniebeugen
- minus 0,5 Kilogramm
nach einem Tag testen:
- zum REM-Schlaf ist es nie gekommen; nur zum Schlafentzug und zur Tag/Nacht-Verwirrtheit
- Ich bin kein Übermensch.
Der Titel „4-Hour-Body“ leitet sich übrigens aus spezifischen less-is-more-Methoden ab, die sich Timothy Ferriss immer wieder zu eigen macht. Beispielsweise bringen gezielte Trainingsübungen in vier Stunden Totalaufwand einen Erfolg wie andere in zehn Mal so viel Zeit.
Praxistauglichkeit: 1,5 von 5 Punkten
Tim Ferriss geht laut eigenen Angaben meistens zum Mexikaner essen. Dort kann er sein Bohnenpensum nämlich easy füllen. Wer in seiner Heimat keine mittelamerikanische Küche an jeder Ecke findet, tut sich mit Auswärtsessen um einiges schwerer. Es sei denn, er/sie beschränkt Restaurantbesuche auf die Schlemmertagen. Eine Ladung Linsen mit Fleisch und Gemüse sättigt wirklich gut, aber an Tag Sieben hatte ich genug davon. Was meine anfängliche Sympathie zu den Bohnen auch nicht gerade bestärkt hat, war das Unterfangen, sie vom getrockneten Zustand essfertig zu machen. Ganze zwölf Stunden ließ ich sie im Wasser einweichen, nur um sie dann in einen Topf zu transferieren und weitere Stunden darauf zu warten, bis sie weich werden. Nach drei Stunden hatte ich die Warterei satt. Die Folge meiner Ungeduld war Übelkeit.
Die Zwei-Stunden-Schlaftaktik lockt mit zusätzlichem Produktivitätspotential, ist jedoch praktisch für kaum einen durchführbar. Wer seinen Tagesablauf nicht gänzlich frei einteilen kann, ist nicht geeignet für diesen Schlafstil. Regelmäßig alle sechs Stunden für zwanzig Minuten mützeln gehen, lässt sich mit fast keinem Angestelltenverhältnis oder Uni-Stundenplan vereinbaren. Wer das Ganze doch wagen will, sollte auf ein paar harte Wochen des Gewöhnungsprozesses vorbereitet sein. Mir reicht der eine (freie) Tag, den ich mir für dieses Experiment gegönnt hab.
Fazit
Timothy Ferriss liefert einige sehr interessante Ansätze und Umdenkanstöße, aber so wirklich anwendbar sind diese Dinge wohl nur für ihn. Zusammenfassend ist dieser Guide zum besseren Selbst eine recht nette Addition zu meinem Bücherregal. Vielleicht stell ich das lila Teil zwischen das gelb-lila Büchlein „Manage Your Time, Manage Your Life“ und „The 7 Habits of Highly Effective People“. Das würde farblich ganz gut passen.








































