01. Februar 2012 | Gesellschaft

Messies – Leben im Chaos

 
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Die Wohnungen von Messies gleichen oftmals Müllhalden
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Therapie ist der einzige Weg aus der Messie-Falle

Für 30.000 Menschen in Österreich ist Wegschmeißen eine "Mission Impossible"

 

Christa Huber (Name von der Red. geändert) war lange stolz darauf, dass sie ihren Freunden bei jeder Gelegenheit aushelfen konnte. Egal ob eine Freundin ein Faschingskostüm oder jemand Einmachgläser für Marmelade benötigte, Christa Huber war immer zur Stelle. Sie musste nur in ihrem Fundus kramen, den sie über Jahre in ihrer Wohnung angesammelt hatte. Vor eineinhalb Jahren wurde das Wohnungsamt auf die 55-jährige Wienerin aufmerksam, denn ihr Balkon war kurz davor überzugehen, so viele Sachen stapelten sich darauf. Als der Wohnungsbesitzer dann noch ihre Wohnung sah, bekam er es mit der Angst zu tun: Das Gewicht all der gesammelten Sachen in Hubers Wohnung bedrohte die Statik des gesamten Gebäudes. „Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich ein Problem habe“, sagt Huber heute.


Sammelleidenschaft, die Leiden schafft


Christa Huber leidet am Messie-Syndrom (vom Englischen Wort mess für Unordnung), der korrekte englische Ausdruck für das Krankheitsphänomen ist Compulsive Hoarding. „Messies leiden eigentlich an einem Wegwerf-Syndrom“, erklärt Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien, wo ein Forschungsteam seit nunmehr vier Jahren zum Messie-Syndrom forscht. „Während normal unordentliche Menschen ihren Schreibtisch nach einer gewissen Zeit wieder aufräumen, können Messies das nicht“, sagt Pritz. In Österreich leiden ungefähr 30.000 Personen an dieser psychischen Erkrankung, in Deutschland soll die Dunkelziffer sogar zwei Millionen betragen.  


Welches Ausmaß das Messie-Syndrom annehmen kann, ist aktuell jeden Dienstag um 20:15 auf RTL2 („Das Messie-Team“) zu sehen. Die Betroffenen leben zwischen Katzen- und Rattenkot in Häusern, die Müllhalden gleichen. Meist kommen die Messies gar nicht mehr in ihr Bad oder Klo und haben keinen Zugang mehr zu Warmwasser. Messie-Forscher Pritz sieht solche Sendungen im Übrigen als positiv an, „da sie mehr Bewusstsein für die Messie-Erkrankung in der Gesellschaft schaffen.“

 

„Ich habe immer auf Sauberkeit geachtet, das Gesundheitsamt hat bei mir keine Mängel festgestellt“, sagt Christa Huber. Doch sie weiß von anderen Betroffenen, wie weit eine Messie-Erkrankung gehen kann. „Viele Betroffene leiden auch an Depressionen“, erklärt Rektor Pritz. Sie wissen, dass sie ein Problem haben, können ihr Chaos nicht mehr anschauen, sind aber gleichzeitig nicht in der Lage, etwas davon wegzuschmeißen. Dazu kommt auch noch die Scham, die viele Messies empfinden, und die soziale Beziehungen mitunter erschwert. „Man empfängt relativ ungern Besuch“, bestätigt auch Christa Huber, die im Gegensatz zu Messie-Extremfällen aber immer über ein intaktes Berufs- und soziales Leben verfügte.


Ursachen und Behandlung


Die SFU hat in den vergangen Jahren im Zuge ihrer Forschung das Therapieangebot für Messies ausgebaut. Die Betroffenen sollen in Selbsthilfegruppen, Kunsttherapien und personalisierten Psychotherapien lernen, den wahren Grund für ihre Sammelwut zu erkennen. Auffallend ist, dass Menschen mit dem Messie-Syndrom oft einen geliebten Menschen verloren haben oder über einen für sie großen Verlust hinwegkommen mussten. Im Falle von Christa Huber war es unter anderem der Tod ihres ersten Babys, das als Totgeburt zur Welt kam. Sie hat diesen Verlust eigenen Angaben zufolge „eigentlich relativ gut weggesteckt“. Heute weiß sie, dass die Trauerarbeit fehlte, und sie diesen für sie schweren Verlust nie wirklich aufgearbeitet hat. Stattdessen hat sie die Erinnerung daran an wertlosen Sachen festgemacht. Das hat Christa Huber in vielen Therapiesitzungen herausgefunden. Dies ist laut Rektor Pritz auch der einzige Weg, um die Messie-Erkrankung überwinden zu können. Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen gibt es für Messies „keine medikamentöse Behandlung“, so Pritz. 


Christa Huber lebt mittlerweile seit eineinhalb Jahren „ihre neues Leben“, wie sie es nennt. Und sie blickt positiv in die Zukunft, auch wenn ihr das Wegschmeißen noch immer schwer fällt. Denn das für die Mehrheit der Menschen normale „Gefühl der Befreiung  beim Wegwerfen“ kennt Christa Huber bis heute nicht.

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