Hellenischer Unmut
Auf den Straßen Athens tobt der Unmut über die soziale Lage - Lösungen sind keine in Sicht
Die Bewältigung der griechischen Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen. Heftig diskutiert werden dabei die Leistung der Griechen und die Hilfsbereitschaft der europäischen Staaten. Doch wie sieht man die Lage in Griechenland selbst? Wie geht es den Menschen dort wirklich? mokant.at hat sich auf den Straßen von Athen umgehört.
Die Schulden der Krise
„Ich bin von der unteren Einkommensklasse in die mittlere aufgestiegen, ohne dass sich dabei mein Lohn erhöht hat“, erklärt etwa Lena, eine gebürtige Deutsche, am Rande einer spontanen Protestkundgebung. Eine andere Demonstrantin berichtet: „Meiner Großmutter blieben von ihrer Rente monatlich knapp 200 Euro. Jetzt wurden ihr noch mal 50 Euro genommen.“
Tatsächlich kennt auf den Straßen Athens jeder ähnliche Geschichten von sozialen Schicksalen und Menschen, die dem öffentlichen Stellenabbau zum Opfer fielen. In der Bevölkerung regiert der Eindruck, die Regierung versuche die Banken und großen Unternehmen zu schützen, während die ärmeren Menschen für deren Schulden an der Krise aufzukommen haben. Die soziale Schere klafft weiter auseinander. Die Menschen werden an den Rand ihrer Existenzmöglichkeiten gedrängt.
Rollkommandos und Molotowcocktails
Dieser Unmut wird auf die Straße getragen und nicht selten eskaliert dabei die Situation. Die Folge sind gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mitunter zu bürgerkriegsartigen Straßenschlachten ausufern. Das Verhalten der Polizei ist dabei besonders umstritten. „Gewaltausbrüche bei Demonstrationen werden von der Polizei gezielt provoziert, um ein härteres Vorgehen rechtfertigen zu können“, erklärt Costas, ein Tänzer aus Athen. Höhepunkt der polizeilichen Gewalt war die Niederschlagung mehrerer Großdemonstrationen Ende Juni dieses Jahres. Die Polizei war offenbar angewiesen, die Straßen mit allen Mitteln frei zu machen. Man fuhr mit Motorrädern durch die Menschenmassen und zog in regelrechten Rollkommandos auf den engen Straßen auch gegen friedliche Demonstranten.
„Als die Polizei auf uns zu marschierte, flüchteten wir in einen Häusereingang“, erzählt Lena, „leider haben wir dabei den Knallkörper übersehen, den uns die Polizei nachwarf“. Seitdem hört sie auf dem rechten Ohr 60 Prozent weniger.
Angespannte Lage
Doch auch die Gewaltbereitschaft der Demonstranten übersteigt die Verhältnisse. Gezielt werden Regierungs- und Bankgebäude mit Steinen und Molotowcocktails beworfen und in Brand gesetzt. Trauriger Höhepunkt: Anfang Mai 2010 sterben drei Menschen in den Flammen einer brennenden Bank. Kleine Provokationen der Polizei reichen und die Lage eskaliert. Die sichtlich gut bewaffneten Polizisten an den Straßenecken des autonomen Viertels in Athen tragen allerdings auch nicht unbedingt zur Entspannung der Lage bei.
„Griechen nur faule Menschen“
Der Protest richtet sich gegen die griechische Regierung und die internationalen Institutionen. Enttäuscht ist man aber auch von der mangelnden Empathie der Menschen in Europa. Schließlich wisse man auch in anderen Ländern, wie schmerzlich der Abbau von sozialen Leistungen sein kann. Lena: „Für den typischen Deutschen, der sich über die Bild-Zeitung und die RTL-Nachrichten informiert, sind die Griechen nur faule Menschen, für die die Deutschen jetzt zahlen dürfen, obwohl sie vorher betrogen wurden.“
Jedoch gibt es auch Gegenmeinungen, die Reformen des Sozialstaates und mehr Leistung von der Bevölkerung fordern. Die Kritik richtet sich dabei gegen die eigenen Reihen: „70 Prozent der regelmäßigen Teilnehmer an den Demonstrationen wissen zu wenig über die wirklichen Fehler in diesem Land. Sie gehen nur zur Demo, um Wut loszuwerden“, sagt eine Demonstrantin und meint damit die autonomen Anarchisten, die die Probleme im finanzkapitalistischen System orten.
Ende der Spannung?
Egal, welche Wege das Land aus dieser Krise führen: Der griechischen Bevölkerung werden weitere große Opfer abzuringen sein und das wird nicht ohne Widerstand auf den Straßen vonstatten gehen. Dessen ist man sich auf allen Seiten bewusst.
Auf den Straßen Thessalonikis, Heraklions und Athens mischt sich Pessimismus mit Resignation. Die Spannung ist unübersehbar: Polizei und Protestanhänger scheinen für alles vorbereitet – und offenbar auch zu vielem bereit.






































