24. Juni 2011 | Gesellschaft

Hinter dem Catwalk

 
Milo Wiersdorff
Mit Magenschmerzen und Schlafmangel auf der Modenschau

mokant.at begab sich hinter die Kulissen der Modenschau der Angewandten

 

In ein paar Stunden wird hier ein Blitzgewitter losbrechen. Die Models werden den langen Laufsteg auf- und abgehen und für die Fotografen aus London und Paris posieren. 800 Menschen werden zusehen und darunter eine internationale Jury, die auf den ersten Blick für eine Modenschau von Studierenden viel zu hoch besetzt scheint. Vielleicht auch nur auf den ersten Blick. Die Abschlussklassen der Universität für angewandte Kunst in Wien genießen einen hohen Ruf unter den Modedesignern der ganzen Welt. Mehrere hundert Studierende aus Österreich, Japan oder den USA bewerben sich jährlich, um unter der Leitung von Bernhard Willhelm zu lernen. Zum elften Mal müssen die Abschlussklassen heute ihren Ruf verteidigen. Nicht nur die Jury, sondern auch die Sponsoren werden sie beeindrucken müssen. Wer das alles schafft, dem winken Preisgelder, Ruhm und natürlich ein gutes Zeugnis.

Shoji Fujii

Schlaflose Nächte
Doch noch ist es ganz ruhig in der großen Halle. Die Stühle blicken leer auf einen kahlen Laufsteg. Im Hintergrund stehen zwei Techniker bei einem Kontrollpult und lassen bunte Lichter aus den Scheinwerfern über die Bühne huschen. Die ersten Tests für den großen Auftritt. Ganz anders sieht die Welt hinter dem schweren Vorhang aus, der die Bühne vom Backstage-Bereich trennt. Hier sind gerade die großen Transporter mit den Kleiderständern eingetroffen. Die Studierenden drängen sich um den Wagen, suchen aufgeregt nach ihrer Kollektion oder gestikulieren wild mit dem Fahrer des Transporters, warum ihre Sachen noch nicht eingetroffen sind. Die Models aus Wien und Bratislava sehen sich das Treiben mit einiger Gelassenheit vom Buffet aus an.

Eine der Studentinnen ist die 20-jährige Lisa (Name von der Redaktion geändert). Sie ist vor zwei Jahren aus Voralberg nach Wien gekommen. Seit einem Jahr studiert sie an der Angewandten und ist damit zum ersten Mal bei der Modenschau dabei: „Ich habe letzte Nacht zwei Stunden geschlafen. Nicht mehr!“ So wie ihr geht es allen hier im Raum. Die Studierenden wirken übermüdet, aber an Schlafen denkt natürlich keiner: „Wir sollen auf einmal Cowboystiefel für unsere Kollektion benutzen! Woher soll ich jetzt noch 46er-Cowboystiefel auftreiben?“, fragt die Studentin verzweifelt. Überhaupt bereiten ihr manche Vorgaben der Uni-Leitung Magenschmerzen. „Gerade im ersten Semester sind wir gar nicht so frei, wie alle denken. Eigentlich wollte ich eine Leggings machen und jetzt ist es eine Männerhose! Man sollte sich viel mehr gegen diese Vorgaben wehren!“

 

 

 

Niko Ostermann

Tosender Applaus
In der Zwischenzeit füllt sich die Halle vor dem Vorhang langsam mit Besuchern. Die Stimmung ist ausgelassen. Männer und Frauen in Abendgarderobe bahnen sich heiter den Weg zu ihren Plätzen. Die Sponsoren gönnen sich noch einen Cocktail an der VIP-Bar, bevor sie von hübschen Platzanweiserinnen an ihre Sitze geführt werden. Auch die Jury nimmt jetzt Platz. Das Licht in der großen Halle geht aus.

Auf beiden Seiten des Vorhangs ist es jetzt ganz ruhig. Die Models stellen sich schnell in einer Reihe auf. Lisa sitzt umgeben von Stoffrollen und blickt erschöpft auf den schweren  Vorhang. Jetzt heißt es hoffen, dass die Kollektion gut ankommt. Mit dem Einsetzen der Musik laufen die Models los und kehren erst nach einer gefühlten Ewigkeit zu den Studierenden zurück. Unter tosendem Applaus. Lisa wirkt erleichtert. „Ja, das war eine gute Modenschau“, sagt sie lächelnd zum Schluss.

 

Link dazu ...
Die Angewandte Wien

Artikel von Michel Mehle

 

Fotos: Milo Wiersdorff, Laufstegfoto by Shoji Fujii,
Backstagefoto by Niko Ostermann

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