„Rosa Welle ist über uns hereingebrochen!“
Petra Unger über die neue, rosa Welle und den Rückgriff auf konservative Modelle
mokant.at: Sollten feministische Frauen die Männer dazu animieren, sich mit ihrer Männlichkeit auseinanderzusetzen?
Petra Unger:
Die Männerforschung ist ein zartes Pflänzchen. Es ist aber nicht so,
dass sie nicht für die Männer zugänglich ist. Da sage ich schon etwas
zynisch: Das ist euer Thema Jungs, macht was damit! Wir Frauen haben uns
selbst zu überlegen, wo wir mit unserer Auffassung von Weiblichkeit das
System der Männlichkeit unterstützen. Wo hänge ich mich zu sehr an
patriarchale Rollen an? Wo werde ich zur Mittäterin und wo gehe ich zu
wenig in Konfrontation? Ein wesentlicher Bestandteil der feministischen
Strategie ist ja gerade das Sich-in-Beziehung-setzen mit anderen Frauen,
sich weibliche Vorbilder zu holen, sich an der weiblichen Geschichte zu
orientieren und nicht am Maßstab Mann sich messen zu müssen.
mokant.at: Wie stehen Sie zur Frauen-Quote?
Petra Unger:
Die derzeitige Quotendebatte ist ein Zeichen für eine einzige
Niederlage der Männer in unserer Gesellschaft. Wenn man den Männern
immer noch sagen muss, wir brauchen eine Quote, weil anders kapiert ihr
das nicht, und Freiwilligkeit hat bis jetzt genau nichts gebracht ... Da
bleibt nur die Quotenregelungen mit den entsprechenden Sanktionen.
Zudem würde ich die Debatte um die Quote gerne von der
Qualitätsforderung lösen. Ginge es um Qualität in den hohen Positionen,
die von Männern dominiert sind, müssten einige Männer sofort einpacken
und nach Hause gehen. Erst wenn es genauso viel mittelmäßige Frauen wie
momentan mittelmäßige Männer in den Führungspositionen gibt, sollten wir
mit der Qualitätsdebatte beginnen.
mokant.at: Umgekehrt: Es sind ja nicht alle Frauen Feministinnen.
Petra Unger:
Ganz richtig. Wir haben ganz viele Frauen, die gerne zurückfallen in
die alten Muster. Wenn ich es überspitzt sagen darf, die rosa Welle ist
wieder über uns hereingebrochen! Es ist so ein Rückgriff auf
konservative Modelle, die mehr Sicherheit versprechen und die sich
überall wiederfinden. Wir sehen doch kaum alternative Lebensentwürfe,
weder im Alltag noch in den Medien! Je größer die Verunsicherung in der
Gesellschaft wird, desto mehr greifen die Menschen auf alte Konzepte
zurück, die Sicherheit versprechen. Oft scheint der Rückzug in die
vermeintliche heile Familie, die der Mann versorgt, eine Alternative zum
Arbeitsmarktwahnsinn zu sein. Dass das eine Falle ist, bekommen die
Frauen dann erst sehr viel später mit.
mokant.at: Stichwort geschlechtersensible Bildung und Erziehung: Wann wäre der richtige Zeitpunkt um Geschlecht zu erziehen und bilden?
Petra Unger:
Ich bin der Meinung, es soll Angebote für verschiedene Altersgruppen,
Berufssparten und Lebensabschnitte geben, wo Geschlecht verhandelt
werden soll. Die Problematiken der Geschlechterdifferenz zeigen sich
immer in unterschiedlicher Weise. Dafür brauchen wir unterschiedliche
Werkzeuge und Maßnahmen. Man muss anfangen bei der Ausbildung bei
Kindergartenpädagogen und –pädagoginnen und weiter hinauf gehen bis zu
den Universitätsprofessoren und –innen. Da kann ich Stück für Stück
verankern, dass es ein demokratiepolitisches Prinzip ist, ein
wesentlicher Bestandteil der Allgemeinbildung sein sollte, über
gesellschaftsstrukturierende Mechanismen nachzudenken. Es geht nicht
allein nur darum, was Männer und Frauen sind. Es geht um viel mehr.
Es geht um politische Bildung und über den Feminismus hinaus, darum, unterschiedliche Diskriminierungskategorien in den Blick zu nehmen. Das heißt: Wer wird aufgrund welcher körperlichen Verfasstheit oder gesellschaftlichen Position wie diskriminiert und was kann eine sich als fortschrittlich und demokratisch begreifende Gesellschaft gegen diese Benachteiligungen tun?
Zur Person:
Petra Unger ist Kulturvermittlerin,
hat am Rosa Mayreder College Wien den Master of Arts für Gender Studies
und Feministische Forschung absolviert und bietet Frauenspaziergänge
durch zahlreiche Bezirke Wiens an. Sie hält Vorträge, Seminare und
Workshops zur Vermittlung feministischen Wissens und Gender Studies.
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