05. März 2011 | Gesellschaft

„Der Islam ist nicht reformierbar“

mokant.at > foto: raimund appel
„Der Islam besteht aus Dogmen“, ist sich Cahit Kaya sicher

Der Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Cahit Kaya, im Interview

 

Vor einem Jahr, im Februar 2010, hat sich in Österreich der Zentralrat der Ex-Muslime gegründet. Ein Verein, der sich erstmals in Köln zusammenfand, und der sich als Vereinigung nichtgläubiger Menschen versteht, die entweder aus einem muslimischen Land stammen oder selbst Muslime waren. Die Vereinsgründer des österreichischen Zentralrats lassen keinen Zweifel daran, was sie vom Islam halten. Er sei gefährlich, brutal, frauenverachtend und nicht reformierbar. Aber was steckt hinter diesem Weltbild? mokant.at versucht dem auf den Grund zu gehen: Der Vereinsgründer Cahit Kaya erklärt im Interview, warum in seinen Augen nur Radikalität Muslime zum kritischen Denken anregen kann und warum er in der Schweiz für ein Minarett-Verbot gestimmt hätte.

 

mokant.at collage > fotos: raimund appel
Für Kaya gibt es „gute Gründe“ aus dem Islam auszutreten

mokant.at: Was waren deine Beweggründe den Rat zu gründen?
Cahit Kaya: Das sind immer die schwierigen Fragen (lacht) Einfache Antworten kann man darauf nicht geben, es gibt viele Gründe. Die doppelte Sozialisierung war es eigentlich, denn beim direkten Vergleich sieht man, dass im islamischen Umfeld vieles nicht richtig läuft. Ein weiterer Punkt ist dieser Kollektivismus, der im Islam ziemlich stark vorhanden ist und der die Integration behindert. Der Zentralrat der Ex-Muslime ist 2007 in Deutschland entstanden. Wenn man schon sein ganzes Leben lang nach irgendwas sucht, was ideal für einen ist und dann plötzlich das mitbekommt, fängt man langsam an, sich damit zu identifizieren.

mokant.at: Was sind die Aufgaben, die Ziele des Rates?
Cahit Kaya: Ein Ziel ist sicher, Integration zu fördern. Es ist nicht das primäre Ziel, jeden aus dem Islam rausholen zu wollen. Es ist ein Anliegen, dass man die Muslime zu kritischem Denken inspiriert. Manchmal kommt der Vorwurf, dass wir da radikal seien. Ich denke: Es ist notwendig, diesen Druck aufzubauen, denn dann müssen die Muslime beginnen sich zu rechtfertigen. Denn meistens rechtfertigen sie sich nicht, weil sie alles auf Rassismus oder Islamophobie zurückführen. Und wenn dann jemand wie ich, der selber darin aufgewachsen ist, die Kritik übt, müssen sie konkret darauf eingehen und wirklich antworten, was genau in dieser Community passiert und was nicht. Unsere Vorwürfe beziehen sich meistens auf islamische Dogmatik und genauso auf das Traditionalistische, vor allem in türkischen Familien. Das drängt die Menschen zusammen, auch wenn sie gar nicht so ähnlich sind wie man von außen glaubt, also ihr hier in Österreich vielleicht glaubt.

mokant.at: Durch was wollt ihr das erreichen? Durch Öffentlichkeitsarbeit, durch Beratung?
Cahit Kaya: Über die Website und die Artikel, die zum Teil provokant sind, aber auch immer Hintergrundwissen liefern. Auch durch Beratung: Uns schreiben ziemlich viele Leute an, meistens anonym. Menschen, die aus dem traditionalistischen, islamischen Umfeld ausbrechen wollen, sollen sich an uns wenden können und Ratschläge holen, weil wir ja schon längst draußen sind und nichts mehr zu befürchten haben.

mokant.at: Wer holt sich diese Ratschläge, sind das eher Frauen, Männer oder Jugendliche?
Cahit Kaya: Meistens sind es eher die Frauen die sich an uns wenden, weil sie größerem Druck ausgesetzt sind. Männer versuchen eher, Erklärungen selber zu suchen und wahrscheinlich sind sie auch zu stolz dafür, Beratung zu suchen, das hat etwas mit Prägung zu tun. Aber auch Österreicher wenden sich an uns.

mokant.at: Warum und wann bist du aus dem Islam ausgetreten?
Cahit Kaya: Ich glaube, ich bin lange Zeit bevor ich es gewusst habe, aus dem Islam ausgetreten. Also kann ich es gar nicht genau sagen. Wahrscheinlich war ich es immer schon, nur hat mir dieser Zentralrat der Ex-Muslime gefehlt. Durch die Gründung in Deutschland habe ich dann gemerkt, dass das eher das ist, wonach ich suche. Die Unwissenheit, wo man eigentlich genau hingehört, die war lange Zeit davor schon da.

mokant.at: Warst du jemals gläubiger Muslim?
Cahit Kaya: Nein, ich war nie praktizierender Muslim, aber der Druck von außen ist immer in die Richtung, dass man gläubig sein soll, was auch belastend sein kann, vor allem für Kinder. Wenn man aus einer säkularen Familie kommt, dann kommt trotzdem von außen der Druck. Die streng gläubigen Muslime sehen in den säkularen Muslimen so eine Art Feindbild. Auch wenn sie es nicht aussprechen, zumindest in den Medien in Österreich, aber es ist einfach so.

mokant.at: Deine Eltern waren also eher säkular?
Cahit Kaya: Mein Vater war schon gläubig.

mokant.at: Wie entgegnest du der Kritik, dass du, da du nie gläubiger Muslim warst, die Ex-Muslime nicht vertreten kannst?
Cahit Kaya: Die Islamverbände berufen sich ja auf die 500.000 Muslime, die sie vertreten. Ich bin nicht der einzige, der nie wirklich etwas mit dem Muslim zu tun hatte. Das würde bedeuten, dass die streng gläubigen Muslime eine Minderheit darstellen und trotzdem den Anspruch erheben, für alle zu sprechen. Im Grunde sind ja die wenigsten wirklich gläubig. Vor allem praktizierende Muslime sind eine Minderheit, das sind die streng Gläubigen. Also die Kritik ist eigentlich zurückzugeben an die Islamverbände und die Vertreter vom Islam, die den Anspruch erheben, wir sind die Vertreter aller Muslime, wir sind streng gläubig. Genau das wollen wir eigentlich auch zeigen: Es gibt nicht nur diese gläubige Variante, es gibt auch genug, vielleicht sogar die große Mehrheit, die nicht gläubig ist. Dieser Alleinvertretungsanspruch der Islamverbände und deren Einfluss auf die Politik, ist deshalb nicht gerechtfertigt.

mokant.at: Das ist eine Entwicklung, die die katholische Kirche in Österreich ebenfalls durchgemacht hat. Hat der Islam diese Entwicklung noch vor sich?
Cahit Kaya: Der Islam ist aus meiner Sicht nicht reformierbar, aber die Muslime sind es. Der Islam besteht aus Dogmen und die Menschen, die ihn vertreten, erheben den Anspruch, dass es direkt von Gott kommt, das sei Allahs Wort, kein Mensch kann daran rütteln. Und somit kann auch kein Mensch dieses islamische System reformieren. Man kann sich nur davon distanzieren. Und wenn man von liberalen Muslimen spricht, dann sind es eigentlich die Muslime, die sich längst vom Islam entfernt haben. Also vielleicht solche wie ich. Viele andere haben genauso wenig mit dem Islam zu tun. Das einzige was sie vielleicht haben, ist der Glaube an irgendwas und durch die Ausgrenzung, die in Österreich stattfindet, suchen sie nach einer Identität und definieren sich als Muslim.

mokant.at: Wenn man versucht den Koran bewusst positiv und zeitgemäß zu übersetzen bzw. zu interpretieren, was käme dabei heraus?
Cahit Kaya: Wenn man es nur positiv darstellt, dann blendet man große Teile des Korans einfach aus. Und einer der Glaubensgrundsätze im Islam ist, dass der Koran als Gesamtes Gottes Wort und Gesetz ist. Wer jetzt nur das positive heraussucht, der leugnet Allahs Worte. Dann ist er laut dem islamischen Glaubensbekenntnis schon vom Islam abgefallen. Also im Grunde ist es egal mit welchen Worten man genau übersetzt, dass man Ungläubige verfolgen oder diskriminieren soll. Sinngemäß ist die Übersetzung immer die selbe.

mokant.at: Auf der Website führt ihr zehn Gründe für den Austritt aus dem Islam an …
Cahit Kaya: Gute Gründe. (lacht) Laut der Scharia ist es ja gar nicht möglich, aus dem Islam auszutreten. In Ländern, wo die Scharia Gesetzgebung ist, bedeutet das, dass derjenige, der aus dem Islam austritt, stirbt, er wird ermordet. In den universellen Menschenrechten heißt es ja, dass sich jeder Mensch frei entscheiden kann, an was er glaubt und an was er nicht glaubt. Wenn im Islam kein Austritt möglich ist, ist das ein großer Verstoß gegen die Entscheidungsfreiheit. Auch wenn in Europa die Scharia nicht so streng wie in islamischen Ländern gehandhabt wird, ist trotzdem der soziale Zwang so groß, dass man den Austritt nicht wagt, obwohl man sich innerlich schon längst davon distanziert hat. Unsere Aufgabe wäre es zu zeigen, man kann. Wer sich nicht damit identifizieren kann, der soll einfach klar dazu stehen. Das ist kein Versuch jeden zwanghaft herauszunehmen. Wem es die Stabilität gibt und der sonst nicht gegen die Menschenrechte verstößt, soll von mir aus drin bleiben. Diejenigen, die nicht drin bleiben wollen, denen muss die Möglichkeit gegeben werden austreten zu können.

mokant.at: Was ist für dich Integration und Assimilation?
Cahit Kaya: Integration ist eigentlich das Gegenteil davon, sich irgendwo einfügen zu müssen, weil das gar nicht möglich ist in Österreich, sondern aus dem Kollektiv hinauszukommen. Dass man immer wieder den freien Willen, soweit es den gibt, praktizieren kann und seine politische und gesellschaftliche Einstellung anpassen und ändern, also weiterentwickeln kann. Assimilierung … Im Islam, auch in islamischen Lehrbüchern in Österreich und Deutschland, heißt es: „Wer sich verhält wie ein Europäer, der ist ein Europäer.“ Das würde bedeuten, dass derjenige, der sich zum Beispiel wie ein Europäer kleidet, im Grunde schon assimiliert ist. Vom islamischen Sichtpunkt aus ist Assimilation Integration und Integration Assimilation, deswegen wird beides abgelehnt, aber nie offen gesagt.

 

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