„Manchmal habe ich Angst“
Tierrechtsaktivist Chris Moser über den Prozess, die Richterin und radikale Kunst
mokant.at: Gehst du davon aus, dass der Prozess mit Verurteilungen enden wird?
Chris Moser: Es gibt verschiedene Prognosen. Eine davon ist, dass wir zu einer unbedingten Haftstrafe von drei Monaten verurteilt werden. Die wenigsten rechnen damit, dass wir nochmal ins Gefängnis kommen, weil wir keine Vorstrafen haben. Aber auch eine bedingte Verurteilung bedeutet den finanziellen Ruin.
mokant.at: Du wohnst nach wie vor in Tirol, für den Prozess pendelst du nach Wiener Neustadt. Wie sieht da derzeit dein Alltag aus?
Chris Moser: Wenn ich nicht im Gericht sitze, bin ich daheim und verarbeite das Ganze in der Kunst. Für die Leute in Wien ist es einfacher, aber ich sitze 24 Stunden pro Woche im Zug weil ich hin- und herpendeln muss. Und ich habe meistens drei Tage in der Woche Verhandlung. Das heißt, ich kann nicht hackeln gehen. Ich habe jetzt ein Jahr lang nicht arbeiten gehen können, ich lebe nur von Spenden. Ich habe mir anfangs gar nicht vorstellen können, wie ich das mit drei Kindern schaffen soll. Und dann sagen die zu mir: Das hätten Sie sich früher überlegen müssen! Ja, wann und wo?
mokant.at: Über den Prozessablauf wird mittlerweile ausgiebig berichtet. Wie nimmst du ihn als Angeklagter wahr?
Chris Moser: Normalerweise kann ich gut einschätzen, was ich mache und was ich sage. Aber das Gericht ist mir so fremd. Da gibt es vollkommen eigene Spielregeln, das ist echt so, als würden sie in einer eigenen Fremdsprache reden. Nach zwei Tagen habe ich gecheckt, dass man da gegen eine Wand redet. So viel Naivität gegenüber dem Rechtsstaat habe ich nicht, dass ich mir denke, wir könnten uns da mit Vernunft oder Logik hinausreden. Denn wenn in diesem Verfahren Vernunft oder Logik eine Rolle spielen würden, dann wäre es soweit gar nicht gekommen. Drei Angeklagte haben erst zwei Wochen vor Prozessbeginn von ihrer Anklage erfahren. Und das ist unsagbar, vor allem mit dem Hintergrund, dass die Akten doppelt so viele wie im BAWAG-Prozess sind. Das heißt, die mussten sich zwei Wochen vor Prozessbeginn in diese Akten erst mal einlesen, einen Anwalt finden und so weiter!
mokant.at: Ist die Liste der dreizehn Angeklagten eigentlich nach der Schwere ihrer Tat geordnet?
Chris Moser: Eine Tat gibt es ja nicht, sie ist nach der Schwere dessen geordnet, was sie sich vorstellen. Der Martin wird ja oft als Hauptbeschuldigter bezeichnet, er steht auch auf Platz Eins dieser Liste. Ich meine, im Endeffekt geht es ja um den VGT und um den Martin zum großen Teil. Und einmal sagte der Staatanwalt süffisant: „Martin Balluch bezeichnet sich ja sogar selber als Hauptangeklagter.“ Und dann sagt der Martin: „Der Hauptangeklagte bin ich ja offensichtlich.“ Und die Richterin: „Aber die Liste ist ja alphabetisch gegliedert.“ Martins Bruder, der ja auch Balluch heißt, ist der dreizehnte Angeklagte! (lacht)
Chris Moser: Ja, da kamen dann bei meiner Einvernahme am 18. und 22. März 2010 so lustige Fragen wie: „Haben Sie in Ihrer Kunst Ihre Gedanken und Ihre Gesinnung zum Ausdruck gebracht?“ oder „Haben Sie in Ihrer Kunst zum Ausdruck gebracht, was Sie innerlich bewegt, was Sie an Änderungen haben möchten?“ Die grotesken Fragen ließen sich weiter fortsetzen … (lacht) Sowas werde ich in einem österreichischen Strafverfahren gefragt, und zwar im Jahr 2010! Es geht hier nicht nur um Meinungsfreiheit, um Pressefreiheit und unsere Versammlungsfreiheit, nein, hier steht ganz deutlich auch die Freiheit der Kunst vor Gericht.
Und ja, natürlich habe ich mich in meiner Kunst – wie das auch andere Künstler und Künstlerinnen tun – mit Radikalem und auch teilweise mit Gewaltmetaphern auseinandergesetzt, aber das fällt mir jetzt voll auf den Schädel. Denn wie soll ich der Richterin erklären, warum ich Kunstwerke mit Kalaschnikows mache – das passt für sie ja alles in ein Bild von mir hinein. Ich habe der Richterin Bilder von Brus und Helnwein vorgelegt und ihr gezeigt, dass da auch mit Waffen und Gewaltmetaphorik gearbeitet wird und sie hat „Wahnsinn“ gesagt. Und sie hat das auch wirklich so gemeint – das sind zwei verschiedene Welten. Mir kommt vor, die Richterin denkt, ich sei einfach so einer, der nur stören will. Aber das stimmt gar nicht. Ich bin ja eigentlich ein sehr gemütlicher Mensch. (lacht)
Chris Moser: Manchmal. Manchmal wache ich in der Nacht auf und zittere, weil ich vom Gefängnis geträumt habe. Das klingt jetzt so hühnerbrustig. Ich möchte eigentlich davon Abstand nehmen, ich bin kein Schwächling. Aber es überkommt mich immer wieder. Wir wohnen in einem 450 Jahre alten Haus und da haben wir so eine Truhe. Die habe ich unlängst mit den Kindern ausgeräumt. Plötzlich sagt Samuel: „Da habe ich mich versteckt, als sie das Haus durchsucht haben.“




















