Frau : Verhütung
Verhütung: Frauen zwischen Emanzipation und Kompromiss. Eine lange Geschichte ...
Die angeblich schönste Nebensache der Welt ist nicht nur reines Vergnügen. Wenn es um Verhütung geht, ist alles plötzlich ganz ernst. Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten sollen verhindert werden, merken soll man davon beim Liebesspiel jedoch so wenig wie möglich. Die „Pille“ ist mit dem Kondom Verhütungsmittel-Spitzenreiter, ob in festen Beziehungen oder bei Singles. In festen Partnerschaften ist die „Pille“ oft alleiniges Verhütungsmittel. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ermöglichten viele Jahr(zehnt)e der Forschung und des Kampfes, oft getragen von Frauen.
Empfängnisverhütung war bis zur Vermarktung der „Pille“ kein Thema, oder besser gesagt: es durfte offiziell keines sein. Die Zahl der Selbstversuche, um eine Schwangerschaft zu vermeiden beziehungsweise eine bereits bestehende Schwangerschaft zu beenden, sind gut dokumentiert und erstaunen immer wieder aufs Neue. Die Entwicklung der Geburtenkontrolle hängt geschichtlich betrachtet eng mit der Frauenrechtsbewegung zusammen. Die Emanzipation der Frau, die sich in der Berufstätigkeit der Frau sowie im Wahlrecht manifestiert, das 1918 in Österreich eingeführt wurde, sowie das Recht auf Empfängnisverhütung gingen Hand in Hand. Aufgrund der Industrialisierung waren auch Frauen am Arbeitsmarkt unentbehrlich, jedoch erschwerte eine Schwangerschaft pro Jahr die Berufstätigkeit. In einem Frauenleben konnten es zehn Schwangerschaften und mehr werden. Historische Aufzeichnungen über Arbeiterinnen in den 1920er-Jahren vermitteln das überwiegende Gefühl, das sie in Bezug auf Sexualität hatten: Die Angst, schwanger zu werden, dominierte die Sexualität und stellte eine ständige Belastung dar.
Frauenleid Sexualität
Frauen wie die US-Amerikanerin Margaret Sanger, die von ihrer Ausbildung her Krankenschwester war, erlebte das Leid vieler Frauen hautnah mit: Unzählige Schwangerschaften zwischen Familie und Berufstätigkeit raubte den Frauen die Gesundheit und der Versuch, eine Empfängnis zu vermeiden oder gar (illegal) eine Schwangerschaft abzubrechen, gipfelte in schweren Verletzungen, chronischen Erkrankungen und endeten nicht selten mit einem qualvollen Tod.
So gab Sanger Frauen Ratschläge und umfangreiche Antworten zur Geburtenkontrolle mittels Briefkommunikation: Innerhalb von zehn Jahren sollen es über eine Million Briefe gewesen sein, die Sanger verschickte. Auf ihren Reisen durch die USA und Europa lernte sie viel über unterschiedliche Empfängnisverhütungs-Methoden und gab ihr gesammeltes Wissen weiter. Der Staat wurde auf Sanger aufmerksam und klagte sie mehrmals an, da sie „unanständige Inhalte“ unter das Volk bringen würde. Margaret Sangers Kampf um die Legalisierung der Geburtenkontrolle war nicht nur aufklärerisch, sondern auch politisch.
Beate Uhses Ehehygiene
Der Bedarf an Information stieg ins Unermessliche. Broschüren und Flugblätter zur Aufklärung wurden gedruckt und verteilt. Eine Frau, die mit einer Broschüre eine bewundernswerte Karriere auf diesem Gebiet startete, war die Deutsche Beate Uhse. Sie gab Mitte der 1940er ein Heftchen heraus, in dem sie die Knaus-Ogino-Methode erklärte und bewarb. Daraufhin wurde sie gefragte Sex-Ratgeberin und eröffnete das „Versandhaus Beate Uhse“, das Kondome und Bücher zum Thema „Ehehygiene“ vertrieb. Europaweit wurden Informationsbüros, die sich den privaten Anliegen der Frauen widmeten, eröffnet. Das war jedoch nicht immer ungefährlich, da sich die gesetzliche Sicht auf Empfängnisverhütung und Abtreibung je nach politischer Spitze ändern konnte.
Katharine McCormick ist eine weitere wichtige Frau in der Entwicklungsgeschichte der „Pille“. Sie absolvierte als zweite Frau weltweit das Universitätsstudium mit einem Abschluss des MIT, ihr Fach war Biologie. Aus persönlichem Interesse heraus, da McCormick und ihr Ehemann aufgrund einer Erbkrankheit auf Kinder verzichten wollten, unterstützte sie die Forschung auf dem Gebiet der Empfängnisverhütung mit der großzügigen Spende in der Höhe von zwei Millionen Dollar.
A star is born: Die Anti-Baby-Pille
1960 kam die Antibabypille unter dem Namen „Enovid“ auf den amerikanischen Markt, ein Jahr später „Anovlar“ in Deutschland. In der DDR wurde die Antibabypille unter dem Namen „Ovosiston“ produziert und ab 1965 kostenlos und nicht nur an verheiratete Frauen, wie es in der BRD und in Österreich üblich war, verteilt. Da man nichts über die Langzeitwirkung wusste, war die „Pille“ anfänglich nicht sehr erfolgreich. Erst ab 1965 konnte sie sich gut verkaufen, aber bereits im Jahr 1972 nahmen zwanzig Prozent der deutschen Frauen die „Pille“.
Frauen hatten erstmals die Möglichkeit, über das Kinderkriegen zu entscheiden. Sie übernahmen die Verantwortung über ihren Körper und ihre Sexualität, denn sie waren nicht mehr vom Mann und seiner Kooperation beim Thema Verhütung abhängig. Die späten 1960er-Jahre und weite Strecken der 1970er-Jahre können unter dem Motto „Sexuelle Revolution“ geführt werden, da hat sich schon etwas abgespielt in den Betten.
Die Pille, ein Patriarchat?
Etwa in den 1980er-Jahren äußerten Feministinnen die leise Kritik, dass die Verhütung endgültig den Frauen zugefallen sei, sich die Herren der Schöpfung wenig einbringen, es sich einfach bequem machen würden. Die „Pille“ wurde als patriarchales Produkt gesehen, da viele Männer – durch die Einfachheit der „Pille“ und der daraus resultierenden Vereinfachung der Sexualität überzeugt – davon ausgingen, dass jede „moderne“ Frau sie nehme. Wenn nicht, musste sie gute Gründe vorbringen. Ein neues Diktat in der Sexualität entstand, mit dem sich viele junge Frauen nicht abfinden möchten: Verhütung ist eine Sache, die partnerschaftlich gelöst werden soll.
Margaret Sanger und Katharine McCormick starben Ende der 1960er-Jahre und erlebten den Welterfolg der „Pille“ nicht mehr mit. Man schätzt, dass heute sechzig bis hundert Millionen Frauen täglich die „Pille“ nehmen. Wie viele Frauen auf die Vermarktung der „Pille für den Mann“ warten, wie diese die Sexualität und damit auch die Gesellschaft verändern könnte, ist heute noch schwer zu sagen.
Link dazu ...
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
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