Facebook-Trend: Früher war alles besser

blase

Schon beim morgendlichen Streifzug durch die Social Networks wird deutlich: Die Welt, in der wir leben, ist ein schrecklicher Ort und irgendwie war doch früher alles besser. Wir sind diesem Trend näher auf den Grund gegangen.

Wem die täglichen Schreckensmeldungen diverser Nachrichten-Portale nicht schon das Gefühl vermitteln, die Gesellschaft befände sich im Niedergang, der wird spätestens beim Scrollen durch seinen Facebook-Newsfeed darauf hingewiesen. Regelmäßig werden Bilder oder „inspirational quotes“ gepostet, die scheinbar belegen, dass es früher noch „echte“ Männer und Frauen gab, Freundschaften und Beziehungen länger hielten und es noch „echte“ Werte gab.  Kommentiert werden solche Postings meistens mit „Traurig, aber leider wahr!“ oder „Das gibt es heute gar nicht mehr!“ Auffällig ist, dass es vor allem junge Menschen in ihren Zwanzigern sind, die ein solch düsteres Bild von der Welt zeichnen. Doch was genau  ist es, das junge Menschen heutzutage vermissen?

Jugend ohne Identität
Es scheint sich hierbei vor allem um bestimmte Werte zu handeln, wie auch Valerie (28) findet: „Ich habe das Gefühl, dass es früher mehr Zusammenhalt in der Familie gab. Heute ist jeder viel mehr auf sich selbst bezogen.“ Sie ist der Meinung, dass unsere Gesellschaft sehr konsumorientiert ist. Außerdem würden gewisse Basics wie etwa die Fähigkeit, Dinge selbst zu reparieren, Kleidung zu flicken oder das Einkochen von Lebensmitteln heute nicht mehr wertgeschätzt. „Da gibt es jetzt aber auch schon eine Gegenbewegung“, gibt sie zu und meint damit Kleidertauschbörsen oder Repair Cafés. Auch Nina (24) hat die Befürchtung, dass gewisse Werte in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung verlieren. „Das klingt jetzt blöd, aber ich meine etwas in der Art wie zum Beispiel die Zehn Gebote. Einfach ethische und moralische Grundsätze wie Zuverlässigkeit, Fleiß oder Ehrlichkeit. Das ist den Leuten heute nicht mehr so wichtig.“ Abgesehen davon würden klassische Institutionen wie politische Parteien oder die Kirche jungen Leuten nicht mehr die Möglichkeit bieten, sich mit ihnen zu identifizieren. „Sie haben nichts, an das sie sich halten können und sehnen sich vielleicht deshalb nach der Vergangenheit.“

Erinnerungen in schwarz-weiß
Wenn man über das Früher spricht, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Wann. Also danach, auf welche Zeit in der Vergangenheit sich diese diffuse Sehnsucht bezieht.
Auf die Frage, ob es eine bestimmte Epoche oder Zeit gibt, in der sie gerne gelebt hätte, antwortet Nina: „Manchmal denke ich, dass es den Leuten in den 50er Jahren viel besser ging, auch wegen dem Wirtschaftswunder. Dafür waren andere Dinge nicht so gut, wie die Rechte der Frau zum Beispiel.“ Sie denkt kurz nach und kommt schließlich zu einem Punkt, der vermutlich den Kern ihrer Befürchtungen ausmacht: „Früher gab es eher den gradlinigen Weg. Die Eltern haben gesagt ‚Du machst jetzt eine Lehre‘ und das war’s dann. Wir sind heute schon sehr privilegiert, weil wir aus so vielen Möglichkeiten wählen können, aber ein vorgegebener Weg war vielleicht einfacher.“ Heute sei die Angst vor dem Scheitern besonders groß, weil der Druck bestehe, etwas Großes, etwas Besonders aus seinem Leben zu machen. „Das überfordert einen sehr“, sagt Nina mit ernster Stimme.

Dass das Überangebot an Möglichkeiten und damit auch die Gefahr, das Falsche gewählt zu haben, junge Menschen überfordert, bestätigt auch der Wiener Psychotherapeut Markus Steidl. Zukunfts- und Existenzängste gehörten zwar schon immer zu den zentralen Angstthemen vieler Menschen, jedoch würden sie heute etwas pessimistischer mit ihnen umgehen. „Vor allem die Sorge, etwa nach einer Kündigung nicht rasch wieder einen neuen Job finden zu können, ist größer geworden.“ Angesicht zahlreicher Medienberichte, die ständig schlechte Nachrichten über den Arbeitsmarkt bringen, sei diese Sorge auch nicht ganz unbegründet.

(Un-) Happily Ever After
Dass sich junge Menschen an einem gewissen Punkt ihres Lebens verunsichert fühlen können, haben wir bereits in unserem Beitrag über die um sich greifende Quaterlife Crisis berichtet. Doch die Orientierungslosigkeit junger Menschen scheint sich nicht allein auf den beruflichen Werdegang zu beziehen. So glaubt etwa Nina, dass Beziehungen früher leichter zu definieren waren. „Ich finde es natürlich großartig, dass es die traditionellen Geschlechterrollen nicht mehr gibt, aber ich glaube, das sorgt trotzdem für Unsicherheit. Es ist komplizierter.“ Vielleicht erklärt dieser Gedanke die Beleibtheit eines Memes, das vermutlich schon jeder in seiner Timeline gesehen hat. Darauf sieht man ein altes Ehepaar, das seit über 70 Jahren glücklich verheiratet ist. Laut Bildunterschrift sei der Grund dafür, dass das Paar aus einer Zeit stamme, in der man Dinge noch reparierte, anstatt sie wegzuwerfen. Psychotherapeut Steidl weist jedoch darauf hin, dass solche zugespitzten Schlussfolgerungen relativ zu betrachten sind. „Vielleicht war man früher länger zusammen, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass man auch glücklicher war. Probleme wurden früher vielleicht auch gar nicht erst angesprochen, anders als heute in der noch relativ jungen Paartherapie.“ So waren Paare früher oft dazu gezwungen aus wirtschaftlichen Gründen zusammen zu bleiben oder es gehörte sich einfach nicht, sich scheiden zu lassen.

Warum also das virtuelle Schwelgen in der Vergangenheit?
Weniger anklagend, aber dafür umso beliebter ist das obligatorische Meme „Wenn du dich an … erinnerst, hattest du eine tolle Kindheit“ – quasi die moderne Variante von „Als ich in deinem Alter war…“. Eine Analogie, die bei näherer Betrachtung sehr entlarvend und eine mögliche Erklärung für den Trend ist. Darauf angesprochen sagt Steidl, dass Erinnerungen, gerade an die Kindheit, meist verfälscht sind. Man würde sich nur an das Gute erinnern, während das Schlechte verdrängt oder vergessen wird. „Dass sich junge Menschen aber nach der Vergangenheit sehnen, kenne ich aus meiner eigenen Praxis überhaupt nicht.“ So muss auch Valerie am Ende unseres Gesprächs gestehen, dass sich ihre Sehnsucht wohl eher auf die eigene Kindheit, nicht aber auf die 90er Jahre an sich bezieht. Nina glaubt zudem, dass man auch noch frühere Zeiten eher verklärt sieht: „Man kennt nur die schönen Geschichten der Eltern und Großeltern. Man selbst hat es ja nicht erlebt. Prinzipiell glaube ich aber nicht, dass es früher besser war. Das glaubt nur jeder von sich.“ Ist der „Früher war alles besser“-Trend in den Social Networks am Ende also keine neue oder gar ernstzunehmende Entwicklung?

Chevy Chase und jede Menge Unglück
Wer zur Weihnachtszeit erst durch die einmillionste Wiederholung der immer selben Komödien in Stimmung kommt, sollte bereits eine Antwort darauf haben. Immerhin hat Chey Chase schon 1989 in „Schöne Bescherung“ darüber geklagt, Weihnachten sei nicht mehr dasselbe wie früher. Anscheinend konnte er den 80er Jahren, nach denen sich Midzwanziger heute so zu sehnen scheinen, nichts Gutes abgewinnen. Schon sechs Jahre zuvor hat Paul Watzlawick in seinem Bestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“ das beliebte Spiel mit der Vergangenheit mit viel Witz und Ironie aufs Korn genommen. Darin heißt es, dass es leicht sei, sich an die Vergangenheit zu klammern, wenn es in der Gegenwart schwierig wird. Im Endeffekt mache man sich damit aber zwangsläufig unglücklich, weil die Realität niemals mit den verklärten Erinnerungen an früher würde mithalten können.

Auf die abschließende Frage, wie sie die vielen pessimistischen Postings bei Facebook interpretiert, hat Nina eine einfache Erklärung: „Österreicher nörgeln generell sehr gerne. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle unglücklich sind.“

 

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Jolanthe Pantak ist als Redakteurin für mokant.at sowie als Chef-Kritikerin beim Theaterportal theatania.at tätig. Kontakt: jolanthe.pantak[at]mokant.at

4 Comments

  1. sokrates

    9. September 2014 at 10:50

    Erinnert mich ein bisschen an…:
    „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
    (Sokrates)
    🙂

  2. bell

    9. September 2014 at 21:02

    So war es schon immer und wird es immer bleiben. Menschen müssen sich beklagen und vergleichen. Die Realität ist manchmal nicht auszuhalten aber so kann man wenigstens die Vergangenheit schönreden, wenn schon die Zukunft nicht rosig ausschaut…

  3. haus am bach

    10. September 2014 at 17:02

    Ehrlich gesagt tut mir die Jugend von heute ein bisschen leid (obwohl die meisten Jugendlichen im Wohlstand aufwachsen). Denn meine Generation (ich bin schon etwas älter) hatte noch das Ziel vor Augen: „Mir und meinen Kindern soll es einmal besser gehen, als das in meiner Jugendzeit war“. Das beinhaltete viel Motivation fleißig und ehrgeizig zu sein. Heutzutage hat die Jugend schon genug damit zu tun, den unglaublich hohen Lebensstandard, den viele von ihnen gewohnt sind, aufrecht erhalten zu können……. und das bedeutet enormen Druck und ist auch teilweise frustrierend. Wieder mehr Wert auf „alte Werte“ (Ehrlichkeit, Höflichkeit, Respekt vor den Mitmenschen, Fleiß etc.) zu legen wäre deshalb in unserer Gesellschaft unbedingt nötig.

    • bell

      11. September 2014 at 09:14

      Prinzipiell stimme ich Ihnen zu aber: Ihre Generation hat es doch geschafft, dass Ihre Kinder und Enkel heute weniger ‚kämpfen‘ müssen. Es geht ihnen besser als den Kindern und Jugendlichen, die noch mit ihren Eltern in endlos langen Schlangen stehen mussten, um ein paar Würstchen oder Toilettenpapier zu ergattern (eigene Erfahrung). Die gesellschaftlichen Normen und Werte ändern sich immer wieder – Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein, Offenheit und vieles mehr ist heutzutage gefragt. ‚Alte Werte‘, die Sie auflisten, sollten natürlich eine Selbstverständlichkeit sein und mit in die Erziehung einfliessen. Bei der Erziehung meiner Kinder versuche ich diesbezüglich eine Balance zu finden.

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