Crossing Europe ’12: Festivalreport

Mit Linzer Kipferl und Regenschirm bepackt, stürmten zwei Mokant.ler die Festivalstadt.

Tag 1
Vom sommerlich feschen Wien ging es Dienstag Mittag ab in den Westen, der uns einen kalten Empfang bereitete – und dabei sprechen wir nicht vom Buffet. Die Versprechen auf Besseres des Wetterberichtes verinnerlicht, ließen wir uns die Vorfreude jedoch nicht nehmen. Kaum im Pressezentrum angelangt, trafen wir sogleich auf bekannte, wenn auch verregnete Gesichter: die Kollegen von Movienerd.at haben die Lage für uns schon mal ausgecheckt und sogleich stürzten wir uns ins Festivalgetümmel. Frisch mit Ausweisen plakatiert gab es noch eine kleine Stärkung im Gelben Krokodil bevor wir die Eröffnungsveranstaltung im Ursulinensaal crashten, beziehungsweise mit Einladung auftauchten. Unsere Freundschaft zum Festivalbannermodel nach und nach bestärkt, wies er uns den Weg dorthin. Getauft haben wir ihn Crossi und als unseren ständigen Begleiter engagiert. Die Eröffnung, geleitet von Festivalintendantin Dollhofer und FM4-Stimme Keuschnigg, stellte, neben Sponsoren, Förderern und politischen Vertretern, Schlüsselfiguren des diesjährigen Programms vor. Danach gab’s Eintopf (Lamm versus Veggie). Crossis hilfreichem Augenzwinkern (Das typische Cross-Zeichen wiederholt sich auch in seinen samtblauen Augen.) folgend, fanden wir den Weg ins City Kino, wo Catherine und Heathcliff auf der Sturmhöhe auf uns warteten.

„Wuthering Heights“ von Andrea Arnold wird zurecht als Punkverfilmung des Brontë-Klassikers bezeichnet – und das, obwohl Dialog auf ein Minimum und Soundtrack sogar gänzlich reduziert sind. Der über zweistündige Eröffnungsfilm hat uns in seiner kargen Schönheit vereinnahmt, war aufgrund der Reduziertheit jedoch anstrengend. Die Intensität des Schauspiels war atemberaubend, allerdings waren Buchvorkenntnisse sehr von Nutzen. Ohne sie fehlt an gewissen Punkten Kontext. Ebenso wie der Stil war auch die Erzählung als solche reduziert und stellte Körperlichkeit und Landschaft in den Vordergrund. Die Kamera schlich sich oft extrem nah an Details heran und ließ diese Impressionen für den Ausdruck sprechen – stürmisch und doch ein Flüstern.

Zum Abschluss des ersten Festivaltages machten wir einen kurzen Abstecher ins stylische OK-Mediendeck. DJ Mischgeschick mischte geschickt das Festivalpublikum auf – für standfestere Kollegen wahrscheinlich bis in die Morgenstunden. Für uns hieß es: sieben, acht, Gute Nacht.

Heute geleistet: Einen Sitznachbarn dazu inspiriert, mokant.at in seinen Smartphone-Favoriten zu speichern.

Heute gelernt: Linzer Kipferl schmecken in Linz besser.

Tag 2
Knapp aber doch hat es Redakteurin 1 rechtzeitig zum Start von „Apflickorna/She Monkeys“ plus kurzem Q&A mit der bezaubernden Hauptdarstellerin Linda Molin geschafft. Unter anderem wurde eingeräumt, dass die Betitelung des Streifens allen Beteiligten (bis vielleicht auf die Regisseurin) immer noch ein Rätsel bleibt. „Apflickorna“ (in dem Titel steckt wohl irgendwo das Wort „Mädchen“ drin) zeigt ein berührendes Beziehungsgeflecht um zwei junge Frauen, die sich im Rahmen einer Voltegiergruppe kennen und lieben lernen – ein Coming-of-Age-Drama mit schwedischer Leichtigkeit. Obwohl die zwischenmenschlichen Szenen an den richtigen Stellen sehr ruhig konzipiert sind, verliert „Apflickorna“ keine Sekunde an Spannung und Intensität und zeigt somit das verwirrende Gefühlsleben heranwachsender Mädchen so authentisch, dass frau sich oftmals wiedererkennt.

Redakteurin 2 befand sich zur fast gleichen Zeit in Stockton, an der britischen Nordostküste (genau genommen war sie im Linzer Moviemento-Saal 2), und hat den Geschichten des letzten Plattenladens and der Teesside gelauscht. Tom ist der Inhaber von Sound It Out-Records (titelgebend) und ein bisschen urban legend. Seit Jahrzehnten berät er seine Kundschaft mit untrüglichem Gehör – viele der interessanten Individuen, die ihn aufsuchen, sind Stammkunden, die gerne ihre Geschichte erzählen. Eine charmante und beherzte Doku, die die Kraft hat, der aussterbenden Spezies Plattenladen (oder zumindest Tom’s Laden) Auftrieb zu geben.

Linz präsentiert sich dieser Tage wirklich kitschig schön. Sommerliche Temperaturen, Sonne ohne Ende und eine wunderhübsche Altstadt. Da lässt man sich schon mal zu einem Gelato zu viel oder zu einem überteuerten Dinner bitten. Gegen Abend trennten sich unsere Wege wieder und wir verteilten uns auf die Locations City Kino und Kulturzentrum KAPU. Letzteres lag etwas außerhalb und war auch sonst eher ein Geheimtipp unter den Festivalbesuchern.

Das Kapu zeigte die Skater-Doku „Pushed“ von Florian Schneider. Die Skateboardreise ging von Hamburg nach New York City und über Malmö nach Berlin, wobei eher die Ideologie thematisiert wurde als das Fahren selbst. Die Männer, die hier als Protagonisten herausgearbeitet wurden sind auf ihre Weise der Skaterkultur verhaftet und schwören laut eigenen Angaben dem Kommerz ab. Das tun sie auch charmant, jedoch nicht alle ganz glaubhaft: Am Ende des Tages sind sie dann doch alle irgendwie Kunstproduzenten, die ihre Kreationen geldwirksam ausstellen.

Auch „Les fraises de bois/Wild Strawberries“ hält nicht ganz, was er verspricht und enttäuscht auf sehr erfrischende Art und Weise. Im Festivalprogramm als Drama um einen Supermarktangestellten, der knapp bei Kasse ist und daher auch als Callboy jobbt, und einen junge Frau, die (anscheinend) von ihrem Vater geschwängert wurde, beschrieben, entpuppt sich dieses französische Oeuvre als skurrile Dramödie, die zugleich verstörende aber zutiefst erheiternde Szenen hervorbringt. Trotz des doch relativ hohen Unterhaltungswertes war aber leider das Gefühl der Belanglosigkeit nicht wegzubekommen.

Der letzte Programmpunkt des Festivaltages, musste aufgrund (undramatischer) Erkrankung einer Hälfte des Redaktionsduos früher beendet werden als geplant. Ein Stück Marmorkuchen ging sich zum Trost dann aber doch noch aus.

Heute geleistet: Linzer Wirtschaft in teuren vegetarischen Restaurants angekurbelt.

Heute gelernt: In manchen Linzer Kaffeehäusern sind Laptops und Mobiltelefone (auch für wahnsinnig wichtige Redakteurinnen) verboten.

Tag 3
Im City Kino traf man sich heute Vormittag, um mit Alex Fehling im afrikanischen Sumpfgebiet verloren zu gehen. Und verirrt haben wir uns tatsächlich, und zwar im durchnässten Schilfdickicht des soundtracklosen Dramas. Herr Fehling kämpfte sich (nicht ganz so) wacker durch seine Afrikagestrandetheit, komplizierte Bekanntschaften und den verzweifelten Versuch der Rückkehr. So begann unser dritter Festivaltag mit einem Überlebenskampf, der in seiner Direktheit fesselnd, jedoch auch etwas zu ausufernd war.

Die Dichotomie von Jan Zabeils Idee und Umsetzung ist sehr frappant. Der Beginn von „Der Fluss war einst ein Mensch/The River Used to Be a Man“ sieht vielversprechend aus, ein zielloser deutscher Schauspieler schließt Bekanntschaft mit einem immerhin englischsprechenden afrikanischen Zeitgenossen, der ihn auf eine Kanufahrt mitnimmt. Nach dessen plötzlichem Ableben ist Herr Fehling allerdings auf sich alleine gestellt und braucht Tage, um aus diesem nicht enden wollenden Sumpfgebiet herauszufinden. Erleichterung kommt – nicht nur bei ihm, auch für die Zuseher – auf, als ihn ein kleines Dorf aufnimmt. In weiterer Folge stellt sich heraus, dass der Verstorbene der Vater eines Dorfbewohners war, nun zu einem Krokodil geworden sei und Rache an seinen Lieben nehmen wolle. Erneut in Schilfschwaden irrend, eröffnet sich die persönliche Hölle des deutschen Mannes, der schlussendlich doch wieder im Flugzeug heimwärts sitzt. Eine gute Idee macht aber leider noch keinen wirklich guten Film aus. Obwohl die Aufnahmen und Eindrücke des Landes unglaublich eindringlich sind, ebenso wie Alexander Fehlings emotionsgeladene Mimik, bleibt zum Schluss nicht viel mehr als ein großes Fragezeichen im Kinosaal, durchmischt mit einem Anflug von Langeweile.

Ähnlich dramatisch verlief unsere Suche nach der besten Eiscreme. Der nahe gelegene Linzer Hauptplatz als Tor zur lockenden Donaulände bot sich dabei als Recherchelocation mehr als an (wie später die Donaulände als Redaktionsarbeitsort). Nach etlichem Hin und Her, zu welchem euphorisch werbenden Eisverkäufer man sich wohl begeben solle, entschieden sich die Redakteurinnen schließlich für den einzig richtigen und kürten das Mohneis zum absoluten Highlight des bisherigen Tages.

Überraschenderweise konnte das aber anschließend doch noch getoppt werden. Nach einem kurzen Streifzug durch das OK lächelte plötzlich das verlassene, dachterassenähnliche Mediendeck zu verführerisch, um nicht eingenommen zu werden. So ergab sich ein chilliges Redaktions-Stelldichein mit Performance-Livemusik, Sommersonne und Festivalflair abseits und doch mitten im Trubel.

Wieder am Boden der Tatsachen angelangt, trafen wir am OK-Platz auf die bezaubernde Anjela Nedyalkova (aus dem bulgarischen Film „Avé“), die sich gerne auf einen netten kleinen Plausch einließ. Sogar ihr Bedauern über die Deutschsprachigkeit von mokant.at und damit die Ansiedlung außerhalb ihres Lektürespektrum wirkte ehrlich. Sie setzte sich außerdem tatkräftig und charmant für ihre Überzeugung ein und sammelte gegen die Atomkraft – und zwar was immer sie unter die Finger beziehungsweise in ihren Hut bekam. Auch die mokant-Redaktion ließ sich da nicht lumpen, steuerte Kleinigkeiten aus den Handtaschen bei und erweiterte so die skurrile Sammlung. Atomkraft? Nein, danke!

Nach einer kurzen Stärkung aka Falafel ging’s auch schon ab ins britische „Weekend“. Der begehrte Festival-Blockbuster schien das überschaubare City Kino beinahe zu sprengen. Zurecht, wie sich im Laufe der 97 Minuten herausstellte. Andrew Haighs Geschichte um zwei frisch verliebte, homosexuelle Männer, die nur ein Wochenende miteinander verbringen können bevor der eine in die USA abdüst, kommt ohne viel Action und Begleitmusik aus und transportiert dabei unheimlich viel. Man wird im Kinosaal quasi Zeuge der Entwicklung der zarten Bande zwischen den beiden, ihrer Verwundbarkeit und Sehnsüchte und begleitet sie auf der sehr stillen und intimen Reise zu sich selbst, die jede einzelne Minute erlebenswert ist.

Kurzum: ein würdiger Abschlussfilm für den Festivalbesuch.

Ausklingen ließen wir den Abend schließlich im Mediendeck mit wunderschönem Blick über die Linzer Kulturlandschaft und DJ Mushroom im Ohr, während Crossi uns immer noch mit seinen treuen Augen entgegen funkelte.

Heute geleistet: Unter allen Eisverkäufern am Linzer Hauptplatz den besten herausgefiltert.

Heute gelernt: In Botswana nicht ins Kanu eines Fremden einsteigen.

Tag 4
Am vierten und letzten Tag unseres Festivalbesuchs ließen wir die dunklen Kinosäle Kinosäle sein und richteten unsere viereckigen Augen auf einen Teil des Rahmenprogramms. Zwischen Moviemento und Mediendeck im OK zeigen die Artists in Residence Heidrun Holzfeind und Christoph Draeger ihre Ausstellung „Tsunami Architectures“, die erschütternde Wahrheiten der Tsunamiwelle von 2004 im indischen Ozean wieder in Erinnerung ruft. Eine wunderschöne Fotostrecke zeigt Orte, wie sie vor den Verwüstungen aussahen, ebenso wie Menschen, die isoliert am Meeresufer stehen und durch die Umweltkatastrophe alles verloren haben. Es ist ein seltsames Gefühl, diesen Leuten, denen man sonst eigentlich nur flüchtig in der ZIB Beachtung schenkte, so unvermittelt in die Augen blicken zu können. Ein Videoprojekt zog schließlich auch unsere ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden Künstler führten 12 Interviews mit Personen verschiedener Positionen, Ethnien und Gesellschaftsschichten, die direkt mit den Tsunami-Katastrophen konfrontiert wurden. Obwohl sich die Ausstellung nur über ein paar wenige Räume erstreckt, hinterlässt sie einen sehr bedrückenden und doch ästhetischen Eindruck.

„Less is more – less is a bore – I’m a whore“. Gleich nebenan gibt es auch ein Kunstprojekt zu Architektur, allerdings etwas anders konzipiert und in einem Raum aufgebaut. „Yes is More“ prangt an einer Wand und leitet einen Architektur-Comic ein mit Mies van der Rohe als Beginn; ein lustiges und durchaus interessantes Projekt von Bjarke Ingels und BIG, das kurzweilig, zukunftsorientiert und sehr witzig aufbereitet ist.

Nach so viel Kultur machte sich plötzlich ein unbändiges Verlangen nach Mohneiscreme breit, dem wir nicht standhalten konnten. Der Hauptplatz rief ein letztes Mal, und verabschiedete uns sogar mit einem rustikalen Bauernmarkt. Eine letzte Portion Oberösterreich, bevor wir uns wieder ans Kofferpacken machen und von Linz verabschieden mussten.

Liebes Crossing Europe, liebe Veranstalter, lieber Crossi: es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut!

Heute geleistet: das OK bis ins letzte Eck ausgekundschaftet.

Heute gelernt: Philip Johnson is a whore.

 

Co-Autorin des Artikels: Magdalena Reuss (ehem. Redaktionsmitglied)

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.