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KopfhörerInnen 02:
Robyn und Agalloch
Robyn - Body Talk
Body Talk“ ist Endpunkt einer Serie von Mini-Alben und zugleich ein Anfangspunkt für eine mögliche Popkarriere, die Kylie und Madonna in ihrer Altbackenheit und in ihrer immer mehr um sich greifenden Einfallslosigkeit weit hinter sich lässt. Was mit Body Talk I begann und mit Body Talk II und III eine Fortsetzung fand, kulminiert nunmehr in einer Art „Best-Of“, auf der die besten Lieder dieser Serie versammelt sind. Was diese Veröffentlichungen eint ist die Kombination von Tanzbarkeit, Clubtauglichkeit und einem gewissen soundästhetischen Gesamtanspruch.
Wenn Robyn ihre Songs vorträgt, die allesamt in einer besseren Welt potentielle Hits und zum Teil gar Nummer 1 Hits wären, dann kommen diese Popsongs nicht ohne interessante Soundspielereien aus, nicht ohne den Anspruch, den Mainstream-Pop zu erweitern oder ihm zumindest ein paar weitere Facetten hinzufügen. Heraus kommen zum Teil lupenreine Popsongs die zum exzessiven Tanzen anregen, ohne dass man je das Gefühl hat, unter seinem Niveau getanzt zu haben. Hier mag sich sogar der geneigte Indie-Hörer und Musik-Intellektuelle dazu hingerissen fühlen, die eingängigen und süßlichen Refrains zum Besten zu geben, sie lauthals in einem Club mitzugröhlen, ohne dass ihn am nächsten Tag ein Gefühl der Peinlichkeit beschleichen würde.
Die Refrains und die Hooklines bleiben kleben, ohne jedoch aufdringlich zu sein und ohne dass sich der Eindruck aufdrängen würde, dass man es hier mit billigen Versuchen zu tun hätte, einen Hit zu landen, der morgen schon wieder vergessen ist. Man hat immer das Gefühl mehr zu hören, als eine Hitmaschinerie, die Robyn die Lieder perfekt auf den Leib geschrieben hätte. Der Höhepunkt dieser Popsongs für eine bessere Welt ist dabei aber die Stimme von Robyn selbst. Hier ist keine perfekte Sängerin am Werk, sondern eine Frau, die emotional in ihren Liedern aufgeht, sich geschickt dem kühlen elektronischen Sound entgegenstellt und diesen zugleich auch ergänzt. Robyn beschreibt sich in einem Lied als „Fembot“ der Gefühle hat. Im Zweifelsfall siegen diese starken Emotionen immer wieder über die technisch ansprechenden Sounds und Beats. Der Patient Mainstream-Pop lebt, atmet und singt hier wie selten zuvor.
8,5 / 10
Agalloch – Marrow Of The Spirit
Was mit „Ashes Against The Grain“ seinen Anfang nahm, findet in „Marrow Of The Spirit“ seine Vollendung. Und zugleich ist das neue Album der Dark/Black/Doom/Gothic-Metal Helden Agalloch auch eine Abkehr von dem allzu glatten Sound des Vorgänger Albums. Was hier allerdings seine Vollendung findet ist eine ehemalige Black-Metal Band, die sich einer Vielzahl an Einflüssen und anderen Stilrichtungen aussetzt und öffnet, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren oder ihren ureigenen Klangkosmos aufzugeben. Hier wird aufs Feinste Black-Metal mit Folk, Post-Rock und 70er-Jahre Soundspielereien verwoben. Man merkt diesem Konglomerat seine Zusammensetzung niemals an, das Gesamtergebnis klingt an keiner Stelle bruchstückhaft, man kann die Einflüsse und die verschiedenen Herkünfte der Sounds nur auf Papier beschreiben.
Im Hörprozess selbst ist das Erlebnis eine Band auf einem solch hohen technischen und musikalischen Niveau zu hören viel zu eindrucksvoll. Die Hörer haben es hier mit einem absolut stimmigen, kohärenten Soundgebilde zu tun, das an mehren Zeitpunkten in seiner Atmosphäre und in seiner klanglichen Vielfalt an die Band Wolves In The Throne Room erinnert, obwohl die Raserei der Wolves bei Agalloch weniger im Zentrum steht. „Marrow Of The Spirit“ ist eine in sich ruhende, zwar kühle aber niemals eiskalte Platte, die den Hörer niemals allein in den kalten und eisigen Wäldern von Norwegen zurücklässt. Dieses Album ist vielmehr ein Trost spendender Rückzugsort und im Gesamten weniger lebensfeindlich, sondern erzählt auch auf der narrativen Ebene von einer Heilung, von jemanden der zurück ins Leben findet.
So ist die Grimmigkeit der Stimme und die klangliche Kälte der Platte, die im übrigen auf völlig analogem Weg aufgenommen wurde, nur ein Weg, der zur Idylle hin- und zurückführt. Ähnlich wie das Album „Two Hunters“ von Wolves In The Throne Room mit Vogelgezwitscher endet, steht dieses hier am Beginn der Platte. Hinter all dem Gekeife, den Blastbeats und elegischen, melancholischen Klängen, wartet letztlich eine Welt oder auch ein Zustand auf einen, der vielmehr sanft und warm umschließen als verschrecken soll oder gar die Lebensfeindlichkeit einer postmodernen Gesellschaft angreifen will, auch wenn dieser warme und wohlige Ort durchaus der Sarg sein könnte. Dass diese Antwort aber offen bleibt und es auf alle Fälle Möglichkeiten gibt sich andere Lösungen des Überlebens auszudenken, ist der eigentliche Verdienst dieser großen Platte. Das Überleben und das Überstehen dieses Winters ist mit diesem wunderbaren Album jedenfalls vorerst gesichert.
9,0/10
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