23. Juni 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „Die Kunst, Chanel zu sein“

mokant.at > foto: jelena cavar
Karl und Coco: zwei Genies prägen die Modewelt

„Die Kunst, Chanel zu sein“ von Paul Morand und „Karl“ von Paul Sahner

 

Zwei Menschen, Genies, würden manche meinen, die in Frauen eine neue Sehnsucht geweckt und die Welt der Mode revolutioniert haben - mokant.at blättert die Biographien dieser beiden sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten auf: Coco Chanel, die große Märchenerzählerin, und Karl Lagerfeld, der wenn es um seine eigene Geschichte geht, sich plötzlich ganz wortkarg gibt.
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„Die Kunst, Chanel zu sein – Coco Chanel erzählt ihr Leben“
So geradlinig und puristisch wie der Stil der französischen Designerin anmutet, so gegenteilig war ihre exzentrische und vielschichtige Persönlichkeit. Dieses wunderbare und mit vielen Bildern beschmückte Buch, aufgezeichnet von ihrem langjährigen Freund Paul Morand, belehrt den Leser über den Mythos einer der faszinierendsten Figuren des 20. Jahrhunderts. Coco Chanel transportiert ihre zeitlose Eleganz durch die Sprache, ihr individueller Stil prägt sie seit Kindheitsbeinen. Bei Kindheitserinnerungen kokettiert sie mit Unwahrheiten, um ihnen eine gewisse Dramatik zu verleihen.

Zuweilen überrascht es wenig, dass die stilistisch gesehen prägendste Modeschöpferin ein Workaholic war. Zuerst wollte sie Sängerin in den Moulins – wo der Name Coco hängen geblieben ist – werden. Von ihrem Hutgeschäft in der Wohnung ihres Freundes Étienne Balsan schafft sie es schließlich zur ihrer eigenen Boutique in Beauville, dies allerdings mithilfe von Arthur Capel, den sie als „die Liebe ihres Lebens“ bezeichnet. Coco Chanel lebte ein Leben voller Selbstständigkeit und harter Arbeit vor. Dieser glanzvolle Luxus, der mit ihrer Person stets in Verbindung gebracht wird, ist nur die Frucht dessen.

„Ich habe Kleider gemacht, hätte auch allerlei anderes machen können. Es war Zufall. Ich habe nicht die Kleider geliebt, sondern die Arbeit. Ihr habe ich alles geopfert, sogar die Liebe. Die Arbeit hat mein Leben aufgefressen.“

 

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„Karl“ von Paul Sahner
Wer Coco sagt, muss auch Karl sagen. Wer Lagerfeld buchstabieren kann, der kann das Chanel-ABC ohnehin schon mehr als auswendig. Coco und Karl, das ist Mode, Muse, gewissermaßen Exzentrik pur. Chanel und Lagerfeld, das ist groß und klingend. Zwei Mode- und Inszenierungskünstler eines Modehauses in zwei doch so unterschiedlichen Zeitzeugnissen.

Denn Karl Lagerfeld hat im Gegensatz zu Coco Chanel ein ungleich pragmatischeres Verhältnis zu seiner Kindheit und Jugend – schnörkellos, ohne jegliche Sentimentalitäten im Sinne einer stoischen Form von Mythenbildung berichtet er widerwillig, denn wen, bitteschön, soll das denn auch interessieren? Und recht hat er.

Wiedergeburt nach Pferdetritt?
Paul Sahner, ein Routinier des deutschen Boulevardjournalismus (Schlagwort: Bunte) befleißigt sich der biographischen Akkuratesse, was im Falle Lagerfelds aber eher in einer Fleißaufgabe denn als Herleitungshistorie eines Exzentrikers resultiert. Dass Lagerfeld sich nicht in die Karten schauen lässt, müsste ihm sowieso im Vorhinein klar gewesen sein. Biographische Details (Betonung auf „Details“), Interviews, Fotos und Geschichtsstunde wechseln einander ab um das Deluxe-Bändchen zu füllen.

 

schirmer-graf.de

Zuweilen fragt man sich, ob dem Interviewpartner die Fragen ausgegangen sind und er den falschen Spickzettel mit Notfallfragen gezückt hat (mein persönliches Lektüre-Highlight: „Sind sie schon mal getreten worden von einem Pferd?“). So befragt er Lagerfeld nach seiner Meinung zum Klonen oder zur Wiedergeburt und schafft es auf ganzen 450 Seiten kein einziges Mal dem sonst so vor Aphorismen sprudelnden Lagerfeld ein brauchbares Bonmot zum Weitersagen zu entlocken. Und das Kapitel „Mode“, wäre ja irgendwie nahe liegend, wird ohnehin nur peripher behandelt. Ganz Bunte stehen die Meinung zu anderen Prominenten und die Beziehung zu Adelshäusern im Vordergrund.

Zu Tisch mit Cocos würdigem Nachfolger

Man fragt sich: Warum hat Karl Lagerfeld sich darauf eingelassen? Vielleicht weil Paul Sahner die biographischen Mienenfelder umtänzelt und ihn nie herausfordert? Oder weil er einfach ein netter Zeitgenosse ist, mit dem man gerne beim Abendessen über dieses und jenes plauscht? Dennoch, das Buch werde ich mit größter Freude ein zweites Mal lesen. Selbst wenn Lagerfeld von Trockenshampoo und den Fugen in seinem Marmorbad erzählt, blitzt sein brillanter Geist zwischen den Zeilen durch und man kann sich, dank minuziöser Schauplatzbeschreibung, gut vorstellen, wie es wäre, mit ihm am Tisch bei Cola Light und Rohmilchkäse zu sitzen.

 

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