Aufgeblättert: „Sehnsucht nach dem Vater“
„Sehnsucht nach dem Vater“ von Lothar Schon
Seit einigen Jahren hat es sich eingebürgert nicht bloß einmal im Jahr das brave Kind zu mimen und bloß den zweiten Sonntag im Mai fürs Frühstückmachen zu opfern. Nein, nun heißt es auch im Juni in aller Frühe Kaffee kochen und Marmeladebrote schmieren. Denn vorbei sind die Zeiten in denen es ausgereicht hat der Mutter seine Dankbarkeit für ihre Aufopferung zu zeigen, nun wollen auch Väter für ihre Mühen belohnt werden: Der Vatertag setzt sich immer mehr durch. Allerdings bekommen zahlreiche Kinder erst gar nicht die Gelegenheit ihre Liebe zum männlichen Elternteil zum Ausdruck zu bringen, denn sie wachsen ohne Vater auf. So gesehen ist dieser Tag für viele Männer eine Gelegenheit sich ihre Vaterschaft ins Gedächtnis zu rufen und den einen oder anderen Gedanken an die von ihnen in die Welt gesetzten Sprösslinge zu richten. Tiefgründige Gedanken zu diesem Thema hat sich der Psychoanalytiker Lothar Schon gemacht und präsentiert sie dem Leser in seinem Buch „Sehnsucht nach dem Vater. Die Psychodynamik der Vater-Sohn-Beziehung“.
Vater werden ist nicht schwer …
Welche Folgen hat es für Jungen ohne Vater aufzuwachsen? Entwickeln sich vaterlos groß gewordene Jungen anders als diejenigen, die mit Vater leben? Brauchen Pubertierende das männliche Familienoberhaupt als Rollenmodell um angemessene Verhaltensweisen für das Erwachsenenalter zu erwerben? Können Mütter die Rolle beider Elternteile übernehmen und den Vaterverlust ausgleichen? All diesen Fragen geht Lothar Schon auf den Grund um sie mithilfe der Entwicklungspsychologie Psychoanalyse zu beantworten.
Die Besonderheit des Buches liegt darin, dass sich der Autor nicht wie viele vor ihm nur mit der Zeit der Kindheit und Jugend auseinandersetzt. Er beginnt seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der vorgeburtlichen Phase und analysiert die Beziehung zwischen Vater und Sohn bis ins hohe Erwachsenalter. Dieser theoretische Teil umfasst lediglich das erste Drittel des Textes, den größten Raum nehmen Fallgeschichten von Jungen und erwachsenen Männern ein, die aus verschiedenen Gründen ohne ihre Väter leben oder groß geworden sind. Dieser Zugang vermittelt auf anschauliche und einprägsame Weise unterschiedliche Aspekte von Vaterlosigkeit und ermöglicht auch Lesern ohne psychologische Vorkenntnisse ein tiefgehendes Verständnis der entwicklungspsychologischen Theorie. Zu guter Letzt verabsäumt Lothar Schon nicht sich dem Thema des abwesenden Vaters aus gesellschaftlicher Perspektive auseinanderzusetzen. Dieses abschließende und äußerst kurze Kapitel gibt lediglich einen flüchtigen Überblick über die wissenschaftliche Beschäftigung mit Vaterlosigkeit in der Psychologie und Psychoanalyse seit Ende des Ersten Weltkrieges bis in die Gegenwart. Zwar ist es nicht das Hauptanliegen des Autors die sozialpsychologische Seite der Problematik zu beleuchten, dennoch hätten es gerne ein paar Seiten mehr zur gesellschaftlichen Relevanz des Themas sein können.
Eine Gesellschaft auf der Suche nach Vätern
Lothar Schon ist mit „Sehnsucht nach dem Vater“ ein gutes Übersichtswerk über die in der Vergangenheit vielfach unterschätzten Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung gelungen. Das Buch sei nicht nur betroffenen Söhnen oder Vätern ans Herz gelegt, sondern auch all jenen, die an einem differenzierteren Verständnis der Bedeutung der Vaterfigur über die Lebensspanne hinweg Interesse zeigen. Ohne Vater mögen viele Kinder aufwachsen, aber eine Beziehung zu diesem manches Mal gänzlich unbekannten Mann entwickeln alle. Bei einigen wird sie ausschließlich von Vorstellungen und Phantasien, wenn keine Erfahrungen als Basis zur Verfügung stehen, gespeist. „Die Krise der Familie dauert an und schreitet fort, ohne dass bisher ernstzunehmende Alternativen an die Stelle dieser Keimzelle der Gesellschaft getreten wären. Einstweilen müssen wir uns damit begnügen, uns als Einzelwesen ebenso wie als Gesellschaftsmitglieder mit unserem Gewordensein auseinanderzusetzen, davor nicht die Augen zu verschließen und das Beste daraus zu machen. […] Wenige von uns können dabei auf das Vorbild eines Vaters zurückgreifen, der uns gezeigt hätte, wie eine solche hilfreiche Auseinandersetzung aussehen kann.“
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Lothar Schon im Klett-Cotta Verlag
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