Der Untergang der Kunst
mokant.at Rezension:
Die VIENNAFAIR Messe 2011
Heutzutage ist bekanntlich jeder ein Künstler. Der Begriff hat sich über die Jahre gedehnt und es geht primär viel mehr darum, etwas Neues aus dem Nichts zu schaffen, als sein Können auf einem bestimmten Gebiet unter Beweis zu stellen. Doch bloß weil jemand ein sogenannter „Künstler“ ist, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch ein Meister seiner angeblichen Fähigkeiten ist. Zum Beispiel machte ich auf dem Vienna Fair die Bekanntschaft eines Kunstvertreters, der seinen Auftraggeber in den höchsten Tönen pries, nachdem ich auf eines der Bilder zeigte und fragte, was das denn genau darstellen solle. Für mich sah es nämlich mehr danach aus, als hätte jemand vier Leinwände kreisförmig verbrannt und diese dann aufgehängt. Auf meine Frage hin ist mir lang und breit erklärt worden, was sich der Künstler bei der Entstehung seines Werks gedacht hatte - hätte die Erklärung nicht daraus bestanden, dass die Leinwände auf den Herd gelegt worden waren um kreisförmige, zugegebenermaßen recht hübsche, Verbrennungen zu erzeugen. „Das ist etwas, das kann ich nebenbei beim Kochen machen“, dachte ich mir still und bedankte mich höflich.
Einige der Eindrücke, die bei der Viennafair gesammelt werden konnten waren jedoch auch durchaus positiver Natur. Hanna Nitsch zum Beispiel, die hauptsächlich Kinder in einem an Seidentücher erinnernden Stil malt, scheint zu wissen, was sie da tut. Aus der Ferne sehen die großformatigen Bilder aus wie bearbeitete, verschwomene Fotografien, doch bei näherer Betrachtung merkt man, dass sie tatsächlich gemalt sind, die Farben ineinander rinnen und so einen bemerkenswerten Effekt erzeugen, der dazu zwingt, sich wieder ein paar Schritte wegzubewegen und einen zweiten Eindruck einzuholen. Trotz der eigentlich fröhlichen Motive kommt immer wieder etwas leicht Verstörendes hinzu. Ein Bild zeigt beispielsweise ein Mädchen, das ein Reh umarmt, doch die heiteren Rosatöne, die Nitsch sonst gerne in ihren Bildern verwendet, fehlen. Es geht ein kalter Hauch durch die Szenerie, beinahe sieht es aus als würde ein Gewitter aufkommen. Das nackte Mädchen umfasst das schutzbietende Reh, doch muss der Betrachter feststellen, dass der Rehkopf abgetrennt ist und das Mädchen völlig verlassen.
Are you a tourist or a traveler?
Ermüdet
von so vielen, nicht stimmigen Stilrichtungen beschloss ich mich nach
zwei Stunden beim „Dyalog – Art From Istanbul“ hinsetzen, um zu
verschnaufen und um meine Augen, in denen die Bilder nur so flackerten, zu
entspannen. Vor allem die linke Seite der Halle hatte sehr viel Mühe
und Ausdauer gekostet. Dort waren hauptsächlich Installationen
angebracht. Die meisten schienen von ein und demselben gelangweilten
Unterstufenschüler mit Schere und Papier gemeistert worden zu sein.
Generell hatte das Viennafair viel von einem Elternabend, bei dem
Kunstvertreter mit stolz geschwollener Brust die Errungenschaften ihrer
Kinder lobten.
Der „Dyalog“-Stand glich zwar bis zu einem gewissen Grad einem Informationsstand, jedoch war ein ganzer Teppich von Fotos darauf angesiedelt, was die Einschätzung enorm schwierig machte. Ein Stapel Bücher mit dem ansprechen Titel „Are you a tourist or a traveler?“ war ebenfalls vorhanden. „Gute Frage“, dachte ich und sah mich um. Weit und breit stand niemand, der diesen Kunststand bewachte, ein ungewöhnlicher Umstand auf der Viennafair, auf der es ein Ding der Unmöglichkeit war, einen Künstler ausfindig zu machen, jedoch alle paar Meter auf einen Kunstvertreter traf. Der Bücherstapel machte einen so penibel ordentlichen Eindruck, dass ich mich fragte ob mir jemand auf die Finger hauen würde, wenn ich mir jetzt eines davon nehmen würde und ich als Kunstdiebin in die Geschichte eingehen würde.
Der Stapel entpuppte sich schlussendlich als Teil eines gewöhnlichen Infostandes, doch die Aussage, die sich daraus entfaltete, blieb nachhaltig bestehen. Bei moderner Kunst geht es nicht selten darum, kosteneffizient etwas zu erschaffen, das bisher noch nicht da war, um das besagte Kunstobjekt dann für eine angemessene Summe wieder loszuwerden. Wenn bei einer Kunstmesse jedoch ein Informationsstand von mehr als einer Person mit einem, von einer rennomierten Gallerie stammenden, Kunstwerk verwechselt wird, so sollten sich die Veranstalter eventuell fragen, ob nicht womöglich etwas schief läuft.
Link dazu ...
Viennafair 2011: International Contemporary Art Fair
Rezension von
Fotos:
Denisa Lehockà /Gandy Galler; Mario Mauroner/Contemporary Art Salzburg; Galerie Robert Drees, Hannover/ Hanna Nitsch; Distrito 4 Contemporary Art Gallery, Madrid
Titelbild: Le Guern Gallery, WarschauMartaDeskur, Sister Picolina, 2010, Photography, lambda print





















































