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Merle Hilbk begibt sich auf einen Roadtrip ins Herz des Sperrgebiets

„Tschernobyl Baby. Wie wir lernten, das Atom zu lieben“ von Merle Hilbk

 

Nach der kürzlichen Katastrophe in Japan ist die Furcht vor der atomaren Strahlung hierzulande ins Unermessliche gestiegen. Ein Vierteljahrhundert ist der Super-Gau in Tschernobyl schon her und noch immer sind die Konsequenzen sichtbar, die Sperrzonen unverkenntlich gezeichnet von der Zerstörung, die in den vergangenen 25 Jahren weltweit 1,44 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Doch in den Dörfern, die sich unmittelbar in der Sperrzone um Tschernobyl befinden, scheint die Angst weitaus weniger präsent zu sein als hier. Während wir eifrig protestieren und an jedem zweiten Rucksack ein Anti-Atomkraft-Button getragen wird, veranstaltet eine staatliche Agentur in der Ukraine Ausflüge zum berühmten Kernreaktor. Beliebt unter den westlichen Touristen, die bereit sind, eine ganze Stange Geld dafür hinzublättern, sind der obligatorische Besuch der Hauptstadt mit Shoppingtour und Sightseeing sowie der darauffolgende All-inclusive-Ausflug in das Sperrzonengebiet. In ihrem Buch „Tschernobyl Baby“ beschreibt Merle Hilbk was es genau mit dem Mysterium Tschernobyl auf sich hat. 2009 und 2010 reiste die freie Journalistin durch die verstrahlten Gebiete in Weißrussland und der Ukraine bis hin zum Reaktor und machte sich selbst ein Bild davon. Ihre weißrussische Freundin Mascha, die als „Tschernobyl Baby“ im Jahr 1986 geboren wurde, begleitete sie auf dieser ungewöhnlichen Reise durch die morbide Schönheit einer entfremdeten Welt.

 

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Sonntagsausflug zum Reaktor

Kaum zu fassen, die Vorstellung an einen solch unheiligen Ort zu reisen, der seinerzeit für so viel Wut und Furcht verantwortlich war, doch Merle Hilbk stellt sich der Aufgabe und macht sich, mit einem Geigenzähler bewaffnet, auf den Weg ins Sperrgebiet. „Drinnen ist die düstere Terra incognita, um die sich die wildesten Mythen ranken: Dort sollen Hirsche mit Riesengeweihen geboren werden, Wölfe mit sechs Beinen und Fische, die ein Angler aus eigener Kraft gar nicht aus dem Wasser ziehen kann.“ Doch als sie ankommt ist der Ort viel weniger mysteriös, als sie angenommen hat – fast schon eine Enttäuschung.
Die Journalistin erklärt, dass nach der Auflösung der Sowjetunion die Sperrzone auf dem Terrotorium zweier Staaten liegt, die damit offensichtich kontroverses vorhaben. Denn während Weißrussland das das Gebiet in „Radioökonomisches Schutzgebiet“ umtaufen ließ und versucht möglichst von dem Wort „Radioaktivität“ abzulenken, entdeckte die Ukraine, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt und organisiert offizielle „Zonentouren“. Die Mitarbeiter der Agentur sorgen dafür, dass Besucher nur dorthin geführt werden, wo sie nicht Gefahr laufen mit „Hautausschlag, Haarausfall oder impotent“ zurückkehren. Wer will kann sich sogar vor dem Skelett des Reaktors fotografieren lassen. „Nur ein Mäuerchen, durchbrochen von einem Gittertor, trennt den Parkplatz vor dem Denkmal vom havarierten Block. Ein perfekter Ausflugsspot, vor aber eine Eins-a-Foto-Kulisse[...]“. „Unspektakulär“, fasst Hilbk anfangs zusammen, für sie ist das nur „eine viel fotografierte Unfallstelle“. Doch als sie auf dem großen Platz an der „Straße der Helden von Stalingrad“ steht und sich daran zurückerinnert wie sie die damalige Bedrohung mit Melancholie miterlebte, die sich plötzlich und ohne Vorwarnung in Realität verwandelte, kann sie sich, trotz des gefährlich flimmernden Geigenzählers nicht rühren – so sehr fühlt sie sich, obwohl weder hier geboren, noch gelebt, von diesem Ort geprägt.

 

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Mit dem Ohr auf der Schiene der Geschichte
Maschas Leben hingegen wurde auf eine ganz andere Weise von dem Reaktor beeinflusst. Ihre Eltern hatten kaum 20 km entfernt gewohnt – ein Umstand, der es ihr damals, im Kindesalter, ermöglichte nach Deutschland zu kommen und für einen Monat bei einer Gastfamilie unterzukommen. Als sie Merle Hilbk, die sie heimlich Lara nennt, zufällig in der Kantine ihrer Schule trifft wundert sie sich sehr, wieso Lara, die doch nicht einmal hier gelebt hat, sich so sehr für den Kernreaktor interessiert und beschließt schließlich sie ins Sperrgebiet zu führen. Auf diese Weise bekommt die Autorin die Gelegenheit mit Maschas Verwandten, die sich noch an die Katastrophe erinnern können, zu reden. „Tschernobyl Baby“ hat etwas von einem Roadmovie, gesprenkelt von einigen, durchaus interessanten und aufschlussreichen Dialogen, die uns einen Einblick in die Zustände um den Unglücksreaktor geben, beherrscht jedoch von ewig langen, historischen Ausschweifungen, die mit der Zeit heftig am Lesevergnügen zerren. Abwechselnd erzählen Mascha und Lara in der Ich-Perspektive von ihren Eindrücken, Hoffnungen und der gewagten Reise, die sie beide verbindet. „Tschernobyl Baby“ ist ein Buch für jene, die es nach einem mundfüllenden Schluck Geschichte dürstet sowie nach aufregenden Erlebnissen, erzählt von den Menschen, die am nahesten dran waren, als der Reaktor in die Luft ging.

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