KopfhörerInnen XVIII: Britney Spears, The Lonely Island
KopfhörerInnen 18:
Britney Spears und The Lonely Island
Britney Spears - Femme Fatale
Mit „Femme Fatale“ veröffentlicht Britney Spears im Mai diesen Jahres ihr bereits siebtes Pop-Album auf Jive Records, dem labelgewordenen Mekka des 90er-Pops, welches neben Spears auch hinter Künstlern wie den Backstreet Boys oder N'Sync steht. Für MusikhörerInnen die in den späten 80er beziehungsweise den frühen 90ern geboren wurden, war es großteils unausweichlich Zeit ihrer musikalischen Sozialisation regelmäßig die Wege der jeweils aktuellen Jive-Veröffentlichung zu kreuzen. Und wenn dies nicht engumschlungen in der schwummrigen Schilager-Disco passierte, so begegnete man der Reihe an Single-Auskopplung zumindest auf Radio- und Fernsehkanälen.
Als Musikliebhaber ist es beinahe nicht möglich, nicht über das neue Britney Spears-Album zu sprechen, bietet und bot ihr Werk, das stets in der Gunst der gerade angesagten Musikstile stand, doch ein Spiegelbild des vergangenen chartmusikalischen Jahrzehnts. Kurz ausgedrückt heißt das: Hört man das aktuelle Britney Spears-Album, weiß man, was es in der Popwelt geschlagen hat, auch ohne sich mit den aktuellen Charts beschäftigt zu haben. „Femme Fatale“ schlägt dabei geduldig stets in die selbe Kerbe des gerade aktuellen Elekropops (vergleiche dazu Ke$ha, Katy Perry, Lady Gaga, etc.), der unaufregender doch auch unproblematischer nicht sein könnte. Zusätzlich bedient es sich großzügig am gerade sich überschlagenden Dubstep-Hype und dem aktuellen Verständnis für Autotune behandelte Gesangseinlagen.
Die Singleauskopplung „Hold it against me“, für die laut Songwriter ursprünglich auch Katy Perry im Gespräch war, die jedoch schließlich an Britney Spears weitergereicht wurde, kann dabei als repräsentativ für das gesamte Album gesehen werden. Außer klassischen „4 to the floor“-Tanzbeats, großteils aus vier Akkorden gestrickte Songs und einem relativ offensichtlichen Defizit an Tiefe der textlichen Leistung, hat das Album nicht viel zu bieten. Es wäre übertrieben diese Feststellung als überraschend zu bezeichnen, doch bleibt die Miteinbeziehung von anderen Musikern wie will.I.am (Black Eyed Peas) oder Travis Barker (blink-182, +44, Transplants) verwunderlich. Der Beitrag von will.I.am auf „Big Fat Bass“ geht angesichts der übrigen Stumpfsinnigkeit des Liedes entschieden unter und einen langweiligeren Schlagzeug-Beat als auf „Don't Keep Me Waiting“ hat Travis Barker in seiner Karriere wohl noch nie getrommelt. Die Featurings zu den jeweiligen Titeln mögen somit allenfalls eine optische Aufwertung darstellen, musikalisch betrachtet bleiben sie großteils unerheblich.
„Femme Fatale“ ist genau wie man sich ein neues Album von Britney Spears erwartet hätte: Sicherlich nicht das schlechteste, doch auch keines der besseren Pop-Alben der jüngeren Musikgeschichte. Es bleibt somit bei seinen Leisten und bleibt weiterhin das, was Spears-Alben meistens waren: Gebrauchsmusik mit dem Zweck kurzzeitig Chartlisten anzuführen und die mit jedmaligem Hören zumindest etwas weniger anstrengend wird. Abgsehen davon taugt das Album höchtens für die wochenenddliche, alkoholbetäubte Tanzeinlage.
4,2/10
The Lonely Island - Turtleneck & Chain
(VÖ: 10.05.2011, Universal Republic)
Comedy ist eines jener heiklen Dinge im Musikbusiness, das sich nur in äußerst seltenen Fällen als genial erweist, wenn sie dem Gesamtkonzept eines Albums zugrunde gelegt wird. The Lonely Island haben es mit ihrem zweiten Album „Turtleneck & Chain“ leider nicht geschafft sich auf diesem schmalen Grat zurechtfinden und das Level ihres Debutalbums merklich steigern zu können.
„Turtleneck & Chain“ erinnert an eine verkaufskräftige, weil international verständlichere und im Zeitgeist der derzeitigen massentauglichen Radiomusik (i.e. Hip-Hop/R'n'B) gehaltenen, Otto Waalkes-Platte. Jedoch ohne dessen Liebe zum Detail oder dessen Zeitlosigkeit. The Lonely Island bedienen sich im Prinzip durchgängig nur des Mittels des Verfremdungseffektes. Humoristische Texte (meistens über Masturbation, die Banalitäten des Alltages, Masturbation, absurde Begebenheiten und Ideen, die eigenen Schwächen, Masturbation) werden mit Musik unterlegt, die ansonsten stets mit selbstbewussten Texten im Stil gängiger Popsongs konnotiert ist. Auf Youtube wurde dieses Konzept besonders von Songwriter Jon Lajoie umgesetzt, der es auch ohne Beteiligung diverser Weltstars schaffte, The Lonely Island in Witz, Einfallsreichtum und songwriterischem Gespür überlegen zu sein.
Um einen solchen Witz auf einer CD über eine Dauer von knapp 40 Minuten aufrecht zu erhalten, fehlt The Lonely Island hier leider die optische Dimension. Prinzipiell wäre es eher besser gewesen „Turtleneck & Chain“ als DVD zu veröffentlichen, da die einzelnen Songs mehr wie Kurzgeschichten funktionieren und schließlich auch in ihren Beiträgen zu Saturday Night Live verwurzelt liegen. Es wird kein wirklich griffiger Stream of Consciousness erzeugt oder ein tieferer Gedanke entwickelt, es wird viel mehr eine Handlung nacherzählt, die sich mit einer optischen Dimension oft besser machen würde. Das Album beginnt sich bereits nach dem fünften Song zu ziehen, obwohl die Songs mit einer durchschnittlichen Länge von unter drei Minuten ohnehin deutlich unter der an sich schon relativ kurzen Aufmerksamkeitsspanne gängiger Pop-Alben liegen.
Auch ohne den Spiesser geben zu müssen, kann eingeräumt werden, dass die Skits zwischen den Songs grottenschlecht und ausgelutscht sind. Witze über Masturbation und sonstige sexuelle Anspielungen sind auf unzähligen anderen Alben schon deutlich besser und amüsanter umgesetzt worden. Nach Bands wie der Bloodhound Gang und blink-182 müssten The Lonely Island schon mit etwas Innovativerem aufwarten, um sich auf diesem Sektor hervortun zu können.
Fairerweise muss dem Album zugutegehalten werden, dass sich immer wieder die eine oder andere positive songtechnische Leistung finden lässt. „Motherlover“, „I Just had Sex“ oder das titelgebende „Turtleneck & Chain“ sind solche Beispiele. Denn grundsätzlich kann gesagt werden, dass die positivsten Stellen des Albums jene sind, in denen die rein musikalischen und stimmlichen Aspekte auch losgelöst vom textlichen Inhalt überzeugen können. Rihannas Gesangsperformance auf „Shy Ronnie 2: Ronnie & Clyde“ oder Justin Timberlakes und Akons Beiträge sind einige der eher seltenen Lichtblicke des Albums. Eine weitere positive Überraschung ist das musikalische Fundament zu „Turtleneck & Chain“, das an dieser Stelle wohl in Snoop Doggs Mitwirken begründet liegt. Doch letztendlich gelingt es The Lonely Island nicht ein Album zu veröffentlichen, das wie
die Platten von Tenacious-D gleichzeitig durch Witz und musikalische
Leistung überzeugen können.
Kurz gesagt: Es hätte „Turtleneck & Chain“ als CD wirklich nicht gebraucht. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen einfach weiterhin die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen und vom Tonträgerregal schlichtweg die Finger zu lassen. Denn was grandios in Youtube-Videos funktioniert, muss es nicht unbedingt durch die Stereoanlage im Wohnzimmer tun.
3,5/10
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Rezensionen von
Bilder von Jive Records/SONY, Universal Republic





















































