KopfhörerInnen XVII: Panda Bear
KopfhörerInnen 17:
Panda Bear
Panda Bear – Tomboy
(VÖ: 29.04.2011, Paw Tracks/Indigo)
Noah Lennox, der hinter dem Künstlernamen Panda Bear steht, ist Mitglied von Animal Collective, die mit „Merriweather Post Pavillon“ ein Album veröffentlich haben, das vielen als das „Pet Sounds“ der 00er Jahre gilt. Seit man „Person Pitch“, das Vorgängeralbum von „Tomboy“ gehört hat, kam man darüber hinaus zur Feststellung, dass es wohl Noah Lennox sein würde, der für die starken Beach Boys Einflüsse zuständig ist. Avey Tare, das andere entscheidende Mitglied bei Animal Collective, wäre dann wieder in einem anderen Kontext, nennen wir ihn den Beatles-Kontext, der eher ungeliebte Paul McCartney, der zwar vielleicht zum Teil die besseren Songs schreibt, jedoch weit hinter der Coolness und songwriterischen Raffinesse eines John Lennon anzusiedeln ist.
Wobei sich wiederum die Frage anschließen müsste, warum man überhaupt das Album von Animal Collective mit „Pet Sounds“ vergleichen muss, wenn es doch mit völlig anderen Mitteln arbeitet, es die Repetition zum Stilmittel erhebt, die auf „Pet Sounds“ in dieser Form überhaupt keine Rolle spielt. Auf „Pet Sounds“ findet man subtile, feingliedrige und stark ausformulierte Pop-Kleinoden, während auf „Merriweather Post Pavillon“ die Songs zum Teil immer noch Andeutungen bleiben und teilweise auch unter der Vielzahl der Sounds, Geräusche und Einflüsse ertrinken. Überforderung wird dort zum Stilmittel erhoben, die Ästhetik ist eine Ästhetik der Fülle und Überfülle. Doch außerdem stellt sich die Frage, wenn man Noah Lennox aus dem Animal Collective Universum herauslöst und ihn schon zum Brian Wilson machen möchte, ob dann „Tomboy“ sein „Smile“ ist, also das Album, an dem er scheitert, zerbricht, letztlich dem Wahnsinn verfällt. So war es lange Zeit tatsächlich Teil der popkulturellen Spekulation dies anzunehmen, nachdem sich „Tomboy“ immer und immer wieder verspätete, verschoben wurde, überarbeitet werden sollte und letztlich dann doch noch erschienen ist bzw. offiziell erst erscheinen wird.
Nun muss man in einer Kritik genau gegen diese übergroßen Schatten antreten und „Tomboy“ attestieren, dass nichts davon zutrifft bzw. die Platte zeigt, dass die oben getätigten Spekulationen nur in die Irre führen. Noah Lennox ist nicht Brian Wilson, auch keine zeitgenmäße Ausgabe von ihm, dazu fehlt ihm schlichtweg das musikalische Verständnis, das dieser hatte und das es ihm ermöglichte die Popmusik der klassischen Musik näherzubringen. Wer sich „Smile“ anhört wird merken, dass hier eigentlich keine Popmusik mehr gespielt wird, sondern eine Musik, eine Kunstmusik, die über eine ausgeprägte Motivik verfügt, die man ansonsten eher in der klassischen Musik findet.
Die Platte selbst gleicht einer Symphonie, die immer wieder musikalische Themen aufgreift, diese variiert, mit diesen spielt. Nichts davon findet man auf dem Meistwerk „Person Pitch“, in dessen Schatten „Tomboy“ steht. Auf „Person Pitch“ wird deutlich, dass Noah Lennox kein musikalisches Genie ist, aber ein genialer musikalischer Bastler, jemand, der einzigartig mit Samples und Sounds umgehen kann. Die Revolution der Musik von Panda Bear besteht nicht darin, dass sie ein neues harmonisches Vokabular zur Verfügung stellt, neue Harmonien gebiert und neue musikalische Strukturen hervorbringt, sondern darin, mittels neuartiger und innovativer Produktionstechnik erstaunliche Ergebnisse hervorzubringen. So war „Person Pitch“ das Ergebnis einer Notlage. Der Umzug von New York nach Lissabon hatte zur Folge, dass das meiste Equipment von Noah Lennox noch nicht vor Ort war, er sich also mit einem alten, relativ billigen Sampler begnügen musste, der noch dazu relativ wenig Zeit speichern und wiedergeben konnte. Somit war die Idee des Loops und der ständigen Repetition aus der Not geboren und hatte dazu geführt, dass „Person Pitch“ das vielleicht interessanteste und beste Album der 00er Jahre ist oder zumindest zu ebendiesen gezählt werden muss.
„Tomboy“ ist somit das erste Album, das sich von dem Vorgänger absetzen muss. Und das Problem wird gleich sichtbar. Sowohl in Sachen Melodik als auch in Sachen Produktion konnte „Tomboy“ nicht noch einen drauf setzen. Panda Bear konzentriert sich darauf, was er in zweiter Linie auch noch kann: gute Songs schreiben, mit einer interessanten, wenn auch einfachen Harmonik. Doch was verloren geht ist eindeutig die produktionstechnische Innovation. Und somit muss sich Lennox genau dort darstellen, wo er eigentlich seine Schwäche hat: bei dem schlichten Gitarrenspiel, bei den eigenen technisch/musikalischen Fähigkeiten.
„Tomboy“ ist damit erstmals ein mutiges Album, das es wagt, die eigene Schwäche ungeschönt darzustellen und zu zeigen, dass auch mit Hilfe der Gitarre, auf deren Basis sämtliche Songs stehen, meisterhafte Songs entstehen können. Und diese meisterhaften Songs entstehen dann durchaus, doch es tritt ein, was man befürchtet hatte: die Platte kann nicht über den gesamten Verlauf fesseln, die Fähigkeiten von Lennox reichen nicht aus, um über die volle Spielzeit zu beweisen, dass die Platte zwingend so sein muss, wie sie ist. Eher haben wir es hier mit zum Teil grandiosen, zum Teil eher mittelmäßigen Einzel-Songs zu tun, die auch in einer anderen Reihenfolge stehen könnten. „Tomboy“ vermag es nicht so recht deutlich zu machen, warum das Album so lang sein musste und nicht einige Minuten eingespart worden sind. Diese Einsparungen und diese Straffungen hätten dem Album zweifellos gut getan. Man ertappt sich dabei das hervorstechende Merkmal des Halls, der in Hall gedünkten Stimme, mit der Zeit auch eher ermüdend als erhebend und ansprechend zu finden.
So ist „Tomboy“ eine ambivalente Angelegenheit, die aber zumindest noch belegen kann, dass „Tomboy“ besser ist, als eigentlich alles was man unter „Chillwave“ zusammenfassen könnte, dessen Trend und Begriff „Person Pitch“ 2007 einst mitprägte. Eine Rückkehr also unter dem Vorzeichen, mit den jetzigen Bands und Acts Schritt und Stand zu halten. Lennox hält Stand, doch kommt er kaum einen Schritt voran. „Tomboy“ ist leider mehr oder weniger enttäuschend, wenn auch auf hohem Niveau.
7,5/10





















































