22. April 2011 | Meinung

Aufgeblättert zu Ostern

piper-verlag.de
Longseller mit Geschichten über Verrat, Mord, Liebe und Hingabe

Ein Meisterwerk für jeden Geschmack

 

Krimileserin? Liebesgeschichten-Begeisterter? Thriller-Fan? Fantasy-Freundin? Historische Romane-Verschlinger? Abenteuer-Leser? oder doch Mystery-Liebhaberin? Es scheint undenkbar all diese literarischen Vorlieben mit einem Buch zu befriedigen und doch ist genau das möglich. Das Buch aller Bücher bietet für jeden Geschmack das Richtige! Für die thematische Bandbreite des Longsellers mag die Anzahl der Verfasser mitverantwortlich sein, genau lässt sie sich leider nicht mehr festlegen. Schließlich haben die Autoren auch über 1200 Jahre an dem Meisterwerk gearbeitet, da verwundert es weder, dass die Namen der Beteiligten in den Hintergrund geraten sind noch dass der Wälzer in unterschiedlichen Ausführungen, Zusammenstellungen oder Anordnungen verbreitet ist. Und dennoch hat die Leserschaft eine tendenzielle Lieblingsfassung bestehend aus einem Alten und einem Neuen Teil, dafür sprechen zumindest die Verkaufszahlen: sie liegen bereits in Milliardenhöhe. Aber was hat die in fast dreitausend Sprachen übersetzte Geschichtensammlung zu bieten?


Spannung und Thrill werden hier durch hinterhältige Morde an einflussreichen Männern, Massentötungen an unschuldigen Frauen und Kindern oder aus Eifersucht und Gier begangene Verbrechen erzeugt. Die Neugier weiter zu lesen wird gespeist aus dem Verlangen mehr über die Opferbereitschaft und Hingabe, aber auch Fehltritte und Irrungen der Protagonisten zu erfahren. Spannung wird aufgebaut durch die Beschwörung von Katastrophen, Weltuntergängen und Apokalypsen, die in einer Welt der Ordnung, Güte und Vergebung aber nicht zum endgültigen Aus führen können. Denn das Buch der Bücher verkündet trotz brutaler, blutrünstiger und gewalttätiger Inhalte dennoch von Liebe und Frieden.

 

mokant.at > foto: jelena vasiljevic

Altes Buch ganz neu
Abschreckend auf die interessierte Leserschaft (die mittlerweile selbstverständlich mitbekommen hat, dass hier von der Bibel die Rede ist) könnte neben dem Umfang des Werkes vor allem seine veraltete Sprache wirken. Zahlreiche Schriftsteller haben sich aus eben diesen beiden Gründen des meist publizierten Buches der Welt angenommen. Sie haben es in eine Gegenwartssprache „übersetzt“ und gekürzt, in dem sie bloß die bekanntesten, spannendsten und interessantesten Buchteile für ihre Ausgabe gewählt haben. Ein gelungenes Beispiel für eine moderne Adaption der Geschichten ist Michael Köhlmeiers Werk „Geschichten von der Bibel: Von der Erschaffung der Welt bis Moses“. Der Schriftsteller selbst meint über die bedeutendste Lektüre aller Zeiten: „Die Bibel ist ja mehr eine Bibliothek als ein Buch.“ Mit seiner unnachahmbaren Fähigkeit alten Erzählungen Frische zu verleihen, sie mit dem einen oder anderen neuen Detail auszuschmücken und auf zeitgemäße Weise miteinander zu verbinden, hat der Autor auch den Bibelgeschichten neues Leben eingehaucht. Das Buch ist nicht nur die perfekte Lektüre für am Alten Testament-Interessierte, sondern auch idealer Lesegenuss für alle Köhlmeier-Fans. Allerdings beschränkt sich der virtuose Nacherzähler dabei auf Geschichten aus dem Alten Testament, wer danach noch immer nicht genug hat, dem sei „Der Menschensohn. Die Geschichte vom Leiden Jesu“ empfohlen. Dort kann der Leser die Passionsgeschichte des Herren in zeitgemäßer Sprache nachlesen und fasziniert feststellen, dass die Hauptaussagen unabhängig von ihrem historischen Kontext ihre Gültigkeit bewahren.

 

mokant.at > foto: jelena vasiljevic
Von Jungfrauen und jungen Frauen

Wer denkt die Geschichten bereits In- und Auswendig zu kennen und auf Nacherzählungen keine Lust hat, kann den Schritt wagen und sich auf eine Geschichte über die Geschichten der Bibel einlassen. Welche Ereignisse des bedeutendsten Buches aller Zeiten beruhen auf Fakten, welche sich erfunden und welche sind aufgrund von Fehldeutung und Übersetzungsfehlern entstanden? Martin Urban hat Antworten auf diese und viele anderen Fragen zum Buch aller Bücher in „Die Bibel. Eine Biographie“ gesammelt. „Die Biographie der Bibel lehrt insbesondere die Evolution eines Gottesbildes. Vom Sturmgott und seiner Gespielin bis hin zu dem Bild von Gott, das Jesus von Nazareth seinen Jüngern vorgelebt und gedeutet hat“. Neueste Erkenntnisse aus der Archäologie, den Natur-, Sprach- und Geschichtswissenschaften berücksichtigend, verleiht der gläubige Physiker der Bibel neue Aussagekraft. Denn selbst die kritischsten Zweifler können die Bedeutung dieses Werkes für die abendländische Kultur nicht leugnen. Und glauben muss der Leser an die Geschichten genauso wenig wie an den Osterhasen! In diesem Sinne: Frohe Ostern!

 

Aufgeblättert nachlesen ...
Aufgeblättert: „Sommer wie Winter“ von Judith W. Taschler
Aufgeblättert: Lesen statt Lernen
Aufgeblättert: „Zwischen den Wänden“ von Johannes Epple
Aufgeblättert: „Der Maler des Verborgenen“ von John Vermeulen
Aufgeblättert: „Sehnsucht nach dem Vater“
Aufgeblättert: „Philosophie für Verdorbene. Essays über Pornografie“
Aufgeblättert: „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“
Aufgeblättert: „Herznovelle“
Aufgeblättert: „Der Bro Code“
Aufgeblättert: „Tschernobyl Baby“

 

 

Martin Urban im Galiani Verlag

Rezension von



Foto: piper-verlag.de (1), Jelena Vasiljevic (2)

 

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